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Artikel 20 / 72

»Von lieben Gewohnheiten Abschied nehmen«

aus DER SPIEGEL 7/1974

SPIEGEL: Herr von Menges, die deutsche Industrie fühlt sich derzeit umzingelt. Die Öllander haben die Rohstoffpreise drastisch erhöht, die Gewerkschaften fordern Lohnerhöhungen von 15 bis 20 Prozent, die Koalition beschloß neue Regeln für Mitbestimmung und Vermögensbildung. War die Lage noch nie so ernst?

VON MENGES: Wir fühlen uns nicht umzingelt. Aber es ist unzweifelhaft, daß wir uns in einem, abrupten Wandel befinden, der, jedenfalls was die jüngere Geschichte angeht, nur mit der Währungsreform zu vergleichen ist. Wir haben uns den Luxus erlaubt, uns in den vergangenen Jahren in uns selbst zu versenken, und eine Nabelschau veranstaltet. Dabei haben wir nicht bemerkt, was um uns herum passiert.

SPIEGEL: Was hat sich verändert?

VON MENGES: Weltweit sind manche Industriezweige, die noch vor wenigen Jahren zu den Wachstumsbranchen gehörten, kaum noch wettbewerbsfähig. Andere sind sehr viel mehr gefragt. Immerhin hat sich in den vergangenen Monaten -- nicht erst seit der Ölkrise -- das ganze Preisgefüge auf dem Weltmarkt auf den Kopf gestellt.

SPIEGEL: Sie meinen die Erhöhung der Rohstoffpreise?

VON MENGES: Ja. Aber auch andere Faktoren sind teurer geworden, seien es nun die Energie oder die Nah-

* Mit Werner Funk und Siegfried Mehnert, an der wand von Menges-Vorfahre aus dem 18. Jahrhundert.

rungsmittel. Bei uns in Deutschland haben wir außerdem Lohnsteigerungen, die kaum noch zu verkraften sind.

SPIEGEL: Darauf kommen wir gleich. Sie sind Vorstandsvorsitzender des größten Maschinenbaukonzerns der EG. Zählt Ihr Konzern zu den Zukunfts-Industrien?

VON MENGES: Vermutlich. Pie Anforderungen an unser Know-how, die Nachfrage bei uns nach neuen energiesparenden und energieersetzenden Technologien ist eminent.

SPIEGEL: Wie sehen Sie die internationale Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft?

VON MENGES: Wir haben in den letzten Jahren ohne Zweifel einen gewissen technologischen Vorsprung erreicht. Nur die Amerikaner haben einen vergleichbaren industriellen Standard, uns gegenüber aber den Vorteil, daß sie in ganz anderen Dimensionen arbeiten können.

SPIEGEL: Wie verträgt sich dieser deutsche Technologie-Vorsprung mit Ihrer Behauptung, wir hätten in den letzten Jahren lediglich Nabelschau getrieben?

VON MENGES: In die Nabelschau hatte ich nicht unsere Forschungs- und Entwicklungsarbeit miteinbezogen. Ich dachte vielmehr an den politischen oder besser gesellschaftspolitischen Bereich. Alle diesbezüglichen Überlegungen haben doch keinerlei Rücksicht auf die Entwicklungen um uns herum genommen.

SPIEGEL: Halten Sie die deutschen Unternehmer, deren Bild in den letzten Jahren nicht gerade strahlend gewesen ist, überhaupt für fähig, mit den neuen Herausforderungen fertig zu werden?

VON MENGES: Das Bild des Unternehmers in der Öffentlichkeit ist ein sehr gängiges Thema, bei dem man leicht vergißt, was wir der unternehmerischen Wirtschaft in den letzten 20 Jahren zu verdanken haben. Ich persönlich habe jedenfalls das sinkende Ansehen nie als wirkliche Belastung empfunden.

SPIEGEL: Das versteht man, wenn man bedenkt, daß Sie Ihren Aktionären steigende Gewinne vorweisen können -- trotz der von Ihnen als existenzgefährdend bezeichneten Lohnerhöhungen, trotz der Markaufwertungen der letzten Jahre, von denen angeblich jede nach Unternehmerlesart zum Untergang der westdeutschen Wirtschaft führen sollte. Sie verkündeten unlängst, der Gewinn pro GHH-Aktie sei von 19,50 auf 25,90 Mark gestiegen ...

