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Strafjustiz »Vor der Weltöffentlichkeit«

aus DER SPIEGEL 42/1994

Der Staatsanwalt hatte strenge Strafen gefordert - wegen Landfriedensbruchs, wegen der öffentlichen Verwendung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, wegen gemeinschädlicher Sachbeschädigung, Bedrohung, Nötigung, auch wegen der Störung des öffentlichen Friedens. Denn die Taten hätten einen »Ansehensverlust Thüringens und der Bundesrepublik weltweit« zur Folge gehabt, wie es allenthalben hieß.

Die Angeklagten seien bewußt nach Buchenwald gefahren, »um eine Gedenkstätte antifaschistischen Charakters zu entweihen«, so der Staatsanwalt. Sie hätten »bewußt die Interessen anderer Menschen verletzt«, um ihrer Gesinnung Ausdruck zu verleihen.

Seit dem Auftritt von 23 zumeist angetrunkenen Jugendlichen und jungen Männern am 23. Juli dieses Jahres im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald bei Weimar ist nichts unversucht gelassen worden, das deutsche Ansehen wiederherzustellen: Fast die gesamte Truppe, die, teils glatzköpfig, mit blankem Oberkörper und in Schnürstiefeln über die Steinwüste des Lagergeländes gestolpert und getorkelt war, wurde wenige Tage darauf eingesperrt. _(* Nachbildung eines Wagens, mit dem ) _(Häftlinge Steine aus einem Steinbruch ) _(transportieren mußten. )

Bis zum Ende des Prozesses, der den ersten acht jetzt vom Amtsgericht Weimar gemacht wurde, blieben sie in Haft. Funkstreifen und Mannschaftswagen umlagerten an den Sitzungstagen das Gerichtsgebäude. Straßen wurden gesperrt, wenn sie gebracht und weggefahren wurden. In Handschellen und an einen Polizeibeamten gekettet mußten die 16- bis 24jährigen vor Passanten und vor allem vor Kameras Spießrutenlaufen. Es fehlten nur Fußketten.

Einer der Pflichtverteidiger, befragt, warum er sich nicht um die Aufhebung des Haftbefehls bemühe, sagte hilflos: »Aber die Presse hat doch solchen Druck gemacht.«

Zuletzt war vom »Tierschutz für Motten« die Rede, wenn Verteidiger sich für Angeklagte aus der linken Szene einsetzten. Wenn sie etwa protestierten, daß Verdächtige wie bereits überführte Verurteilte behandelt würden, ohne Rücksicht auf die Unschuldsvermutung. Ein unstillbarer Hunger nach Symmetrie produziert gegenwärtig die gleichen Fehler, wenn es um rechtsgerichtete Verdächtige geht. Der Umgang mit den Angeklagten war demonstrativ.

Als im Juli die Nachricht von der »Schändung Buchenwalds« bekannt wurde, fuhr der israelische Botschafter in Bonn umgehend an den Tatort. Und Ignatz Bubis empörte sich: »Ich würde sie einsperren, bis sie zu sich kommen.« Der thüringische Landtag befaßte sich auf zwei Sondersitzungen mit dem »ruchlosen« Vorfall. Die SPD forderte den Rücktritt des CDU-Innenministers. Internationale Häftlingsverbände äußerten sich besorgt. Sinti und Roma forderten eine Bannmeile.

Anläßlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels beschrieb der spanische Schriftsteller Jorge Semprun, selbst ehemaliger Buchenwald-Häftling, in der Frankfurter Paulskirche die vielschichtige Problematik der Gedenkstätte auf dem Ettersberg bei Weimar, wo unverbunden verschiedene Gedächtnisse nebeneinander existieren: Da sind die mehr als 50 000 Ermordeten und Gequälten des Nazi-Terrors bis 1945. Da liegen aber auch die Verhungerten und dem Tod Überlassenen des »Speziallagers 2«, des stalinistischen Internierungslagers von 1945 bis 1950. Sind es 7000 oder doppelt so viele Tote? Nazis sind darunter, aber auch Jugendliche aus der Hitler-Jugend, Frauen und Kleinkinder, Menschen, die ein Gerücht oder böser Zufall dorthin brachte, andere, die vorher schon im KZ gesessen hatten. Erst 1989 kamen ihre Massengräber ans Licht.

