Zur Ausgabe
Artikel 56 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Vor der Todeszelle blühen die schönsten Blumen

SPIEGEL Reporter Erich Wiedemann bei deutschen Rauschgift-Häftlingen im Zentralgefängnis von Bangkok *
Von Erich Wiedemann
aus DER SPIEGEL 5/1987

Bananas for Mister Bergmann«, ruft Hildegard Sachs und stopft eine Staude grüner Bananen durch den Verschlag in der Stirnwand der Wachstube.

Von der anderen Seite wird der Empfang bestätigt: »One banana for Mister Bergmann.« Frau Sachs schiebt eine Stange Ami-Zigaretten durch die Luke. »Cigarettes for Mister Dormann.« Von draußen kommt das Echo: »Cigarettes for Mister Dormann.«

»Nescafe for Mister Polonek«, ruft Frau Sachs. Wieherndes Echo: »Polonek, nek, nek.« Der Wärter lächelt. Spaß muß sein. Durch die geöffnete Klappe sieht man im Gefängnishof drei Gefangene vorbeischlurfen, die an den Füßen aneinandergekettet sind.

Einer ist um die Zwanzig, die anderen beiden sind vielleicht zwischen vierzehn und sechzehn. »Mörder«, sagt einer der Besucher, die in der Wachstube auf Abfertigung warten. Der Mann am Schreibtisch nickt. Über drei Viertel der 7500 Strafgefangenen, die im Bang-Kwang-Zentralgefängnis in Bangkok Haftstrafen zwischen 20 Jahren und lebenslänglich verbüßen oder in der Todeszelle auf die Hinrichtung warten, sind Mörder - darunter auch Jugendliche und Kinder.

Hildegard Sachs aus Hannover kommt alle zwei, drei Wochen mit einem Klapp-Kinderwagen voll Lebensmittel, Medikamenten, Zigaretten und etwas Lesestoff für die deutschen Gefangenen. Sie wechselt sich ab mit fünf anderen Frauen von der Hilfsgruppe der deutschen evangelischen Pfarrgemeinde von Thailand die sich um die 17 Deutschen in Bang Kwang, im Stadtgefängnis Klong Prem und in der Untersuchungshaftanstalt Mahatschai kümmern.

Die Damen vom Betreuungsverein sind privilegierter Besuch. Sie dürfen mit den Gefangenen im Vip-Zimmer sprechen, einem 20 Quadratmeter großen kahlen Raum, der durch ein Gitter in zwei Hälften getrennt ist und in dem sich höchstens ein Dutzend Besucher gleichzeitig aufhalten.

Normale Besucher werden in den sogenannten Tigerkäfig geführt, in dem bis zu 200 Gefangene und Besucher, durch zwei Gitterreihen und einen Laufgang voneinander getrennt, einander gegenübersitzen und zu überbrüllen versuchen, um sich verständlich zu machen.

Der Häftling Karlheinz Bergmann _(Die Namen der Häftlinge wurden von der ) _(Redak tion geändert. )

aus Homburg im Saarland, der seit viereinhalb Jahren in Bang Kwang ist, hat im Tigerkäfig nur einmal seine Tochter getroffen. Er sagt, es sei so deprimierend gewesen, daß er danach nie wieder Besuch von zu Hause haben wollte.

Im Vergleich zu den anderen vier Deutschen, die in Klong Prem wegen Drogenschmuggels einsitzen, ist Karlheinz Bergmann seelisch und körperlich in Topform. Er hat seit drei Jahren in der Schang Diem Ma, dem Disziplinarbuch, das die Verwaltung über die Gefangenen führt, eine Sechs. Wenn er weiterhin so gute Noten in Betragen kriegt, hat er gute Chancen auf vorzeitige Entlassung.

Bergmann wurde am 7. August 1982 an Bangkoks Don-Muang-Airport mit 450 Gramm Heroin 4 in einem Plastikbeutel erwischt, das er in seinen Anzug eingenäht hatte. Er verbrachte drei Monate, überwiegend angeschmiedet, in einer Dunkelzelle in Mahatschai, bevor er seinen Prozeß bekam.

