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BWM-STAATSSEKRETÄRE Vor die Füße

aus DER SPIEGEL 8/1968

Bonns Wirtschaftsminister Karl August Schiller suchte eine neutrale Ecke.

Zweimal schon waren ihm Kandidaten für den Posten eines Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministerium davongelaufen, nachdem ihr Name sich vor Vertragsabschluß herumgesprochen hatte. Ein drittes Mal sollte ihm das nicht passieren.

Den »nächsten Bewerber bestellte Schiller nicht mehr ins eigene Haus, sondern ins Kanzleramt. Wie zufällig traf er dort -- zur Routinesitzung des Kabinetts am vorletzten Mittwoch -- den dritten Mann: Dr. Klaus von Dohnanyi, 39, Teilhaber des Münchner Marktforschungsinstitutes Infratest. Der elegante, wortgewandte Jurist, seit elf Jahren Besitzer des blauen SPD-Parteibuches, nahm die Offerte des Genossen Professor unverzüglich an.

Acht Tage später, am Mittwoch vergangener Woche, gab Schiller seinem neuen Mitarbeiter am Telephon Bescheid, Kanzler Kiesinger und SPD-Chef Brandt hätten der Berufung an die Verwaltungsspitze des Wirtschaftsministeriums zugestimmt.

Der Marktforscher aus München soll den parteilosen Berufsbeamten Fritz Neef, 55, ablösen, der sich mit Schiller nicht vertrug und am 1. Februar in Hermann Höcherls Landwirtschaftsministerium überwechselte. Neef hinterläßt so undankbare Aufgaben wie das EWG-Geschäft in Brüssel, die Kohlenkrise und den Aufbau neuer Industrien in Westdeutschlands Notstandsgebieten.

Für den schweren Job hatte Schiller seit Monaten einen erfahrenen Wirtschaftspraktiker gesucht und sich zweimal eine Abfuhr geholt.

Schillers erste Wahl fiel auf Alfred Härtl, 42, der für die Amberger Glashütte Flaschen und für die Frankfurter Henninger-Brauerei Bier verkauft hatte, ehe er zum Staatssekretär im hessischen Wirtschaftsministerium aufstieg. Doch Hessens roter Ministerpräsident Georg-August Zinn mochte seinen Verbindungsmann zur Industrie nicht nach Bonn abstellen.

Unabkömmlich war auch Otmar Thienes, 44, »der für die Miederwarenfabrik Triumph Unterwäsche sowie für die Henschelwerke Lastwagen verkauft hatte und Vorstand der Deutschen Waggon- und Maschinenfabriken in Berlin geworden war. Ihn ließ Konzernchef Herbert Quandt nicht aus dem Vertrag.

Schillers dritte Wahl, Klaus von Dohnanyi, brauchte keinen Chef zu fragen. Der Sohn des ehemaligen Reichsgerichtsrates und 20.-Juli-Verschwörers Hans von Dohnanyi leitet seit 1960 zusammen mit dem Marktforscher-Ehepaar Ernst das Münchner Infratest-Institut.

Er hat in Tübingen und an der amerikanischen Yale-Universität studiert und sich bei den Ford-Werken in Köln mit amerikanischen Marktforschungsmethoden vertraut gemacht. Die Detroiter Auto-Herren beförderten ihn zum Chef ihrer deutschen Planungsabteilung.

Sein eigenes Geschäft baute Dohnanyi binnen sieben Jahren zum größten deutschen Markt- und Meinungsforschungsunternehmen aus. Vor der Bundestagswahl 1965 ermittelte Infratest, daß sechs von zehn wahlberechtigten Bürgern Franz-Josef Strauß nicht wieder als Minister in Bonn sehen wollten.

Der Sproß einer Musikerfamille -- Großvater Ernst komponierte die Oper »Turm des Wojwoden«, Bruder Christoph dirigiert das WDR-Symphonieorchester -- paßt gut in Schillers Team jugendlicher Konzertierer.

Schon als Hessens ehemaliger Justizminister Lauritz Lauritzen Ende 1966 Wohnungsminister der Großen Koalition wurde, hätte Landeschef Zinn den jungen Dohnanyi gern als Lauritzens Nachfolger in Wiesbaden gesehen. Damals klappte es nicht. Diesmal aber empfahl Zinn, dessen Regierung mehrfach Dohnanyis Dienste in Anspruch genommen hatte, den aristokratischen Genossen mit Erfolg nach Bonn. Zum 1. März will Klaus von Dohnanyi ins Wirtschaftsministerium am Rhein eintreten. Bis dahin bietet er die Infratest-Anteile zum Verkauf.

Dohnanyi über seine Eile: »Nichts ist in diesem Lande heute dringlicher, als die politischen Aufgaben zu lösen. Sonst fällt uns eines Tages alles vor die Füße.

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