Und da ist noch die Erblast politischer Instrumentalisierung der Gedenkstätte aus DDR-Zeiten. 1950 beschloß das Politbüro der SED, das Lager bis auf das Eingangstor und die Wachtürme links und rechts davon, den Stacheldrahtzaun und das Krematorium als Ermordungsstätte Ernst Thälmanns zu schleifen. 1954 begann der Aufbau der »Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald«. Ihr Paradeplatz unter einem riesigen Glockenturm diente seitdem für Massenkundgebungen. Semprun sagte in seiner Rede: _____« Deutschland ist nicht das einzige europäische Land, » _____« das ein nicht gelöstes Problem mit seinem kollektiven » _____« Gedächtnis, mit seinem historischen Gedächtnis hat. » _____« Frankreich hat es, wie in diesen Tagen von neuem deutlich » _____« wird, da es seinen Politikern, seinen Intellektuellen, » _____« generell seinem ganzen Volk bislang nicht gelungen ist, » _____« sich ein kritisches, von den Passionen der einen oder » _____« anderen Seite gleichweit entferntes und in die Tiefe » _____« reichendes Urteil über die Vichy-Zeit und die Resistance » _____« zu bilden. Auch Spanien hat es, das sich mit erdrückender » _____« Mehrheit und zu Recht für eine kollektive und gewollte » _____« Amnesie entschied, um das Wunder eines friedlichen » _____« Übergangs zur Demokratie zu schaffen. Aber eines Tages » _____« wird es auch den Preis für diesen Prozeß zu zahlen haben. » _____« Das Problem des deutschen Volkes mit seinem historischen » _____« Gedächtnis hingegen betrifft uns Europäer alle ganz » _____« direkt. Das deutsche Volk ist nämlich seit seiner » _____« Wiedervereinigung . . . das einzige Volk Europas, das » _____« sich mit den beiden totalitären Erfahrungen des 20. » _____« Jahrhunderts auseinandersetzen kann und muß: dem Nazismus » _____« und dem Stalinismus. »

Welcher Ort symbolisiert die Verschlingungen und Verstrickungen der Kreuzwege deutscher Geschichte - bis in die Gegenwart - so massiv wie Buchenwald, das Fegefeuer der Vergangenheit? Wissenschaftler, Politiker, Überlebende, Engagierte liefern sich seit der Wiedervereinigung ob der »dreifachen Hinterlassenschaft« (so der Historiker Eberhard Jäckel) brutale Auseinandersetzungen. Es tobte ein Meinungskampf, ob er beendet ist, steht dahin, um die Neugestaltung der Anlage, aus der jetzt ein Mahnmal gegen den doppelten Totalitarismus werden soll. Der Wettbewerb unter den Opfern, wer wo und wie geehrt werden soll und mahnen darf, weist quälende Züge auf.

Dies alles gilt nicht als »Schändung«. Es wird auch hingenommen, daß es seit Mai 1994 ein »Bistro« in Buchenwald gibt, das, wie die Süddeutsche Zeitung spitz vermerkte, vom thüringischen Wissenschaftsminister Fickel persönlich eröffnet wurde. Über die geschmacklosen Exzesse jugendlicher Skinheads erregt sich die Weltöffentlichkeit.

Was die jungen Leute aus Gera und aus Erfurt an jenem 30 Grad heißen Juli-Samstag vom frühen Morgen an alles angerichtet haben, gibt einen traurigen Einblick in ihre Lebensumstände. Sie wollten eigentlich mit einem Bus ins Allgäu fahren zu einem Skin-Konzert. Doch dieses fiel aus. Der Bus war gemietet, der Fahrer wollte Geld, und also beschloß man eine »Thüringen-Rundfahrt«. »Das war doch noch immer besser, als wieder ein Wochenende in Erfurt rumzugammeln«, sagte einer der Angeklagten. Saufen, herumhängen, Unfug anrichten und weiter saufen, das ist das Übliche am Wochenende.

Sie haben sich unerträglich aufgeführt: Den Bus versaut, an einem Rastplatz herumgepißt, denn voll waren sie schon morgens wie die Haubitzen; einem türkischen Blumenhändler riß einer die Geldkassette weg, so daß alles Geld zu Boden fiel. Mittags am Hohenwarte-Stausee, wo der Bus für mehrere Stunden haltmachte, grölten sie herum, einer griff sich den Sonnenschirm eines Imbißstandes und sprang damit von der Staumauer ins Wasser. Andere beschädigten ein Boot. Wieder andere legten sich mit einem 20jährigen Österreicher an, der ihnen auch für Geld von seinen Zigaretten nichts abgeben wollte ("Für euch nicht").

