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2000: Kultur VON NIETZSCHE ZU NADDEL

Am Ende des ablaufenden Jahrhunderts steht ein Sieger, der das kommende erst recht bestimmen wird: die Massenkultur aus Pop-Event und Endlos-Talk, effektvoll, aber ohne Ziel.
Von Reinhard Mohr und Mathias Schreiber
aus DER SPIEGEL 52/1999

A lles fing mit diesem wild wuchernden Knallerbsenstrauch des Nachbarn an, der sich unaufhaltsam durch den Maschendrahtzaun auf das Grundstück von Frau Regina Zindler vorkämpfte. Ein klarer Fall für Fernsehrichterin Barbara Salesch, die im Kommerzsender Sat 1 jeden Tag für Recht und Ordnung rund um Wohnzimmer und Jägerzaun sorgt. Unglückseligerweise sprach Klägerin Zindler im Streit wider den bösartigen Übergriff von Nachbars Strauch ein breites Sächsisch, das den rund um die Uhr fahndenden Mitarbeitern der Comedy-Sendung »TV Total« im Konkurrenzsender Pro Sieben nicht entgehen konnte.

Als der Moderator Stefan Raab, von dem Smash-Hits stammen wie »Hier kommt die Maus«, zum ersten Mal den audiovisuellen O-Ton-Miniclip in seiner Sendung präsentierte, war allen Experten klar: Das wird »Kult«. Und es wurde Kult.

Aus dem Wort »Maschendrooahtzauun«, unzählige Male wiederholt und immer wieder in andere Sinnzusammenhänge montiert, wurde ein mehrstrophiger Country-Song in englischer Sprache, gesungen von Stefan Raab und der Band Truck Stop, eine CD, ein Mega-Hit, ein Coup, ein Event. Im ZDF-Jahresrückblick »Menschen '99« mit Johannes B. Kerner trat Raab neben Rudolf Scharping (Kosovo-Krieger) und Lothar Matthäus (Rente mit 60) auf. Frau Zindler, die mit zehn Pfennig pro CD am Verkaufserlös beteiligt ist, wurde derweil für einige Tage in eine Nervenklinik eingeliefert. Wochenlang hatte sie die Hänseleien ihrer Mitdörfler erdulden müssen.

»Irgendwie genial, dieser Maschendrahtzaun«, hört man Robert Musil spöttisch aus dem Grabe rufen. Eine Geschichte wie fürs Systemtheorie-Seminar über die Redundanzen der Mediengesellschaft: Postmoderne pur, Dada, Pop und Ironie. Das Medium, pardon: der Maschendrahtzaun ist die Botschaft. Die Vita wird zur Virtualität.

Da steht es nun, das Individuum an der Schwelle zum 21. Jahrhundert. Es bemüht sich um Persönlichkeit und Charakter, wehrt sich und beschwert sich, versucht, sich vom Nachbarn abzugrenzen, und kämpft um sein Recht - doch im Handumdrehen wird es eingespeist in die große, alles zermahlende Maschine der Massenkultur, vorwärts und rückwärts, gnadenlos und rückstandsfrei: Material, das verwertet wird; mehr noch: das sich selbst verwertet.

Das ist sie, die Dialektik zwischen Individualisierung und Globalisierung, zwischen Wohnzimmer und Wall Street, zwischen Knallerbsenstrauch und dem Kosmos der Massenkommunikation: Alles wird zum Zeichen. Der Mensch, zugleich total vereinzelt und total angepasst, wird zum Zitat.

Spitzwinklig, schräg, labyrinthisch, bizarr, ein gebauter Schmerz, ein Betontempel der Ausweglosigkeit, expressionistisch schreiendes Monument, ein Symbolgebäude des unbehausten Menschen - so wirkt das vor Jahresfrist zugänglich gewordene Jüdische Museum in Berlin, entworfen von Daniel Libeskind. Obwohl es erst im Jahr 2001 offiziell eröffnet wird, konnte es jüngst den hunderttausendsten Besucher begrüßen.

