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ITALIEN / GEMEINDEN Von SchuIden leben

aus DER SPIEGEL 31/1965

Kurz nach Sonnenaufgang rückten motorisierte Trupps der Elektrizitätsverwaltung von Messina zu einer Strafexpedition aus: Sie sperrten allen städtischen Gebäuden der sizilianischen Hafenstadt die Stromzufuhr - ausgenommen die Krankenhäuser, das Wasserwerk und den Schlachthof.

Die Strom-Blockade der Obrigkeit war vom Staatlichen Elektrizitätsamt E. N. E. L. in der zweiten Juliwoche verfügt worden, weil die Stadt Messina seit drei Jahren keine Stromrechnungen mehr bezahlt hatte.

Die Stadt konnte nicht bezahlen. Von allen Gemeinden Italiens ist die Viertelmillionenstadt Messina relativ am stärksten verschuldet: Am 1. Januar 1964 stand sie mit 94 Milliarden Lire (600 Millionen Mark) in der Kreide. Die Schuld wächst allein durch die Zinsen stündlich um 5000 Mark.

An eine Sanierung der Stadtfinanzen ist nicht zu denken. Messina hat im Jahr 24 Milliarden Lire feste Ausgaben, aber nur fünf Milliarden Einnahmen.

Wie der christdemokratische Bürgermeister Saija eingestand, kamen seit Monaten täglich sechs bis zwölf Zahlungsbefehle auf seinen Tisch. Der städtische Wagenpark ist längst von privaten Gläubigern gepfändet - auch die Autos der Polizeiverwaltung.

Messina steht mit seinen Schulden nicht allein. Von insgesamt 8046 italienischen Gemeindeverwaltungen leben über 4000 auf Pump. Abgesehen von den reichen norditalienischen Industriezentren sind vor allem die Großstädte so stark verschuldet, daß sie eigentlich Bankrott anmelden müßten.

Rom hat 600 Milliarden Lire Schulden. Neapel, dessen Verbindlichkeiten erst 1960 vom Staat übernommen worden waren, häufte seitdem wieder ein Schuldkonto von 100 Milliarden Lire an. Die gesamte Schuldenlast aller italienischen Gemeinden beläuft sich auf 5000 Milliarden Lire (32 Milliarden Mark).

Hauptursachen der Misere: Die den Gemeinden zufallenden Steueranteile werden immer geringer. Die Lasten der Städte werden durch Landflucht, Bau-Boom und sprunghaft zunehmenden Straßenverkehr immer größer.

Doch sind die Gemeinden an ihrer Misere oft auch selbst schuld. Für Volksfeste, die angeblich den Fremdenverkehr fördern, warf die Stadt Messina jährlich eine Milliarde Lire aus. Sie engagierte dafür etwa ausländische Gesangsstars, die vier Millionen Lire pro Abend kassierten. Die städtische Fußballmannschaft bekam 80 Millionen Lire, um bessere Spieler und einen neuen Trainer einkaufen zu können.

Sich selbst bewilligten die Stadtväter jährlich »Sondervergütungen« von 1,5 Millionen Lire pro Person. Obwohl Messina schon 4500 städtische Angestellte hat, engagierte die Gemeinde noch 200 arbeitslose Akademiker für die Stadtreinigung. Die Besen-Professoren durften sich raccoglitori« (Sammler) nennen und brauchten nur 180 Tage im Jahr zu arbeiten, da Messina Straßenfeger im Überfluß hat.

Die Strom-Blockade endete erst nach 30 Stunden, als Bürgermeister Saija schriftlich versichert hatte, er werde von den 1,3 Milliarden Lire Stromschulden monatlich 15 Millionen Lire abzahlen.

Sein Versprechen aber konnte der Stadtchef von Messina nicht mehr einlösen: In einer Stadtratssitzung über die fatale Finanzlage der Gemeinde starb Saija am Dienstag letzter Woche an einem Herzinfarkt.

Messina-Bürgermeister Saija

Herztod im Rat

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