Weil einer aus der Truppe diesem jungen Mann einen Schlag mit Faust oder Handrücken versetzte und vier bis fünf Zigaretten (Wert etwa 1,20 Mark) aus der Schachtel nahm, wurde er wegen Raubes in einem minder schweren Fall verurteilt.

Mittlerweile war es gegen 16 Uhr. Was nun? Abends sollte eine Fete in der Nähe von Weimar steigen. Da fiel das Wort »Buchenwald«. Die einen wollten dorthin, »um die Zeit zu überbrücken«, anderen war es egal, wieder andere schliefen im Bus ihren Rausch aus. Der Busfahrer hatte Bedenken bei dieser Kundschaft, aber schließlich gab er nach, da alle beteuerten, sich ordentlich zu benehmen.

Die Gedenkstätte kannten sie; als Junge Pioniere hatten sie dort antreten müssen, auch »zur Belohnung« antreten dürfen. »Das war langweilig. Ich dachte mir, vielleicht gibt es jetzt mehr zu sehen«, sagte einer vor Gericht. »Wir wollten nur Spaß haben an diesem Tag.«

Das einzige Mädchen, das mitgefahren war, sagte auf Befragen, von Buchenwald wisse sie, daß dort »nach dem Krieg viele Jugendliche gestorben« seien. Was die Russen mit den Jugendlichen gemacht hätten, das habe sie berührt. Vor dem Krieg sei dort ein KZ gewesen. »Es müssen ziemlich viele dort gestorben sein. Wer, außer Thälmann, weiß ich nicht.«

Ein 22jähriger sagte: »Für viele war es ein Ereignis, jetzt da mal hinzugehen. Viele wußten ja gar nicht, daß da Massengräber von deutschen Gefallenen sind. Ich hatte das bei der Bundeswehr gehört.«

Etwa 17 Kerle zogen in Grüppchen über das weite, einsame Feld des ehemaligen Lagers. Einige setzten sich oder stiegen auf einen Steinekarren der KZ-Häftlinge, der darauf aus seiner verrosteten Halterung brach und nach hinten kippte. Angeblich haben sie »Heil Hitler« gerufen und die Hand hochgereckt. Sie warfen mit Steinen, die dort in Überfülle liegen. Sie warfen ziel- und gedankenlos. Ein Stein traf eine Scheibe.

Es hatte »den Charakter eines Sonntagnachmittags-Ausflugs, nicht das, was ich immer in der Presse lese«, beschrieb eine Historikerin, die in Buchenwald an einer Ausstellung arbeitet, den Auftritt der jungen Leute. »Ich ging später zur Lagerzentrale, wo sich der Einsatzleiter der Polizei befand. Es wurde deutlich, daß man nicht so recht wußte, was man den Jugendlichen vorwerfen sollte.«

Sie habe sich angeboten, denjenigen zu identifizieren, der einen Stein gegen die Scheibe eines Ausstellungskastens geworfen hatte. Bei dreien hielt sie es für möglich. Die wurden abgeführt. Unter den Augen von etwa 40 Polizeibeamten rief ihr einer der jungen Männer daraufhin zu: »Dich verbrenn'' ich eigenhändig.« »Hier oben« hatte er wohl noch hinzufügen wollen, aber da hielt ihm der Nebenmann bereits den Mund zu.

Der, der den bösen Satz gesagt hatte, ist zu 15 Monaten auf Bewährung verurteilt worden. Er hat einen Entschuldigungsbrief an die Frau geschrieben, der in der Sitzung verlesen wurde. Das Gericht glaube ihm, sagte der Vorsitzende, er habe Reue gezeigt »vor der Presse, vor Thüringen, vor der Bundesrepublik und vor der Weltöffentlichkeit«.

Anläßlich der Einweihung eines jüdischen Mahnmals auf dem Ettersberg im November 1993 rief die Bundesministerin für Familie und Senioren Hannelore Rönsch die Schulen auf, Gedenkstätten wie Buchenwald zu besuchen, um »schreckliche Verwirrungen und Verirrungen in den Köpfen der jungen Leute zu verhindern«. Das ist Trend.

Detlef Garbe, der Leiter der Gedenkstätte Neuengamme bei Hamburg, hat sich in einem Aufsatz (erschienen in dem Band »Holocaust: Die Grenzen des Verstehens«, herausgegeben von Hanno Loewy) mit der Vergangenheit beschäftigt, die immer noch als die jüngste gilt, es aber für die Jugend längst schon nicht mehr ist.

