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SYNGMAN RHEE Von Freunden gestürzt

aus DER SPIEGEL 19/1960

Eine seltsame Ovation erlebte Amerikas Botschafter in Seoul, der sanfte Walter Patrick McConaughy, der die Abenteuer seiner diplomatischen Karriere mit einem beschaulichen Musikanten-Dasein zu verbinden versteht, in der vergangenen Woche.

Während in den Außenbezirken der südkoreanischen Hauptstadt noch vereinzelte Schüsse fielen, drängte eine jubelnde Menschenmenge zum amerikanischen Botschaftsgebäude. Gleichzeitig schleiften Lastkraftwagen mit jaulenden Motoren die von ihren Denkmalssockeln gestürzten, halbverstümmelten Standbilder des bisherigen Staatschefs Syngman Rhee durch den Straßenstaub.

Der 51jährige US-Diplomat, den Seouls rebellierende Studenten mit stürmischen Hochrufen feierten, hatte während der voraufgegangenen Unruhen (SPIEGEL 18/1960) im Auftrag seines Außenministers wacker mitgeholfen, eine bislang befreundete Regierung zu stürzen, deren diktatorische Methoden den amerikanischen Schutzpatron und seine 14 Nothelfer innerhalb der Vereinten Nationen auf das peinlichste kompromittierten.

Konstatierte die »New York Herald Tribune« besorgt: »Die offene Intervention der USA in einer Frage, die innere Angelegenheiten eines Alliierten derart eng berührt, war bisher ohne Beispiel. Das Ergebnis mag jedoch Gratulationen auslösen ...«

In der Tat blieb dem US-Außenministerium angesichts der hohen amerikanischen Investitionen an Blut und Geld und des Engagements der freien Welt in Korea (Guardian": »Südkorea verdankt seine Existenz - den Vereinten Nationen") kaum eine andere Wahl:

- 33 629 US-Soldaten waren während des koreanischen Krieges (1950 bis 1953) gefallen,

- 2,5 Milliarden US-Dollar flossen seitdem als Wirtschafts- und Waffenhilfe in die Rhee-Republik.

Das alles hatte jedoch nicht ausgereicht, um das »Land der Morgenstille« in jenen demokratischen Modellstaat zu verwandeln, den die USA in der ersten Siegerfreude nach 1945 zu errichten hofften. Wenn die US-Regierung die Fiktion retten wollte, daß Südkorea zur freien Welt gehöre, mußte sie jetzt zugunsten der jugendlichen Rebellen und gegen Rhee intervenieren.

Vor dieser amerikanischen Intervention kapitulierte schließlich der schreckliche Alte mit dem ledernen Greisengesicht, nachdem Südkoreas Parlament mit den Stimmen der bisher von ihm dirigierten Liberalen Partei einmütig seinen Rücktritt gefordert hatte. Heimlich verließ Dr. Rhee sein Präsidentenpalais »Kjung Mu Dai« (das Haus der

Schönheit und des Mutes), während seine letzte Botschaft aus den Lautsprechern plärrte: »Ich respektiere den Beschluß der Nationalversammlung. Ich werde dem Lande und der Nation für den Rest meines Lebens als einfacher Bürger dienen.«

Zwölf Jahre harter Herrschaft des 85jährigen Autokraten und vier Wochen eines zähen Ringens um die letzten Bastionen seiner Macht, bei dem er nur Schritt für Schritt zurückgewichen war, gingen damit zu Ende. Der 64jährige Hu Tschung, ehemals geschäftsführender Premier und Bürgermeister von Seoul, übernahm die Regierung. Er versprach sofort eine »Reorganisation« der verhaßten Polizei. Die von der Opposition geforderten Neuwahlen sollen in drei Monaten stattfinden. Schrie einer der studentischen Aufrührer siegestrunken: »Das ist ein größerer Tag als die Befreiung von den Japanern!«

Walter P. McConaughy aber, der Klarinette blasende Repräsentant der amerikanischen Schutzmacht, ließ väterlich verkünden: »Ich vertraue darauf, daß das Volk rasch wieder zu seiner täglichen Arbeit zurückkehrt ... Die USA werden der Republik Korea auch weiterhin ihre volle Unterstützung zukommen lassen.«

Dreimal hatte die Limousine Mc-Conaughys in den turbulenten Tagen der Revolte die Stacheldrahtverhaue, Panzer und schußbereiten Maschinengewehre rings um Rhees Präsidentenpalast passiert. Zweimal überreichte der kühle Diplomat - »er sieht wie ein Gelehrter aus« ("New York Times") - geharnischte Noten seines Außenministers, betonte, daß jetzt »keine Zeit für Beschwichtigungen« sei, und ließ beiläufig wissen, Washington werde die jährliche US-Hilfe in Höhe von 200 bis 300 Millionen Dollar zunächst »einfrieren« lassen. Beim dritten Mal brachte McConaughy den amerikanischen General Carter B. Magruder mit, der die in Korea unter der Uno-Flagge dienende Achte US - Armee kommandiert.