Ein phänomenaler Erfolg, den niemand vorausgesehen hat. Kein Zweifel: Das Museum wurde zum »Event«, es ist »in«, sich in ihm verirrt zu haben. Dass es außer der eigenen Hülle nichts ausstellt, stört niemanden, ja es macht vielleicht die besondere Magie des Ganzen aus. Pompös inszenierte Leere - ist das die Botschaft der Kultur nach dem Tod Gottes und dem Verenden linker wie rechter Utopien?

Die anspruchsvolle Kultur, die von der Institution des Museums gehütet wird, hat offenbar nichts mehr zu sagen, weil das Individuum, das über diese Kultur jahrhundertelang die eigene Unersetzlichkeit, den je eigenen Schmerz und Triumph definierte, schon längst im Koma liegt.

Nur so lässt sich verstehen, dass seit dem Dadaismus der zwanziger Jahre die Kunst vor allem damit beschäftigt ist, die eigenen Genre- und Harmonie-Regeln, ja sogar die eigene Existenzberechtigung in Frage zu stellen - am folgenreichsten bei Marcel Duchamp, der seine Attacken auf den »Geschmack« damit krönte, dass er ein industriell hergestelltes Urinoir zum Kunstwerk erklärte.

Der amerikanische Popstar Andy Warhol war ein Epigone von Duchamp. Warhol, der stets totenbleich geschminkte, aus der Werbung zur Kunst übergelaufene Serien-Maler farbenfroher Marilyn-Monroe-Köpfe und Campbell's-Suppendosen, bekannte in den sechziger Jahren: »Ich möchte, dass jedermann gleich denkt.« Und: »Ich glaube, dass jeder eine Maschine sein sollte.«

»All is pretty« - unter dieses Motto stellte er den von ihm ironisch-provokativ bejahten Triumph der Massenkultur, den Sieg des Immergleichen über die esoterische Abweichung, des Banalen und Einförmigen über den Traum vom unverwechselbaren und darum ewig rätselhaften Individuum. Neu und zukunftsträchtig daran war nicht die Diagnose, sondern der unverschämt optimistische Tonfall, in dem sie vorgetragen wurde.

Alles ist nett - damit war schon die Postmoderne der achtziger Jahre eingeläutet, deren Variation des Themas lautete: »Anything goes« - alles ist erlaubt. In ihr wurden nicht mehr nur, wie bei Warhol, Medien-Ikonen und Suppendosen, sondern auch die großen Bilder, Säulen und Erzählungen der Vergangenheit ästhetisch verramscht.

Was heute als »Crossover«-Kultur, als kreative Vermischung unterschiedlichster Bild-, Ton- und Sprachwelten gefeiert wird, ist nichts als eine Fortsetzung dieser Geschichte von Dekonstruktion und Entzauberung, die mit Dada begann. Immer wieder, mit fast schon anrührender Hartnäckigkeit, werden dabei Heiligtümer und Tempelbezirke gestürmt und geschändet, die längst zerfallen sind - und deren »bürgerliche« Gemeinden, die es immer neu zu »schocken« gilt, eigentlich schon vor hundert Jahren, angesichts der Anti-Spießer-Attacken eines Flaubert oder Nietzsche, kein kompakter Gegner mehr waren.

Crossover ist ein Symptom für den Übergang von der alten, intim und individualistisch grundierten Hochkultur, in deren ernstem, forderndem Grundakkord ein jahrtausendealter Totenkult nachhallte, zu einem endgültigen Triumph der Massenkultur. Zahlenmäßig und kommerziell beherrschen deren auffälligste Protagonisten - Popstars, Filmschauspieler, Talkmaster - schon heute die Künste. Aber solange »E-Musik« und »U-Musik«, Theater und Klamauk, Literatur und Unterhaltungsserie, Nietzsche und Naddel überhaupt noch unterschieden werden, gibt es zumindest die Erinnerung an eine ästhetische Höhenluft, die dem Rezipienten eher kontemplative Einsamkeit als wohlige Massenzugehörigkeit bescherte.