Er beschreibt darin, wie Gedenkstätten inzwischen zum Kanon öffentlicher Pflichten und Aufgaben gehören, damit demonstriert wird, daß Deutschland sich von seiner schrecklichen Vergangenheit abgekehrt habe. Doch was sagt dies Schülern? Ihre Eltern sind bereits nach dem Krieg geboren. Immer weniger Jugendliche kennen Menschen, die die NS-Zeit noch selbst mitgemacht haben. Konzentrationslager, Verfolgung und Vernichtung von Menschen erscheinen ihnen unwirklich, eher wie ein schauriger Gruselfilm, als ein Abschnitt ihrer eigenen Geschichte.

Das Grauen, die Sinnlosigkeit des Tötens, die unvorstellbaren Todeszahlen, die Leichenberge - das hat mit der Lebenswelt der Jugendlichen nichts zu tun. Sie können sich in das, was ihnen da vorgeführt wird, nicht hineinversetzen, dazu reichen ihre Alltagserfahrungen nicht. Der Gang über steinige, dem Gedenken geweihte Felder erleichtert das Begreifen nicht. In dem Aufsatz heißt es weiter: _____« Wenn die Unterrichtseinheit, die Filme, die Appelle » _____« nicht gefruchtet haben, wenn die rechtsextremen » _____« Jugendlichen in der Klasse nicht klein beigeben, wenn » _____« sich die gewünschte antifaschistische Begeisterung nicht » _____« einstellt, dann wird die Exkursion zur Gedenkstätte oft » _____« genug als nachgeschobenes Argument, als letzte » _____« Wunderwaffe eingesetzt . . . Nach rechts tendierende » _____« Jugendliche reagieren mit ihrem Verhalten zunächst auf » _____« Erfahrungen in ihrem sozialen Umfeld und greifen » _____« angesichts undurchschaubarer komplexer Problemlagen nach » _____« den vermeintlich einfachen Lösungen . . . Der Bezug auf » _____« das Dritte Reich dient ihnen gewöhnlich allenfalls als » _____« Medium, um die ihnen begegnenden Autoritäten » _____« beispielsweise durch Hakenkreuzschmierereien zu » _____« provozieren . . . »

»Ich habe gelernt« - Garbe zitiert einen Mann, der jahrelang Besuchergruppen durch das KZ Dachau führte - »diese Eigenschaft von Jugendlichen zu schätzen. Eigentlich ist es ja gerade dieser Widerstandsgeist, den wir in unserer Arbeit fördern möchten . . . und es ist natürlich desaströs . . . wenn sich dieser Widerstandsgeist gerade gegen unsere antifaschistische Aufklärung wendet, weil wir uns des ,moralischen Imperialismus'' nicht enthalten konnten.«

Das Amtsgericht Weimar hat leidlich differenziert verurteilt. Es hat vier Jugendlichen einen Arrest verpaßt, es hat zwei junge Männer freigesprochen und nur den einen, der die Zigaretten »geraubt« hatte, zu 20 Monaten ohne Bewährung verurteilt (aber da kamen noch andere Vortaten hinzu). Die eindrucksvollen Ausführungen der Jugendgerichtshilfe - über die Folgen der überbordenden Anklage, über die Arbeits- und Lehrverhältnisse der Angeklagten, die durch die U-Haft zerstört wurden, die labilen und demolierten Lebensumstände, die wuchernde Arbeitslosigkeit - haben denn doch Spuren hinterlassen.

Noch eines: Die Würde eines Orts wie Buchenwald hängt nicht am Maulwerk rechter Halbstarker und nicht an den Sauereien Betrunkener. Diese Stätten sind der Dummheit und der Tollheit entrückt. Sie sind und bleiben unberührbar über unserem hilf- und ratlosen Gedenken und Mahnen. Y
*VITA-KASTEN-1 *ÜBERSCHRIFT:

Groß und frei *

fühlte sich Goethe auf dem bewaldeten Ettersberg bei Weimar. 100 Jahre später entstand dort das KZ Buchenwald. Mehr als 50 000 Menschen kamen um. Bis 1950 wurde Buchenwald als sowjetisches Internierungslager weiter genutzt, wieder starben Tausende. Bis heute ist es ein Kreuzweg deutscher Vergangenheiten. Die Jugend tut sich schwer mit ihm. Im Juli randalierten betrunkene Skinheads auf dem Gelände.

* Nachbildung eines Wagens, mit dem Häftlinge Steine aus einemSteinbruch transportieren mußten.

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