VON MENGES: ... finden Sie das so aufregend?

SPIEGEL: Nicht aufregend, aber doch geeignet, Ihre Krisenankündigungen zu relativieren.

VON MENGES: Dieser Gewinn ist zu einem großen Teil inflationsbedingt.

SPIEGEL: Nur zu einem Bruchteil.

VON MENGES: Wissen Sie, Sie können doch nicht bestreiten, daß wir trotz aller Erfolge mit der Rentabilität unserer Wirtschaft weltweit am Schluß marschieren. Das hat mir übrigens der SPD-Abgeordnete und Staatssekretär Porzner vom Finanzministerium in einem Gespräch bestätigt. Wir haben in den letzten Jahren unseren Umsatz gut und gerne verdoppelt, auch wenn man die Inflationsrate von den Zuwächsen abzieht. Aber unsere Rentabilität ist ständig gesunken, sie hat sich ungefähr halbiert.

SPIEGEL: Mit Rentabilität meinen Sie den Gewinn bezogen auf das Eigenkapital?

VON MENGES: Ja. Wir haben die Produktivität nicht unbeträchtlich steigern können und setzen jetzt mit nur elf Prozent mehr Arbeitnehmern das doppelte Volumen um. Aber der Ertrag pro Mengeneinheit hat sich halbiert.

SPIEGEL: Wir gingen von einer anderen Bezugsgröße aus. Nämlich der Rentabilität des Grundkapitals.

VON MENGES: Zur Rentabilität gehört nicht nur die Dividende, sondern auch eine ausreichende Rücklagenbildung, und die ist nicht da.

SPIEGEL: Sicherlich ist die Rentabilität des westdeutschen Kapitals im Verhältnis zu anderen westlichen Ländern nicht besonders hoch. Aber Ihre Klagen haben an Glaubwürdigkeit verloren, weil Sie und Ihre Kollegen stets gesagt haben, es gehe mit Gewinnen, Vollbeschäftigung und Exportchancen zu Ende. Dennoch waren die Gewinne ausreichend, um die notwendigen Investitionen zu finanzieren, dennoch wuchsen die Außenhandelsüberschüsse kontinuierlich von Jahr zu Jahr. Ist die Differenz zwischen unternehmerischen Ankündigungen und tatsächlicher Entwicklung nicht zu groß geworden?

VON MENGES: Was haben wir denn anderes an Aktivposten aufzubieten als unsere Exportüberschüsse? Andere Länder müssen sich schon jetzt um die Milliarden von Devisen sorgen, die sie in Zukunft für teureres Öl sparen müssen. Wir haben unsere Position einmal dadurch halten können, daß die Inflation in anderen Ländern rascher lief als bei uns. Und zum anderen haben wir ganz bewußt unsere Positionen auf dem Weltmarkt verteidigt, häufig mit niedrigen, kaum noch kostendeckenden Preisen.

SPIEGEL: Werden Sie diese Position auch in Zukunft halten können?

VON MENG ES: Wir, oder besser die Bundesregierung und manche Partei haben die Exportüberschüsse als unerhört lästiges Übel angesehen und die Mark aufgewertet. Wir, die Unternehmer, haben gesagt, man muß die Exportüberschüsse durchhalten und pflegen, weil man sie eines Tages noch dringend brauchen wird. Dieser Zeitpunkt ist jetzt da, und wir müssen rasch versuchen, diese Überschüsse in einen Umstrukturierungsprozeß zu stecken, der für unser Land entscheidend sein wird. Wir müssen dabei im Ausland investieren, weil sich bei uns wegen der Lohnkosten manche arbeitsintensiven Produktionen nicht mehr lohnen.

SPIEGEL: Wer hat Sie daran gehindert, oder wer hindert Sie jetzt daran, sich stärker im Ausland zu engagieren?

VON MENGES: Wer hat uns die Chance gegeben?

SPIEGEL: Sie haben doch jederzeit Ihr Kapital im Ausland investieren können?

VON MENGES: Das können wir nicht. Denken Sie nur an das Bardepotgesetz.

