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IG BERGBAU Von der Sole aufwärts

aus DER SPIEGEL 39/1964

Mit 15 Jahren fuhr er als Bergjungmann in die Pütts der westfälischen Zeche »Sachsen« ein; mit 30 holten ihn die Kumpels in den Gewerkschaftsvorstand. Am Freitag vergangener Woche wählte der 8. Bergarbeiter -Kongreß in Wiesbaden den noch nicht ganz 40 Jahre alten Walter Arendt zum neuen Vorsitzenden der Industriegewerkschaft (IG) Bergbau und Energie.

Sein Vorgänger Heinrich Gutermuth, der acht Jahre lang mit viel List und einiger Tücke das schwarze Zepter geschwungen hatte, trat von der Bühne ab, weil laut Gewerkschaftssatzung mit 65 Jahren alle Macht und Herrlichkeit enden. Gutermuth, 66, einstmals Schmied auf der Mannesmann-Zeche »Consolidation«, geht bekümmert in Pension, denn die IG Bergbau, deren Mitgliedern er die 40-Stunden-Woche erkämpfte, war und ist sein einziges Hobby.

Den Karrieristen Arendt, der über beachtliches Verhandlungsgeschick und früh erbleichtes Haar verfügt, erwarten harte Monate. Zum 31. Oktober hat sein Kumpelsyndikat den Lohntarif gekündigt. Arendt soll nun neun Prozent höhere Löhne und Gehälter sowie drei Prozent mehr Wohnungsgeld für die Bergarbeiter durchboxen. Damit steht eine der größten Lohnauseinandersetzungen im Ruhrbergbau bevor.

Für den 31. Oktober schleifen aber auch die Zechenherren schon die Säbel. An diesem Tage läuft die festgesetzte Anmeldefrist für neuerliche Zechenstilllegungen ab. Die Unternehmer werden bekanntgeben, welche weiteren Pütts sie schließen wollen. Um die rußigen Fördertürme wabert das Gerücht, in den nächsten Jahren müßten noch einmal 50 000 Kumpel ihr Gezähe an den Nagel hängen.

Wegen des erwarteten Zechensterbens droht der Gewerkschaft neuer Blutverlust. Seit dem Beginn der Kohlenkrise sank die Zahl der Organisierten von ehemals 597 000 auf 450 000. Schon mußte das Kumpelsyndikat seinen Vorstand und die Zahl der Außenbüros verringern. Arendt: »Lohnauseinandersetzungen und Zechenstillegungen - es kommt gleich knüppeldick auf mich zu.«

Lange Zeit hatte Gutermuth versucht, den Wirtschaftspolitiker in seinem Vorstand, Heinz Kegel, 43, zu seinem Nachfolger zu machen. Aber die Masse der Funktionäre plädierte für Walter Arendt, der auf den Gewerkschaftskongressen stets mehr Delegierten-Stimmen einheimsen konnte als Gutermuth selbst.

Schon 1959 fühlte sich Arendt als designierter Nachfolger des Altbosses mit der Obersteiger-Physiognomie. Zielbewußt schlug er damals den ihm angetragenen Vorstandssitz im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) aus.

Volksschulbidung und Untertage-Erfahrung sind die einzigen Merkmale, die Arendt mit seinem Vorgänger verbinden. Während Gutermuth polterte und brummte - Erhard nannte er einen »Gummilöwen« -, hält es Arendt mehr mit taktischem Finassieren. Die Verstaatlichung des Bergbaus, ein Vorhaben, dessen sich Gutermuth mit der Wehmut des Greises erinnert, der am warmen Ofen von früheren Hochgebirgstouren träumt, hält sein Nachfolger für undurchführbar.

Schon im Jahre 1948 holte die IG Bergbau den 23 Jahre alten Junggewerkschaftler in ihre Pressestelle, deren Leitung er sechs Jahre später übernahm. Zugleich rückte er zum Chefredakteur der Verbandszeitungen auf. Seit 1955 sitzt Arendt hauptamtlich im Vorstand und durfte sich bald mit den Insignien des Managements schmücken - Mercedes-Dienstwagen und Chauffeur.

Der erste Versuch des ehrgeizigen Pressefunktionärs, Politiker zu werden, scheiterte bei der Bundestagswahl 1957. Der christliche Bergarbeiter Harnischfeger schlug ihn im Wahlkreis Gladbach-Bottrop. Vier Jahre später errang Arendt dann im Wahlkreis 99 (Gelsenkirchen) ein Direktmandat. Im Bundestag brachte Arendt das Gesetz durch, das die Altersgrenze für bestimmte Gruppen von Untertage-Kumpeln von 60 Jahren auf 55 Jahre herabsetzte. Arendt: »Ich hatte dabei meinen Vater immer vor Augen. Er starb mit 54 Jahren an Steinstaublunge.«

Im nächsten Jahr allerdings gedenkt er nicht wieder zu kandidieren: »Der erste Vorsitz der Gewerkschaft ist eine abendfüllende Beschäftigung.«

Schon vor Jahren schickte die IG Bergbau ihren grauhaarigen Nachwuchsstar auf ausgedehnte Studienreisen in die USA und nach Japan, hievte ihn ins Europa-Parlament und delegierte ihn in die Spitzengremien bedeutender Ruhrkonzerne. So gehört Arendt dem

Aufsichtsrat des Düsseldorfer Stahl - und Röhrentrusts Mannesmann AG an und fungiert bei der Steinkohlenbergwerk Westfalen AG sogar als stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzer.

Die Aufsichtsjobs bringen ihm jährlich 50 000 Mark ein - nahezu doppelt soviel wie der Posten des Bergarbeiterführers, der traditionell niedrig dotiert wird.

Die Aufsichts-Apanage der Ruhrkonzerne ermöglichte ihm inzwischen den Bau eines wohlproportionierten Eigenheimes in Wattenscheid, wo er mit Frau und Sohn wohnt. Vom Bau eines Swimmingpools nahm der Gewerkschaftschef allerdings Abstand: »Das kann ich mir in einer Arbeitergegend nicht leisten.«

Der neue Vorsitzende der IG Bergbau und Energie denkt nicht daran, sich im Deutschen Gewerkschaftsbund zum Flügel des Reformers Leber (der auch einst Pressechef war) oder des konservativen Brenner - mit dem Arendt die Vorliebe für elegante Maßanzüge teilt - zu schlagen. Arendt hält es mit dem Pragmatismus: »Wir werden nur die Interessen der Bergarbeiter vertreten.«

Bergarbeiterchef Arendt (r.), Pensionär Gutermuth, Gast: »Es kommt gleich knüppeldick«

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