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Bildung Von Kopfschmerzen gepeinigt

Bis zu vier Millionen Bundesbürger können weder lesen noch schreiben, allein in Hamburg geht die Schulbehörde von 80 000 Analphabeten aus - und es werden immer mehr. 15 000 Erwachsene besuchen jährlich Schreib- und Lesekurse, die vor allem an Volkshochschulen veranstaltet werden.
aus DER SPIEGEL 36/1995

Im Frankfurter Rotlichtbezirk bietet, flankiert von einem Bordell und einer Peep-Show, ein kleines Ladenlokal seine Dienste an. In den hellen, Ikea-möblierten Räumen wird jedoch weder Sex noch Glücksspiel offeriert - hier geht es um ein Angebot besonderer Art: Lesen und Schreiben.

Wer dort in die Elbestraße kommt, der kann die Nachricht seines Vermieters nicht entziffern, vermag keine Bewerbung zu schreiben und scheitert selbst an der Glückwunschzeile für einen guten Bekannten.

Die Hilfesuchenden beim »Lese- und Schreibservices« in der Main-Metropole haben stets das gleiche Problem: Sie sind Analphabeten.

In Deutschland, dem Land von Goethe und Schiller, können bis zu vier Millionen Menschen über 15 Jahre weder lesen noch schreiben. Allein in Hamburg geht die Schulbehörde von 80 000 Analphabeten aus. Die Unesco schätzt die Rate der Schreib- und Leseunkundigen in den westlichen Industriestaaten auf unter ein bis fünf Prozent der Bevölkerung.

Für die Betroffenen ein hartes Los: In der Schule oft gescheitert, hält sie ein großer Teil der Gesellschaft schlicht für dumm, wenn auch meist zu Unrecht. Ohne besondere Chancen im Berufsleben, sind viele ihr Leben lang zu einem Verliererdasein verdammt (siehe Reportage Seite 83).

Weltweit können über eine Milliarde Menschen nicht mal einzelne Wörter lesen oder schreiben. Mit zahllosen Aufklärungs- und Hilfsprogrammen, die am Welt-Alphabetisierungstag diesen Freitag starten, soll auf das Schicksal der Analphabeten aufmerksam gemacht werden.

In den Industriestaaten mit ihren hochentwickelten Bildungssystemen sprechen Pädagogen von sogenanntem funktionalen Analphabetismus, wenn Menschen trotz Schulpflicht das Lesen und Schreiben nicht lernen oder es nach der Schulzeit wieder vergessen.

Die Gründe hierfür sind, wenn nicht in mangelnder Intelligenz und Begabung, zumeist in der Familie zu suchen. Häufig wachsen die Betroffenen in schwierigen Verhältnissen auf, geprägt von Vernachlässigung, Scheidung, Alkoholsucht der Eltern oder gar häuslicher Gewalt.

Schulische Probleme folgen oft zwangsläufig: Wer in den ersten beiden Grundschuljahren die elementaren Schriftkenntnisse nicht lernt, kann dies kaum mehr aufholen. Ohne besondere Förderung werden Schüler von Klasse zu Klasse mitgezogen, am Ende bringen sie nicht mehr als eine krakelige Unterschrift zu Papier.

Mehr als zwölf Prozent aller Hauptschüler, fast 30 000 Jugendliche, verlassen Jahr für Jahr die Schule ohne Abschluß - Tendenz steigend. Viele von ihnen haben keine ausreichenden Schreib- und Lesefähigkeiten; das gleiche gilt für einen Teil der Sonderschüler.

Damit ist das berufliche Scheitern vorprogrammiert. Denn in der modernen Informationsgesellschaft gibt es kaum noch Hilfsjobs, die ohne schriftliche Fähigkeiten auskommen. Selbst Lagerarbeiter müssen, häufig per Computer, Listen führen, Baugehilfen Material erfassen.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Emnid sind sieben Prozent der 20 bis 24 Jahre alten ungelernten Arbeiter Analphabeten - sie gleiten leicht in Dauerarbeitslosigkeit ab und werden zu Sozialfällen.