SPIEGEL: Das trat erst vor zwei Jahren in Kraft. Brauchen Sie staatliche Unterstützung, um Produktionsanlagen im Ausland aufzubauen?

VON MENGES: Nein! Aber wir mußten erst einmal das eigene Haus in Ordnung bringen und dann die Folgen der Aufwertungen verkraften. Oder hätten wir etwa Arbeitnehmer entlassen sollen?

SPIEGEL: Das war doch nicht die Alternative. Immerhin hat die deutsche Industrie in den vergangenen Jahren in nicht unbeträchtlichem Maß Beteiligungen im Ausland gekauft oder eigene Produktionsstätten errichtet.

VON MENG ES: Nicht genug!

SPIEGEL: Was hätte die Bundesregierung Ihrer Meinung nach tun sollen, um die Auslands-Engagements zu verstärken, die weltweite wirtschaftliche Präsenz der westdeutschen Industrie auszubauen?

VON MENGES: Zum Beispiel die Abschreibungsmöglichkeiten verbessern. Aber das ist nicht das Entscheidende, das Entscheidende ist, daß man in den letzten vier, fünf Jahren ...

SPIEGEL: ... also seitdem die SPD/FDP-Koalition die Macht in Bonn übernahm?

VON MENGES: Richtig. In diesen Jahren hat sich die Wirtschaftspolitik immer mehr auf das Inland konzentriert. Wir schreien nicht nach der Unterstützung der Regierung. Was wir brauchen ist der Konsensus aller Beteiligten, der Regierung, der Gewerkschaften und der Unternehmer über den volkswirtschaftlichen Nutzen von Auslands-Engagements der Unternehmen. So unbequem es sein mag: Wir sind als hochindustrialisierte Volkswirtschaft darauf angewiesen, angesichts der veränderten Daten -- Rohstoffpreise, Ölknappheit und weltweite Inflation -- die westdeutsche Wirtschaft neu zu strukturieren.

SPIEGEL: Was genau meinen Sie mit umstrukturieren?

VON MENGES: Wir können auf Dauer in der Bundesrepublik nur high sophisticated technology behalten, also Fertigung von technisch hochwertigen Produkten. Simplere Massenfertigung wird bei uns unrentabel, weil die Lohnkosten einfach zu hoch werden. Alles, was unter dieser Schwelle liegt, werden wir ins Ausland verlegen müssen.

SPIEGEL: Ihre These deckt sich mit der Angst des VW-Vorstandsvorsitzenden Rudolf Leiding, der unlängst behauptet hat, die Massenproduktion von Automobilen sei in einigen Jahren nicht mehr möglich.

VON MENGES: Im Grundsatz stimmen wir überein. Soll unsere Industrie auch noch um die Jahrhundertwende funktionieren, müssen wir uns auf Gemeinschaftsproduktion mit anderen, weniger entwickelten Ländern einlassen.

SPIEGEL: In einem Ingenieurbüro Bundesrepublik fänden viele Arbeitnehmer keine Arbeit?

VON MENGES: Wollen Sie lieber warten, bis die anderen mit uns konkurrierenden Länder, uns auch bei technisch hochwertigen Produkten einholen?

SPIEGEL: Sicher nicht. Aber eine Bundesrepublik mit einer prosperierenden Industrie und vielen Arbeitslosen ist auch nicht gerade ein vertretbares Ziel.

VON MENGES: Meines auch nicht. Ich fürchte, Sie haben mich mißverstanden. Wir werden nur einen Teil der Fertigung ins Ausland verlagern. Bei uns müssen wir soviel produzieren und exportieren, daß wir unseren Standard und unseren Vorsprung halten können. Keine Industrie kommt lupenrein aus der Retorte. Der Umstrukturierungsprozeß, der zwangsläufig auf uns zukommt, kann bei sorgfältiger Planung und Abstimmung reibungslos und ohne unzumutbare soziale Spannungen ablaufen.

SPIEGEL: Auch wenn das Öl knapp bleibt und die Ölländer immer höhere Preise erpressen?

