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Briefe

Von oben herab überheblich gelächelt
aus DER SPIEGEL 4/2007

Von oben herab überheblich gelächelt

Nr. 3/2007, Titel: Funktioniert der Kommunismus doch? - Rot-Chinas rasanter Aufstieg

Auf diese Frage gibt es nur eine Antwort: Ja, der Kommunismus funktioniert immer noch. Vorausgesetzt, man nimmt eine moderne Sklavengesellschaft in Kauf. In dieser Hinsicht hat China nicht nur Erfahrungen, das Land kann stets aus dem Vollen schöpfen. Der »große« Mao hat es vorgeführt. Die Geschichte wiederholt sich nicht.

WALTING (BAYERN) IVO JAKIC

Die Planwirtschaft mag zwar funktionieren, um ein Heer von billigen, austauschbaren Arbeitskräften zu Höchstleistungen zu treiben. Mit der Idee, die Marx mit dem Kommunismus verband, hat dies allerdings so viel gemein wie die chinesischen Plagiate mit ihren Originalen - es ist nichts weiter als eine gutgemachte Täuschung.

MÜNCHEN MANUEL DAUBENBERGER

Eine ansteigende Kurve übersehen Sie bislang bei der Betrachtung der Entwicklung Chinas: die der Alten! Der Aufstieg könnte von der selbsterzeugten demografischen Zeitbombe in etwa 20 bis 30 Jahren wieder zu Fall gebracht werden. Die rigide Einkindpolitik beschert Peking ein Rentnerheer ohnegleichen, bar jeglicher sozialer Absicherung! Das verkraftet keine Gesellschaft. Die Versorgung der Alten wird jegliches Wachstum aufzehren. Der Drachen könnte also an Altersschwäche sterben.

GREVENBROICH (NRDRH.-WESTF.) CLAUS SCHÄFER

Hundert Euro Monatslohn, zwei freie Tage im Monat, falls man »Glück« hat. Vergitterte Fabriken. Verblüffend, diese chinesische Wirtschaftssupermacht. Was hat das noch mit Kommunismus zu tun?

DÜSSELDORF ANDREAS DEUTER-HERMANNS

Als jemand, der in China lebt und arbeitet, kann ich nur sagen, dass der von allen chinesischen Göttern verlassen ist, der glaubt, das China-System von heute hätte was mit Kommunismus zu tun.

RÜTENBROCK (NIEDERS.) ATZE SCHMIDT

Der Begriff Rot-China aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts hört sich ätzend an. China ist China! Wann werden Sie Ihre Mottenkiste schließen?

HEILBRONN TAN TJOAN GIE

Für mich ist der Titel Beweis dafür, dass der Kommunismus nicht funktioniert. Die Macht der KP ist so lange sicher, wie der Wohlstand wächst. Spitz formuliert handelt es sich um eine Variante des American Dream, die hier abläuft. Alle greifen nach der Verbesserung ihrer Situation, und weltanschaulich wird bis zur Unkenntlichkeit der Ursprungsidee vom Kommunismus geredet. Wichtig ist nicht das Etikett: Guckt man hin, sieht man dirigistische Wirtschaft. Große Teile Europas sind auch erst so gewachsen, bevor das freie Unternehmertum und mit ihm Forderungen nach freiheitlicher Verfassung aufkamen. Dass es in China brodelt, räumen sie ein. Die Prognose sei gewagt: China wird eine Veränderung der Herrschaftsform nicht verhindern können.

BERLIN ANDREAS GRÄFF

Der Titel ist in Anbetracht der vielen politisch Verfolgten und Ermordeten an Hohn und Spott nicht zu überbieten! Das Einzige, was in diesem Land funktioniert, ist das systematische Ausschalten von politischen Gegnern. Dieses Land ist eine Diktatur und mit Sicherheit kein Lehrbeispiel für den real existierenden und funktionierenden Kommunismus. Wir brauchen China nicht, China braucht uns - noch. Aber leider Gottes muss sich der komplette Westen zur Hure dieses roten Reiches machen.

MAINTAL (HESSEN) THOMAS MERKL

Da gibt es nur eine Konsequenz: Zollschranken zu, nichts, aber auch gar nichts mehr von China kaufen, und zwar ab sofort. Zu dieser Reaktion müssen sich die EU und die USA gemeinsam durchringen.

HEILBRONN KARL-HEINZ LANGER

In der selbstgefälligen Art des Westens hat man jahrelang übersehen, dass der Kommunismus in der Tat echte Reformen zustande bringen kann, die ihn selbst im wahrsten Sinne des Wortes reformieren. Anstatt genau hinzuschauen, was dort passiert, hat man von oben herab überheblich gelächelt und tut jetzt so überrascht. Es wäre vermessen, zu glauben, dass dieses Riesenreich mit den Methoden westlichen Demokratieverständnisses zu regieren wäre.

LIMBACH-OBERFROHNA (SACHSEN-ANHALT) MICHAEL SIEBER

Diese ganze chinesische Glitzerwelt kann nicht das Heer der ausgemergelten Wanderarbeiter, der enteigneten Bauern und der rechtlosen Städter übertünchen. Der Aufstieg Chinas zur Weltwirtschaftsmacht wird für die meisten Chinesen einen hohen Preis haben, ohne Standards für Recht, Soziales und Umwelt. Damit schließt sich schon wieder der Kreis für den Kommunismus: Es bleibt ein Unrechtsstaat. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Einparteien-Diktatur bei zunehmendem Wohlstand langfristig halten wird.

FORCHHEIM (BAYERN) HEINZ KLANDT

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