Aus Angst entwickeln viele Analphabeten gewiefte Strategien, ihr Unvermögen zu vertuschen: Da hat ein Betroffener die Brille vergessen, trägt beim Behördengang den Arm in der Binde, wird gerade von Kopfschmerzen gepeinigt oder schützt Zeitnot vor. Viele der Analphabeten verlieren im Laufe der Zeit jegliches Selbstbewußtsein.

Wahrgenommen wird das Phänomen Analphabetismus in der Bundesrepublik überhaupt erst seit Ende der siebziger Jahre, als sich der Arbeitsmarkt einschneidend wandelte. Damals standen, bedingt durch die Wirtschaftskrise, plötzlich Tausende ungelernter Hilfskräfte auf der Straße. Doch die Arbeitsämter konnten viele Jobsuchende gar nicht vermitteln, weil sie lese- und schreibunfähig waren.

Anfang der achtziger Jahre organisierten Pädagogen erste Alphabetisierungskurse. Heute lernen allein in Westdeutschland jährlich 10 000 bis 15 000 Erwachsene lesen und schreiben, hauptsächlich an Volkshochschulen. Die Teilnehmer sind zumeist zwischen 25 und 45 Jahre alt. »Zwei bis drei Jahre dauert es schon, bis jemand Buchstaben und Sätze beherrscht«, berichtet Elisabeth Fuchs-Brüninghoff vom Deutschen Institut für Erwachsenenbildung.

Seit der Wende gibt es auch in Ostdeutschland Alphabetisierungskampagnen. Zu DDR-Zeiten war das Problem totgeschwiegen worden. Durch den wirtschaftlichen Umbruch nach der Wiedervereinigung aber traten die Lese-Schreib-Schwächen eines Teils der Bevölkerung offen hervor. Heute bieten in 70 ostdeutschen Städten, von Stralsund bis Zwickau, Volkshochschulen rund 100 Kurse an, alle sind gut besucht.

Trotz aller Bemühungen, so vermuten Fachleute, werde die Zahl der Analphabeten in den westlichen Industrienationen künftig jedoch eher noch zunehmen. Schon jetzt greifen nach einer bundesweiten Erhebung 15 Prozent aller Drittkläßler so gut wie nie zu einem Buch.

Viele Kinder verbringen bereits mehr Zeit vor der Glotze, dem Videogerät oder dem Computerbildschirm als in der Schule. »Eine große Zahl junger Leute« habe es mittlerweile »ganz aufgegeben, sich mit dem Buchstabenwesen herumzuschlagen«, schreibt der US-amerikanische Literaturwissenschaftler Barry Sanders in seinem Mitte September erscheinenden Buch »Der Verlust der Sprachkultur"**.

Wer jedoch nicht in der Lage ist zu lesen, bekommt auch in der Computergesellschaft Probleme: Er kann beispielsweise nicht mal einen Geld- oder Fahrkartenautomaten bedienen. Und selbst wenn diese Geräte einmal sprachgesteuert wären - in einer hochkommunikativen Gesellschaft gehören Analphabeten zu den Ausgestoßenen. ** Barry Sanders: »Der Verlust der Sprachkultur«. _(S. Fischer Verlag, Frankfurt am ) _(Main; 352 Seiten; 32 Mark. ) _(* Lese- und Schreibkursteilnehmer ) _(Hannelore Hahn, Andreas Brückner, Olaf ) _(Haase, Nils. )

Lese- und Schreibservice in Frankfurt am Main: »Zwei bis drei Jahre dauert es«

S. HUSCH / TERZ

** Barry Sanders: »Der Verlust der Sprachkultur«. S. Fischer Verlag,Frankfurt am Main; 352 Seiten; 32 Mark.* Lese- und Schreibkursteilnehmer Hannelore Hahn, Andreas Brückner,Olaf Haase, Nils.

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