VON MENGES: Das ist keine Erpressung. Solange in Deutschland 60 Prozent Steuern auf einen Liter Benzin liegen, kann ich nicht finden, daß ein Ölland uns erpreßt, wenn es seine Preise drastisch heraufsetzt. Ich gebe zu, das Ganze ist sehr ärgerlich, weil es sich gegen den deutschen Lebensstandard, vor allem gegen den Lebensstandard der Arbeiter, richtet. Die heutige Situation verlangt, daß wir in wenigen Jahren mit Problemen fertig werden müssen, für die wir eigentlich Jahrzehnte vorgesehen hatten.

SPIEGEL: In diesem Jahr fordert die IG Metall Lohnerhöhungen von über 15 Prozent. Nicht zuletzt deshalb, weil die von Inflation und Steuerprogression geminderten Realeinkommen in den Betrieben Unzufriedenheit und die Bereitschaft zu wilden Streiks hervorgerufen haben.

VON MENGES: Wenn wir mehr Geld verdienen, kommen wir in eine höhere Steuerklasse. Ich sehe das nicht als nationales Unglück an. Ich verdiene lieber Geld und« zahle Steuern, als daß ich kein Geld verdiene und Steuern spare. Ich will keineswegs leugnen, daß die Inflation kurzfristig das beherrschende Problem ist, auch für die Arbeitnehmer. Aber dieses Problem wird nicht dadurch gelöst, daß man hohe vom Wachstum losgelöste Lohnzuwachsraten vereinbart. Im Gegenteil!

SPIEGEL: Sie selbst gaben zu, daß Westdeutschland gemeinsam mit den USA die führende Industrienation der Welt ist. Andererseits muten Sie den Arbeitnehmern sinkende oder allenfalls stagnierende Realeinkommen zu. Verdienen Westdeutschlands Unternehmen nicht genug?

VON MENGES: Seit 1968 haben wir einen eindeutigen Knick in der Gewinnkurve nach unten. Trotzdem ist der Anteil der Arbeitnehmer am Sozialprodukt gestiegen. Eine einstellige Lohnsteigerungsrate bedeutet noch kein sinkendes oder stagnierendes Realeinkommen.

SPIEGEL: In den Jahren nach der Währungsreform, die Sie mit unserer jetzigen Situation vergleichen, haben die Arbeitnehmer schon einmal durch niedrige Löhne und Konsumverzicht den Aufbau der westdeutschen Industrie erleichtert. Glauben Sie, daß diese Zurückhaltung noch einmal zumutbar ist?

VON MENGES: Wir sollten uns gemeinsam darauf besinnen, daß wir in einem Boot sitzen und gemeinsam den Angriff auf den Lebensstandard der Industrienationen bestehen müssen.

SPIEGEL: Haben die Gewerkschaften nach Ihrer Ansicht überhaupt vor ihren Mitgliedern die Möglichkeit, sich mit anderen Raten zufriedenzugeben?

VON MENGES: Das ist sicher ein Problem. Dabei müssen die Gewerkschaften sich vorhalten lassen, daß sie jahrelang Erwartungen geweckt haben, die auf die Dauer nicht zu halten sind. Auch die Gewerkschaften werden nicht umhin können, ihren Mitgliedern die Frage vorzulegen: Willst du lieber einen sicheren Arbeitsplatz, oder willst du lieber jetzt mehr verdienen und später stempeln gehen? Ich fürchte, daß wir in der nächsten Zukunft von einigen lieben Gewohnheiten Abschied nehmen müssen. Eine davon ist, daß die überwiegende Mehrzahl der Arbeitnehmer Jahr für Jahr reale Einkommensverbesserungen erreicht hat.

SPIEGEL: Auch manche Manager könnten in diese Gefahr kommen, wenn die arabischen Staaten ihre Deviseneinnahmen zum Aufkauf westdeutscher Unternehmen nutzen würden. Hätten Sie etwas dagegen, wenn der Emir von Bahrein die Aktienmehrheit an der GHH erwerben und das Unternehmen nach seinem Geschmack führen würde?

VON MENGES: Ich hätte überhaupt nichts dagegen, wenn sich zum Beispiel die Perser am westdeutschen Tankstellennetz beteiligen würden. Was eine Mehrheitsbeteiligung an der GHH betrifft, wissen Sie, ich bin fast 65. Mir wird sich die Frage nicht mehr stellen.

SPIEGEL: Herr von Menges, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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