Was diplomatischer Druck allein nicht vermochte, bewirkten die nüchternen militärischen Argumente des Generals, dessen Truppen nach wie vor den Bestand der südkoreanischen Republik garantieren. Nach dieser dritten Visite kündigte Syngman Rhee seinen Rücktritt an - »wenn das Volk es so will«.

Das Volk wollte. Weder die Demission des gesamten Kabinetts noch Rhees Verzicht auf den Vorsitz der Liberalen Partei, ja, nicht einmal der Rücktritt des halbgelähmten Li Ki Pong, dessen gefälschte

Wahl zum Vizepräsidenten das Unheil heraufbeschworen hatte, genügten den Aufrührern mehr. Jetzt mußte auch der »halsstarrige Alte« ("Time") weg, der mit List und Lügen und einer 300 000 Mann starken Polizei zwölf Jahre lang wie ein Diktator geherrscht hatte.

Witzelten die Studenten von Seoul: »Rhee regiert nur noch, weil der Bauer nicht lesen kann.« Den meisten der 22 Millionen Südkoreaner hatte der Dorfgendarm bei der umstrittenen Präsidentenwahl am 15. März handgreiflich erklärt, wen sie zu wählen hätten. Gegner des Rhee-Regimes wurden nachts von bewaffneten Banden zusammengeschlagen.

Nach derartigen Wahlvorbereitungen triumphierte nicht nur Rhee mit 92 Prozent aller Stimmen. Auch sein Parteifreund, der zum Nachfolger des Staatschefs auserkorene 63jährige Li Ki Pong,

bislang Parlamentspräsident und Vorsitzender des Zentralkomitees der Liberalen, siegte über den bisherigen Vizepräsidenten und Führer der oppositionellen Demokratischen Partei Dr. John M. Chang mit einer erschwindelten Mehrheit von über sechs Millionen Stimmen. Vier Jahre zuvor war Rhee-Günstling Li der Geschlagene gewesen.

Die Demokraten hatten den Wahlsieg Lis - er flüchtete Ende vergangener Woche mit seiner Familie in einen selbstgewählten Tod - sofort als einen »Akt der Räuberei« bezeichnet. Unter Protest verließen sie die Nationalversammlung. Drei Tage danach begann der Aufruhr der Schüler und Studenten, für den der Staatschef vergebens »kommunistische Agenten« verantwortlich zu machen suchte. Prophezeite die »New York Times": »Unter dem wachsenden Druck der inneren Opposition und der Vereinigten Staaten ist Dr. Rhee offensichtlich gezwungen, sein Regime zu reformieren.«

Doch die zögernd angebotene Reform

- ein Kabinett unter einem dem Parlament verantwortlichen Premier anstelle der bisherigen Präsidialregierung - erschien zu fragwürdig, als daß sie die Aufrührer hätte befriedigen können. Vor 1954 hatte bereits ein Premierminister neben dem Präsidenten amtiert. Rhees Gegenspieler Dr. Chang und sein jetziger Nachfolger Hu Tschung spielten zeitweilig diese undankbare Rolle, bis eine von Rhee erzwungene Verfassungsänderung die bescheidenen Befugnisse des Premiers mit der Machtfülle des Präsidenten vereinte.

Auch jetzt grübelte Südkoreas zeitweiliger Regierungschef Hu Tschung ehe der Liebhaber zarter Kammermusik, der in Südamerika, China und Burma als »troubleshooter« erprobte US-Botschafter McConaughy, den greisen Rhee zur Abdankung zwang -, ob nicht eine Formel gefunden werden könne, um die »starke Persönlichkeit Dr. Rhees« mit der parlamentarischen Verantwortung des Kabinetts in Einklang zu bringen. Deklamierte Hu Tschung: Rhee sei für die »Stabilität des Staates« unentbehrlich.

Die Historie war allerdings heimtückisch genug, diesen auch für manche seiner Kritiker so unentbehrlichen »starken Mann«, der seit sechs Jahrzehnten als »Mr. Korea« aufzutreten liebte, über eine Revolte stolpern zu lassen, die jenem Studenten-Aufruhr ähnelte, den er selbst 1897 gegen die japanische Fremdherrschaft inszenierte. Rhee ist nämlich der Gründer jener freiheitlichnationalen Studentenbewegung in Korea, die einst gegen die Japaner und jetzt gegen den Polizeistaat ihres altersblinden Nationalhelden putschte. McConaughy wurde schließlich dazu ausersehen, in Korea ein Exempel zu statuieren, wie Washington sich eines unbequem gewordenen Alliierten entledigt. Einige andere mit autoritären Neigungen behaftete Verbündete der westlichen Führungsmacht - insbesondere die ebenfalls von Studenten-Krawallen heimgesuchte Türkei - verfolgten dieses Spektakel mit Unbehagen.

Beschwichtigte die »New York Herald Tribune« aufkeimende Besorgnisse: »Damit entsteht kein Präzedenzfall für die USA, nun wie ein frischgebackener Don Quichotte durch die Welt zu reiten, um all das wiedergutzumachen, was wir vielleicht als Missetaten unserer Freunde und Verbündeten betrachten.«

Abgedankter Diktator Rhee: Wenn das Volk es will

McConaughy

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