Im Unterschied zu den sechziger Jahren braucht sich der Bürger heute nicht mehr vor Filz, Fett und Comic-Witz zu ekeln, er darf die Wonnen des Banalen und Ordinären offen genießen. »Shoppen & Ficken« ist bühnenreif, lustvoll heulen Intellektuelle angesichts von Hollywood-Melodramen wie »Titanic« und »Pferdeflüsterer« in die Tücher, während die avancierte Literatur von marktbewussten Drehbuchschreibern gleich mit dem Blick aufs große Publikum orchestriert wird; in Talkshows mutiert jede Dumpfbacke in Trainingshosen zum Bekenner ihres innersten Antriebs - »Urlaub, Stimmung, Alkohol, dann kannste wie ein Stier« (Wolfgang, 43), und die »Drei Tenöre« Carreras, Pavarotti und Domingo mixen hemmungslos Arien von Verdi und Puccini, gewürzt mit »O sole mio«-Geplärre, zum erfolgreichsten Serienauftritt seit dem »Raumschiff Enterprise« - kein Zufall, dass diese monströse Gesangsattacke auf den guten Geschmack bei einer Fußball-Weltmeisterschaft begann. Verdi als Pop-Event passt besser ins Fußballstadion als in eines jener Opernhäuser, deren Tempelfassaden noch stets den Abstand zum kruden Alltag markierten.

»Man wird die Schönheit leben, nicht mehr vorstellen«, schrieb Albert Camus 1967. Die Einheit von Kunst und Leben, von der auch Joseph Beuys geträumt hat, könnte wirklich werden - aber nicht als Aufschwung des Lebens zu einer ästhetischen Vision seiner idealen Möglichkeiten, sondern als lärmende Dauerparty der Entsublimierung. Die grellbunte Verwurstung der Historie seit Noahs Arche zum Filmfilmfilm gehört dazu, präsentiert von »Yogurette«. Fun, Fun, Fun, bis man nicht mehr kann: Wird jedermann zum Ballermann?

Es wäre die Epoche des »letzten Menschen«, die Nietzsche im »Zarathustra« vorausgesagt hat - »die Zeit, wo der Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaus wirft«, wenn auf der »klein gewordenen« Erde der letzte Mensch »hüpft«, der »alles klein macht«.

Der womöglich unaufhaltsame Sieg der Massenkultur wurde nach Nietzsche besonders eindrucksvoll von dem spanischen Philosophen José Ortega y Gasset beschworen. Die »Überfüllung« der Erde, so Ortega y Gasset in seinem 1930 erschienenen Buch »Der Aufstand der Massen«, werde mehr und mehr - auch dank Demokratie und Industrialisierung - zu einer kulturellen Qualität; diese sanktioniere einen humanen Typus, dem der Respekt vor dem Vergangenen ebenso abhanden gekommen sei wie die Achtung jeglichen Andersseins. Ortega y Gasset vergleicht diesen uns sehr vertraut erscheinenden Typus mit einem verwöhnten Kind, das »alles darf und zu nichts verpflichtet ist«, ohne Kenntnis jener Grenzen, die nur das Erlebnis fremder oder vergangener Überlegenheit verschaffen kann: Man ist »von sich selbst entzückt«.

In der akuten Mediengesellschaft gilt: Prätentiöse Stilisierung ersetzt die reale Aktion, der handelnde Mensch wird zur selbstverliebten Monade, die mit anderen im virtuellen Single-Chatroom »Herzschmerz« via Internet kommuniziert: »Hallo, ist da wer?« Unfrei flottierende »Elementarteilchen« (Michel Houellebecq), wohin man blickt.

Die wachsende Unfähigkeit, zwischen dem eigenen Ich und der Welt überhaupt noch zu unterscheiden, führt in eine halbautistische Ego-Höhle. Der rastlos nach Bewunderung suchende Narziss verabsolutiert die Gegenwart allein um der Sehnsucht willen, selbst gegenwärtig, unübersehbar in der Welt, wichtig und bedeutend zu sein. Da wird jedes Jetzt zum popkulturellen Ich-Ich-Ich. Ein Spiel ohne Grenzen, die Tyrannei der Infantilität.