Die Verhandlung dauerte zwölf Minuten. Sie wurde ausschließlich auf Thai und ohne Dolmetscher geführt. Sein Verteidiger, der 25000 Baht Vorschuß - nach heutigem Kurs etwa 2000 Mark - kassiert hatte, ergriff in der Sitzung nicht einmal das Wort. Als Bergmann in Ketten aus dem Saal geführt wurde, lief ihm der Anwalt nach, schlug ihm fröhlich auf die Schulter und rief: »Glück gehabt, mein Lieber, nur 25 Jahre. Gut, daß Sie alles gestanden haben.« Bergmann hatte einen relativ

pflichtbewußten Verteidiger. Andere Anwälte kassieren ab und lassen sich dann nie wieder sehen.

»Es war im großen und ganzen ein fairer Prozeß«, sagt Bergmann. Am Tatbestand konnte er nicht rütteln. Und das Strafmaß war auch in Ordnung. Für 450 Gramm wird sonst automatisch lebenslänglich gegeben. In Malaysia wäre er unweigerlich dafür gehängt worden. Nein, sagt er, er habe keinen Grund, sich zu beklagen.

Vielleicht weil Mustergefangene sich nicht beschweren und weil er hofft, daß die Appellationsinstanz, die über sein Gnadengesuch entscheidet, auf dem Umweg über den SPIEGEL von seiner tiefen Einsichtsfähigkeit erfährt?

Bergmann schüttelt ganz langsam den Kopf und sagt: »Ich habe hier im Knast so viele an Heroin verrecken sehen und erst hier kapiert, was ich getan habe. Man muß das ganz hart bestrafen.«

Fixerei im Knast wird selten oder nie bestraft - einfach weil die strafende Instanz mit daran verdient. Die Chinesen-Mafia von Bang Kwang verkauft das Gramm reines Heroin für 700 Baht. Das ist halb soviel wie auf der Patpong Road im Rotlichtviertel von Bangkok, wo westliche Fixer ihre Schüsse kaufen.

»Es ist wahr«, sagt Hans-Bernd Zöllner, der Pfarrer der deutschen evangelischen Gemeinde, »die Gefängnisse hier sind keine Entzugsanstalten.« Pastor Zöllner ist zur Verschwiegenheit verpflichtet, schon um die Arbeit seiner Hilfsgruppe nicht zu gefährden. Aber daß in Bang Kwang acht von zehn Gefangenen an der Spritze hängen, ist kein Geheimnis.

Wer hier clean reinkommt, hat wenig Chancen, auch clean wieder herauszukommen - wenn er überhaupt je wieder rauskommt. Die besten Aussichten haben noch die ganz Mittellosen, die nicht von draußen unterstützt werden, die sich das bißchen falsche Seeligkeit für zwischendurch schon finanziell nicht leisten können.

Weil Injektionsnadeln knapp sind, wird mit spitzgefeilten Kugelschreiberminen und mit Röhrchen aus Haarspraydosen gespritzt. Man füllt die Röhre mit Stoff und pustet sich die Ladung in die Vene. »Ein Aids-Fall, nur ein einziger Aids-Fall«, sagt Karlheinz Bergmann »und ein Vierteljahr später ist das hier ein riesiges Totenhaus.«

Bang Kwang ist ein Haupthandelsplatz für Heroin. Von hier aus wird der Heroin-Nachschub für Hongkong und Westeuropa gesteuert. Am Flughafen Frankfurt wurde neulich eine Sendung Heroin abgefangen, die direkt in Bang Kwang abgeschickt worden war.

Wer im Knast mit Schnee geschnappt wird, riskiert ein Vierteljahr Dunkelhaft in Ketten, falls er an einen unbestechlichen Wärter gerät. Das ist schlimm. Aber die Touristen, die sich im Puff an der Patpong Road ein Kondom mit zehn Gramm aufschwatzen lassen, um sie in After oder Vagina außer Landes zu schmuggeln, riskieren viel mehr. Der »Narcotics Control Board« verhaftet jedes Jahr durchschnittlich 20000 Drogentäter, darunter auch immer ein paar hundert Ausländer.

Die Strafen für Heroin-Besitz sind mörderisch. Faustregel: ein Jahr pro Gramm. Doch die Gerichte haben viel Ermessensspielraum. Bernd Dormann bekam 33 Jahre für 250 Gramm, Robert Hundmeyer aus München 33 Jahre für nur 17 Gramm.

