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DE CASTRIES Von Kameraden angeklagt

aus DER SPIEGEL 45/1954

Wo ist mein Stab?« fragte General de Castries verwundert, als ihn die Vietmin an einem Septemberabend in der Austauschstation Vietri am Roten Fluß aus der Gefangenschaft entließen. Nur ein Arzt, ein Marine-Offizier und eine Krankenschwester hatten sich eingefunden, um den noch kurz zuvor von der ganzen westlichen Welt als Held von Dien-bien-fu gefeierten General zu begrüßen.

Die Offiziere seines Stabes, die de Castries in Vietri vermißt hatte, standen ihm jüngst in Saigon gegenüber. Vor einer Offizierskommission, die den Verlauf des Kampfes um Dien-bien-fu noch einmal rekonstruierte, redeten sie sich die Enttäuschung und den Zorn vom Herzen, die sie seit den ersten Attacken der Vietmin auf die Dschungelfestung erfüllt hatten. Ihre Vorwürfe drohen den Heldenruhm des Generals zu zerfleddern und ihn selbst als kläglichen Versager zu entlarven.

Wortführer der Widersacher ihres einstigen Festungskommandanten ist der eckige, rauh-borstige Fallschirm-Oberst und Legionärsführer Pierre Langlais, ein Urbild des auch gegen sich selbst rücksichtslosen Frontoffiziers und Soldaten. Schonungslos schleuderte er dem feinnervigen, wie immer sorgfältig gepuderten und parfümierten Aristokraten und Herrenreiter*) de Castries ins Gesicht, was der sich an Fehlern und Unterlassungen geleistet habe.

De Castries habe es unterlassen, die beherrschenden Höhen um Dien-bien-fu zu befestigen. Dadurch sei die Festung schutzlos dem feindlichen Artilleriefeuer ausgesetzt gewesen. Wichtige Außenstellen seien mit nur mittelmäßigen Einheiten besetzt worden, und kostbarer Transportraum in den Flugzeugen sei nicht nur durch unsinnige Wein- und Cognac-Sendungen für die Offiziersmessen, sondern auch durch Holzlieferungen verlorengegangen, die rechtzeitiger Einschlag im Dschungel unnötig gemacht haben würde.

Der Einfluß des Generals auf die Truppe war nach den Schilderungen der einstigen Dien-bien-fu-Verteidiger so verheerend, daß in den entscheidenden Phasen der Schlacht überhaupt nur die aus 3000 Franzosen und Fremdenlegionären bestehenden Fallschirm-Einheiten kämpften. Die übrigen

*) Selbst in die belagerte Festung habe er sich immer Toilette-Utensilien schicken lassen, verbreitete sich Madame Jacqueline de Castries in ausländischen Blättern über ihren »Gatten, den General«. In einem Fortsetzungsbericht, den sie einer schweizerischen Illustrierten zur Verfügung stellte, schrieb sie: »Viele Menschen halten Christian für den typischen Soldaten im besten Sinn des Wortes, aber sie irren. Er hätte ebensogut Diplomat werden können ... Als Mann ist der General sehr verführerisch in jedem Sinn ... Sogar in Dien-bien-fu war sein Äußeres sehr gepflegt - seine Felduniform war immer sauber und gebügelt, die Schuhe glänzten, und er ließ nie seine Bambusgerte aus der Hand. So bekamen ihn seine Leute zu sehen!« 8000 Mann der Festungsbesatzung hätten sich verkrochen.

Als Christian Marie Fernand de la Croix de Castries vor elf Monaten den Auftrag erhielt, Dien-bien-fu gegen die Truppen Ho Tschi-mins zu verteidigen, war er ein unbekannter Oberst der französischen Kolonial-Armee. Dann aber erhob ihn die Sympathie des Westens für die in hoffnungsloser Isolierung kämpfenden Truppen der Festung zum fast mythischen Symbol heldenhaften Widerstandes gegen kommunistische Aggression. »Die freie Welt schuldet Oberst de Castries mehr, als sie ihm geben kann«, tönte feierlich der bekannte amerikanische Kommentator Joseph Alsop, und Präsident Eisenhower erklärte auf einer Pressekonferenz in Washington, daß er de Castries die Generalssterne geben würde, wenn er Befehlshaber in Indochina wäre. Außerdem schrieb er ein Empfehlungsschreiben an Frankreichs Präsident René Coty.

Die damalige Regierung Laniel folgte dem massiven amerikanischen Wink und machte den Obersten de Castries - entgegen aller Tradition der französischen Armee, einen Offizier während der Schlacht nicht zu befördern - zum Brigadegeneral. Ein Fallschirmspringer brachte ihm die silbernen Sterne, die Frau de Castries, da sie anderswo nicht aufzutreiben waren, schließlich dem französischen Oberbefehlshaber in Nord-Indochina abgeknöpft hatte - auf schwarzen Epauletten, wie sie in der französischen Armee üblich sind. Anderntags

bat der neugebackene General seine Frau durch Funk, ihm rote Epauletten zu senden. Mit ihnen fuhr de Castries dann 25 Tage später in die Gefangenschaft.