Auch andere Denker des Jahrhunderts sahen die orientierungslose Masse Mensch im Gleichschritt die Zukunft erobern. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno formulierten bereits 1944 in ihrem berühmten Werk »Dialektik der Aufklärung": »Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression ... Kultur schlägt heute alles mit Ähnlichkeit.«

Der Philosoph Karl Jaspers schrieb 1931 über »Die geistige Situation der Zeit":

Das Individuum ist aufgelöst in Funktion. Das Menschsein wird reduziert auf das Allgemeine: auf Vitalität als leistungsfähige Körperlichkeit, auf die Trivialität des Genießens. In der Auflösung zur Funktion wird das Dasein seiner geschichtlichen Besonderheit entkleidet; bis zum Extrem der Nivellierung der Lebensalter. Da ... Sachlichkeit die Verständlichkeit für jedermann durch Einfachheit verlangt, führt sie zu einer Weltsprache aller menschlichen Verhaltensweisen. Nicht nur Moden, auch Regeln des Umgangs, Gebärden, Redeweisen, Weisen des Berichtens werden einheitlich.

Das Idiom dieser »Weltsprache« ist längst gefunden: die anglo-amerikanischen Unterhaltungsmuster, die die komplexe Wirklichkeit auf einfache, möglichst »große« Stimmungen und klare Gegensätze reduzieren - und die englische Sprache, die nicht nur die Show-Welt, die Computertechnik und die Naturwissenschaften dominiert, sondern auch deutschen Touristikmanagern abzuverlangen scheint, Wandern im Schnee als »Winter-Walking« anzupreisen.

Die US-Dominanz ist kein Zufall: Das Freiheits- und Glücksstreben des Individuums ist der oberste Verfassungswert der amerikanischen Kultur. Unter der Schirmherrschaft dieses Postulats gelang die Integration vieler unterschiedlicher Einwanderergruppen, doch ihre kulturellen Besonderheiten wurden dabei zugleich abgeschliffen und gesellschaftlich verwertet - bis sie zum Exportprodukt taugten: Eine ethnisch-kulturelle »Kreolisierung« der afrikanischen, asiatischen, indianischen und hispanisch-europäischen Einflüsse.

Die kulturelle Vielfalt wird dabei zwar anerkannt, zugleich aber zum folkloristisch-populären Reiz verflacht, der das Anderssein des jeweils Fremden effektvoll überspielt. Ein Kulturmodell, das von Amerika aus die Welt erobern dürfte.

Dem widerspricht nur scheinbar, dass der wahre »melting pot«, der »Durchlauferhitzer« der Moderne die immer weiter fortschreitende »Individualisierung« der Lebensverhältnisse ist, wie der Soziologe Karl Otto Hondrich formuliert. Die Bindungen an nationale, lokale, kulturelle und religiöse Traditionen lockern sich. Ehe, Kirche, Staat verlieren ihre normative Kraft und verblassen zu Rahmenveranstaltungen individueller Glückssuche.

Während der Gesellschaftstheoretiker Ulrich Beck darin eine Chance sieht, mit Hilfe flexibler »Bastelbiografien« neue Arten von »Selbstverantwortlichkeit« zu entwickeln, hält Hondrich den Befund für ein Phänomen der Oberfläche. Am Beispiel der steigenden Ehescheidungsrate deutet er auf zwei exakt gegenläufige Tendenzen, deren Kräfteverhältnis über die Zukunft im 21. Jahrhundert mitbestimmen wird: Auf der einen Seite wird der Bund fürs Leben im Namen des individuellen Glücks und der absoluten Gegenwart, im Geiste emanzipiert romantischer, »moderner« Selbstverwirklichung geschlossen; auf der anderen Seite aber auch, weil die kulturelle Norm einer harmonischen Dauerbeziehung immer noch Gültigkeit und Ausstrahlung besitzt, Bedürfnis und Vorstellung einer unbefragbaren, gleichsam vormodernen Sicherheit und Geborgenheit.