Im Foyer der deutschen Botschaft an der Sathorn Road liegen hektographierte Flugblätter mit Informationen über Drogenhandel aus. Darin heißt es unter anderem: »Der Strafvollzug in thailändischen Gefängnissen ist für Europäer wegen der klimatischen und örtlichen Verhältnisse hart.«

Hart? Die »örtlichen Verhältnisse« in Bang Kwang wären ein Fall für Greenpeace, wenn in den Zellen Waschbären statt Menschen so gehalten würden. 15 Quadratmeter Beton mit einem Notdurft-Loch in der Ecke für je 25 bis 30 Häftlinge, kein Bett, kein Stuhl, kein Tisch. Die Schlaffläche ist so knapp berechnet, daß die Schläfer nur auf der Seite liegen können. Wenn sich nachts einer umdrehen will, müssen sich alle umdrehen.

Das Waschwasser kommt aus dem nahen Fluß, der auch als Abwässerkanal für die benachbarte Siedlung dient. Zu essen gibt es faulige Fischsuppe mit Gräten, Dreck, manchmal auch Nägeln und Schrauben, dazu roten Reis, den die Thais sonst ans Vieh verfüttern.

Die 300 Insassen der Todeszelle, darunter ein australischer und ein französischer Drogenschmuggler, leben noch beengter als die anderen Häftlinge. In der Todeszelle wird überwiegend im Hocken geschlafen. Die Todeskandidaten tragen Tag und Nacht zwölf Kilo schwere Ketten - so lange, bis sie hingerichtet oder zu lebenslänglich begnadigt werden.

Vollstreckt wird gleich hinter der Todeszelle. Der Delinquent wird auf ein Holzkreuz geschnallt und von hinten erschossen.

Die Europäer sind besser dran als die Thais. Weil die Farang, wie sie auf Thai heißen, nach Auffassung der Gefängnisleitung zu qualifizierter Tätigkeit zu ungeschickt sind, brauchen sie nicht zu arbeiten. Ihre Zellen sind etwas geräumiger als die Thai-Zellen. Und was am wichtigsten ist: Sie dürfen sich auf eigene Kosten selbst verpflegen und sich - für zehn Baht pro Kanister - sauberes Trinkwasser von draußen kommen lassen wenn das Disziplinarbuch in Ordnung ist.

Nach der Gefängnisrevolte am 4. August 1985 wurden die Privilegien drastisch gekürzt. Gegen elf Uhr früh hatten 1200 Mann aus Block 6 rebelliert und zwei Wärter als Geiseln festgesetzt. Mittags war das ganze Gefängnis in der Hand der Rebellen. Aber es war ein aussichtsloser Kampf. Noch vor Einbruch der Dunkelheit hatte die Armee Bang Kwang wieder unter Kontrolle.

Sieben Gefangene wurden nach regierungsamtlichen Angaben bei Fluchtversuchen getötet - alle sieben per Genickschuß, mindestens 20 weitere angeblich mit Knüppeln totgeschlagen.

Seit der Revolution, wie sie im Knastjargon heißt, leben auch die Farang wieder wie richtige Gefangene. »Am meisten macht uns die saumäßige Hygiene zu schaffen«, sagt Willi Polonek aus

Wuppertal, der jetzt seit gut fünf Jahren in Bang Kwang sitzt. »Alles ist dreckig, überall Kot, überall Jauche. Stellen Sie sich vor, Exkremente von 7500 Mann und keine Kläranlage. Sie schütten alles auf die Blumenfelder zwischen den Blocks.« Vor der Todeszelle von Bang Kwang wachsen die schönsten Blumen von Bangkok.

Polonek lehnt sich auf seinem Hocker zurück und hebt sein entblößtes rechtes Bein auf den Tisch vor dem Gitter. »Schauen Sie: Abszesse, Geschwüre. Ich brauche Geld für Antibiotika.« Seine Mutter ist Rentnerin. Sie überweist mal 100, mal 150 Mark im Monat - soviel, wie sie erübrigen kann. Das reicht gerade für Milchpulver, Fruchtsäfte und Bananen. Polonek sind in der Haft die Zähne ausgefallen. Deshalb, so sagt er, könne er nur Brei und Flüssignahrung zu sich nehmen.

Eine deutsche Ärztin, die ihn kürzlich untersucht hat, so gut das durchs Gitter hindurch ging, glaubt, daß Polonek nicht zu wenig, sondern zu viele Medikamente bekommt. »Wenn Sie nicht damit aufhören«, hat sie zu ihm gesagt, »brauchen Sie kein Gnadengesuch mehr zu stellen, dann werden Sie in der Waagerechten entlassen.«

Polonek hat Leberzirrhose - Folge von 15 Jahren Drogen- und Medikamentenmißbrauch. Mit 14 fing er an zu haschen, und seitdem hat er nicht aufgehört, sich wahllos mit Giften vollzusaugen - bis er auf der Flucht vor der deutschen Justiz der Bangkoker Drogenfahndung ins Netz ging.