In der Aufregung, in der die Welt durch den Kampf um Dien-bien-fu gehalten wurde, im Rausch pathetischer Heldenverehrung und unter beruhigenden Versicherungen offizieller französischer Dementis ging schnell unter, was über ein anderes Vorspiel zu der Beförderung schon damals glaubwürdig gemeldet und von einer amerikanischen Rundfunkgesellschaft ausposaunt worden war: daß nämlich der ungeduldige Oberst mit der Rückgabe seines Offizierspatents gedroht habe, falls er nicht zum General befördert werde.

Auch Berichte der aus Dien-bien-fu evakuierten Verwundeten, wonach in Wirklichkeit nicht de Castries, sondern der Oberst Langlais und einige weitere Offiziere die Verteidigung der Festung leiteten, fanden zunächst kaum Beachtung. Aber seit dem Beginn des in Genf ausgehandelten Gefangenen-Austausches waren die Stimmen über die zweifelhafte Rolle des Generals*) nicht mehr zu überhören.

In Saigon berichtete de Castries nach seiner Entlassung dem französischen Oberkommandierenden,

*) Schon wegen gewisser zweifelhafter Meriten aus dem zweiten Weltkrieg steht de Castries bei der Armee nicht im allerbesten Ruf. Manche frühere Kriegskameraden verübeln ihm, daß er im April 1945 seine marokkanischen Spahis die unverteidigte Lazarettstadt Freudenstadt plündern und brandschatzen ließ, nachdem die Stadt 24 Stunden lang mit Spreng- und Brandgranaten beschossen worden war. aber die ursprünglich geplante große Pressekonferenz wurde auf direkten Befehl von Paris abgeblasen. In aller Heimlichkeit flog Brigadier de Castries nach Hanoi ab.

Ebenso heimlich reiste er einige Tage später mit einer planmäßigen Maschine der Air France inkognito nach Paris. Nicht einmal die Flugzeugbesatzung erkannte in dem hakennasigen, mit dunkler Brille ausstaffierten Zivilisten Monsieur de la Croix den General von Dien-bien-fu. Im französischen Verteidigungsministerium gab man auf Anfragen die Auskunft, der General sei zu einem »privaten Besuch« in Frankreich und werde bald nach Indochina zurückkehren, um sein früheres Kommando abzuwickeln.

Als de Castries zwei Wochen darauf tatsächlich nach Indochina zurückreiste, hatte er nicht nur in der Pariser Bar »El Toro« mit seiner blonden Frau Jacqueline Wiedersehen gefeiert und im Cercle de l''Etrier alte Reiter-Freunde getroffen, sondern während seines privaten Besuches auch eingehend mit dem Verteidigungsminister Temple konferiert, dem Ministerpräsidenten Mendès-France berichtet und schließlich doch noch eine - nach Meinung der Amerikaner schokierende - Pressekonferenz abgehalten.

»Die Gefolgschaft Ho Tschi-mins«, so versicherte de Castries den französischen und ausländischen Journalisten, »besteht nicht nur aus Kommunisten. Die meisten sind Nationalisten«, und »die Vietmin-Soldaten kämpften mit der guten Moral derjenigen, die für die Freiheit und Unabhängigkeit ihres Landes kämpfen.«

Weiter vertrat de Castries die Meinung, daß der Kampf der Vietmin nicht unter chinesischer Regie gestanden habe. In der chinesischen Hilfe für Ho Tschi-min sieht er lediglich einen Ausdruck der »natürlichen Sympathie zwischen zwei gleichgesinnten Systemen«. Was amerikanische

Journalisten an der Indochina-Konzeption des Generals de Castries besonders stutzig gemacht hat, ist, daß sie sich teilweise mit Ausführungen deckt, die er unmittelbar vor seiner Freilassung durch die Vietmin vor Journalisten des Ostblocks gemacht haben soll. Auch dabei habe de Castries die »überlegene Moral der um die Freiheit ihres Landes kämpfenden Volksarmee« gelobt, im übrigen aber, wie die Ostpresse behauptet, »schwere Vorwürfe gegen die amerikanischen Strategen« erhoben.

Von de Castries wurde das zwar bestritten, aber die Übereinstimmungen in anderen Punkten lassen nach Meinung amerikanischer Skeptiker zum mindesten den Verdacht zu, daß die amerika-feindlichen Äußerungen, die dem französischen General unterstellt werden, tatsächlich gefallen sind.

Der hart bedrängte de Castries weist die französische und amerikanische Kritik als Versuch zurück, nachträglich einen Sündenbock für eine Schlacht zu finden, die nach seiner Meinung nur durch rechtzeitigen massiven Einsatz amerikanischer Luftstreitkräfte zu retten war. Wenn überhaupt.

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