An diesem Spannungsverhältnis scheitern nicht ohne Grund viele Paare: Es ist der haarfeine Riss, der überall durch die Gesellschaft geht. Leitfrage: Wie viel Freiheit nehm ich mir? Und wie viel lass ich mir nehmen?

So funktionieren zahlreiche Individualisierungsschritte als »Durchgangsstationen« (Hondrich) für unerkannte Kollektivierungsprozesse. Bindungen an Lebenspartner werden zwar häufiger gelöst als früher, doch setzen sich diese individuellen Verhaltensweisen zugleich als kollektive Normen wie »Selbstverwirklichung«, »Spontaneität« oder »Konsumglück« durch - eine komplexe Dialektik zwischen Individualisierung und Massenkultur, Avantgarde und Mainstream, die stets zu neuen Kombinationen von Lebensstil und Wertesystem führt.

Bei den ganz Jungen etwa, den »99ern« (SPIEGEL 28/ 1999), hat sich gezeigt, dass Hedonismus, Techno-Ekstase und Love-Parade gleichberechtigt neben altmodischen Vorstellungen von Treue, beruflichem Engagement und familiärem Glück existieren.

Eine ähnliche Gleichzeitigkeit mag für jene Kunstformen der Ironie und des Zynismus gelten, auf deren spaßabgewandter Seite immer noch der ernsthafte, aber desillusionierte Drang zu spüren ist, der Welt trotz alledem den schon so fürchterlich ramponierten Spiegel der Aufklärung vorzuhalten.

Walter Benjamin, der verzweifelte Optimist, sprach im Vorwort zu seinem »Passagen-Werk« noch von jenem Traum, in dem »jeder Epoche die ihr folgende in Bildern vor Augen tritt«. In ihm, so meinte er 1935, »erscheint die letztere vermählt mit Elementen der Urgeschichte, das heißt einer klassenlosen Gesellschaft«.

Das 21. Jahrhundert könnte sich an dieser hoffnungsvollen Prophezeiung, wie in einer Farce, die auf die Tragödie folgt, bitterböse rächen: Die klassenlose Gesellschaft als Sieg der Massenkultur - schrecklich bunt und einfältig, grelldumpf blöde und eindimensional, Klassen und Generationen übergreifend auf Teletubbie-Niveau, eine einzige Simulation von Leben, hin und her geworfen zwischen Endlos-Talk, Dauersex und Gewaltexzessen, primitivster politischer Skandalgier und ungebremstem Exhibitionismus bis ins letzte Futonbett.

Keine ästhetischen Regeln oder normativen Grenzen hindern das - hier und da geniale - Individuum am rasanten Crossover von Erhabenem und Vulgärem, Restgeist und Schwachsinn. Zugleich wird die Herrschaft der Unterhaltungsindustrie übermächtig. Verona Feldbusch wird Großmutter sein und ihren Enkeln davon erzählen, wie es war, als man im Fernsehen noch ganze Sätze sprechen durfte, bevor man sich auszog.

»Die Transzendenz ist in tausende von Fragmenten zerborsten«, sagt der französische Philosoph Jean Baudrillard. Und der deutsche Dramatiker und »Bocksgesang«-Prophet Botho Strauß fügt hinzu: »Das Regime der telekratischen Öffentlichkeit ist die unblutigste Gewaltherrschaft und zugleich der umfassendste Totalitarismus der Geschichte. Es braucht keine Köpfe rollen zu lassen, es macht sie überflüssig.«

Werden solch düstere Sätze im kommenden Jahrhundert noch wahrer, als sie es heute schon sind? Oder gibt es doch eine Gegentendenz, Überlebenschancen für Individualität und Differenz, Würde und kreative Autonomie des Subjekts? Wir wissen es nicht. Ehrlich.

REINHARD MOHR, MATHIAS SCHREIBER

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