Willi Polonek ist körperlich und seelisch ein Wrack, keiner von denen die, wie Pastor Zöllner sagt, »diesen furchtbaren Schock der Haft positiv umsetzen, um Tritt zu fassen«. Sein Lebtag lang kam er nicht aus dem Stolpern heraus, sein Leben ist eine einzige Havarie.

Er umklammert mit seinen knochigen Fingern das Gitter, blickt einen Moment lang schweigend zur Decke. Dann öffnet er den zahnlosen Mund und sagt mit langen Pausen zwischen den Wörtern: »Ich will hier raus, bevor es zu spät ist.«

Polonek hat erst ein Fünftel seiner Nominalstrafe verbüßt. »Das ist kein Knastkoller, nach fünf, sechs Jahren kommt eine Art psychische Wende«, sagt Karlheinz Bergmann. »Die Leute fangen dann an, komisch zu werden, sie reden mit sich selbst oder mit Leuten die gar nicht da sind.« Wenn er die Wahl gehabt hätte, so sagte Frank Förster aus Rüdesheim letzte Woche nach seinem Freispruch in Penang, hätte er lieber den Galgen gewählt als 20 Jahre in einem südostasiatischen Knast. Aber die Wahl hat keiner.

Welche Amnestiechancen ein Häftling hat, hängt auch von seiner Nationalität ab. Es gibt ausländische Botschaften in Bangkok, die jede Woche einmal eine Verbalnote zugunsten inhaftierter Landsleute ans Außenministerium schicken. Ende 1985 wurden nach einer Demarche aus Paris sieben Franzosen auf einmal entlassen. Auch Italiener haben weit überdurchschnittlich gute Aussichten auf Begnadigung.

»Die Amis lassen ihre Leute hier drin, bis sie verfaulen«, sagt Bergmann. Die Regierung in Washington hat in Bangkok jahrelang Druck gemacht, weil sie die Strafen für Dealer zu lasch fand. Heute findet sie - ebenso wie die anderen Ausländer - die Urteile der Thais zu hart. Aber sie kann von ihrer Position nicht mehr runter.

Ebensowenig ist die bundesdeutsche Botschaft eine Trostadresse für die meisten deutschen Häftlinge. Das Referat Soziales müht sich redlich um Vertrauen. Sie hilft, Anträge zu stellen, sie verteilt zu Weihnachten Plätzchen im Knast, und sie stellt Gefängniskommandanten zur Rede, die deutsche U-Häftlinge »zur psychologischen Anpassung an die neue Umgebung« wochenlang angeschmiedet in Dunkelhaft halten. Jedoch, so sagt ein Botschaftsmitarbeiter, »es ist schwer, das letzte Mißtrauen der Leute abzubauen.«

Die deutschen Diplomaten haben zweierlei Interessen zu vertreten, die einander zum Teil ausschließen: die Interessen der deutschen Häftlinge und die Interessen des Gesetzes, gegen das die Häftlinge verstoßen haben und dessen Verletzung auch in der Bundesrepublik mit harten Strafen bedroht ist. Das ist das Dilemma, das ihre Klientel nicht versteht.

Bei dem Häftling Rainer Grille aus Berlin ist die Botschaft nicht mal ihre Nikolaustüte losgeworden, weil er sich, wie er mitteilen ließ, verraten fühlt. In seiner Akte steht der Vermerk: »Keine Betreuung erwünscht.« Das wird sich geben.

An Grilles Verbitterung sind Rainer Harms und Manfred Bolte vom Bundeskriminalamt nicht ganz schuldlos, die ihr Büro im Botschaftsgebäude haben. Die zwei bundesdeutschen Kriminalbeamten beschatten die deutsche Touristenszene in den thailändischen Urlauberzentren. Sie haben Grille am 13. Oktober vergangenen Jahres im Transit des Flughafens Don Muang von den Thais hochnehmen lassen, weil sie ihn des Drogenschmuggels verdächtigten.

Der Fall Grille ist ein Indizienfall. Er hatte bei seiner Festnahme keinen Stoff bei sich. Sicher war nur, daß er Leute aus der Bangkoker Drogenszene kannte und

daß er häufiger zwischen Europa und Thailand hin- und hergeflogen war, als das ein normaler deutscher Urlauber gewöhnlich tut. Weil die Beweislast nicht beim Ankläger, sondern beim Angeklagten lag, wurde er in erster Instanz zu dreizehneinhalb Jahren Haft verurteilt ein Klacks für thailändische Verhältnisse.

»Er wäre auch in Deutschland verurteilt worden«, sagt Manfred Bolte. Das kann gut sein. Nur, so wie Bolte das sagt, hört es sich an als habe er Grund, sich zu entschuldigen.

Bolte und Harms haben häufig die Wahl, ob sie einen von ihnen identifizierten Pusher in Bangkok verhaften lassen oder erst am Zielort in Europa, wo Rechtsprechung und Haftbedingungen humaner sind. Und sie machen von ihrer Auswahlmöglichkeit auch Gebrauch, wenn es die Umstände zulassen.

Bei Grille, so sagt Bolte, hätten sie keine Wahl gehabt. Sie hatten ihn dreimal mit Aeroflot oder Interflug aus Bangkok losfliegen lassen, weil ihn später der Frankfurter Zoll festnehmen sollte. Dreimal war Grille nach der Zwischenlandung in Moskau auf Flüge in Richtung Brüssel und Amsterdam umgestiegen, statt nach Frankfurt weiterzufliegen.

Einmal wurde er nach der Landung in Moskau ins Krankenhaus eingeliefert, weil einer der heroingefüllten Kondome, die er angeblich vor der Abreise geschluckt hatte, unterwegs undicht geworden war. Beim viertenmal alarmierten die BKA-Leute die Kollegen vom Narcotics Control Board, weil sie auf Nummer Sicher gehen wollten. Grille wartet jetzt auf sein Appellationsverfahren. Aber die Aussichten sind schlecht.

Welche Gewissensbisse hat ein deutscher Kriminalbeamter, einen mutmaßlichen deutschen Straftäter einer fremden Justiz auszuliefern, deren Strafen er selbst für mörderisch hält?

Gar keine, sagt Bolte. Ein Polizist, der anfängt, die für die Betroffenen negativen Folgen seiner Pflichterfüllung zu traumatisieren, kann einpacken. Ein dickes Fell gehört zur Grundausstattung eines deutschen Drogenfahnders in Thailand.

Im Fall Noglin waren Harms und Bolte unsicher. Andreas Noglin wurde in Pitsanulok festgenommen, nachdem die Polizei in seinem Koffer ein halbes Pfund Stoff gefunden hatten. Er sagte vor Gericht aus, seine thailändische Frau habe ihm das Rauschgift in den Koffer gepackt, um ihn loszuwerden.

Das klang, so wie Noglins Eheverhältnisse sich darstellten, fast plausibel. Und ein großes Paket Heroin 4 in Originalverpackung ungetarnt ganz obenauf im Koffer - so dumm ist kein Pusher. Aber ehe jemand eingreifen konnte, war die Beweisaufnahme geschlossen. Und wo sie geschlossen ist, wird sie auch nicht wieder aufgenommen. Die Thai-Justiz ist prinzipienfest und fackelt nicht. Unmenschlich? Thailand hat eine halbe Million Drogensüchtige.

Wenn Manfred Bolte mal schwach wird im Glauben an die Gerechtigkeit, braucht er sich bloß das Unheil vorzustellen, das man mit 250 Gramm Schnee auf der deutschen Fixerszene anrichten kann. 1986 starben in der Bundesrepublik 330 überwiegend junge Leute an einer Überdosis Heroin. Und ein Gramm ist schon eine todsichere Überdosis.

Es heißt, daß jede Verhaftung in Bangkok in Europa zwei Junkies vor dem goldenen Schuß rettet. Das rechnet sich vielleicht in der Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Die große Masse des Stoffs, den die Junkies in Westeuropa verschießen, wird zentnerweise von Großdealern in den Markt eingespeist. Die Mengen sind so großzügig kalkuliert, daß der Markt nicht austrocknet, wenn mal eine Tonne abgefangen wird.

In After, Magen und Vagina tollkühner Klein-Dealer werden noch nicht einmal zehn Prozent des thailändischen Rauschgifts aus dem Land geschmuggelt. _(Bei seiner Festnahme am 7. August 1982 ) _(in Bangkok. )

Die Namen der Häftlinge wurden von der Redak tion geändert.Bei seiner Festnahme am 7. August 1982 in Bangkok.

Zur Ausgabe
Artikel 56 / 92
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.