Zur Ausgabe
Artikel 22 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Straflager Vorhöfe zur Hölle

In Ostdeutschland werden Massengräber freigelegt: Zehntausende von Deutschen fielen Stalins Gulag in der Sowjetischen Besatzungszone zum Opfer.
aus DER SPIEGEL 40/1992

Oberstleutnant Jochen Kindermann, 51, machte eine grausige Entdeckung. Bei Grabungen in der Nähe der berüchtigten Haftanstalt Bautzen stieß der Offizier auf Überreste eines menschlichen Schädels. Es sei »bedrückend«, klagte Kindermann, wie man »unserer jüngsten Geschichte auf die Spur« komme.

Auf Spurensuche ist Oberstleutnant Kindermann vom Verteidigungsbereichskommando 76 aus Dresden, gemeinsam mit 13 Bundeswehrsoldaten, seit einigen Wochen. Geforscht wird, wie vielerorts in Ostdeutschland, mit Unterstützung von Häftlingskomitees und dem Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, nach Opfern aus Massengräbern sowjetischer Internierungslager.

Nach zufälligen Skelettfunden im Frühjahr 1990 barg, bei systematischen Grabungen, der Suchtrupp in Bautzen vor zwei Wochen weitere Gebeine. Das eigentliche Massengrab mit bis zu 16 000 Toten liegt vermutlich in unmittelbarer Nähe der Gefängnismauer und wird demnächst gehoben.

Im ehemaligen KZ Sachsenhausen bei Oranienburg wurde das Panzerbataillon 801 fündig - nicht weit entfernt von der KZ-Gedenkstätte. Das Ergebnis, vergangenen Mittwoch bekanntgeworden: 50 Massengräber. Daß es sich um Tote aus den Jahren 1945 bis 1950 handelt, ist so gut wie sicher. 1000 Skelette, so das brandenburgische Innenministerium, das die Grabungen veranlaßt hatte, seien bereits untersucht worden. Eindeutiger Befund: »Alles Häftlinge aus der sowjetischen Lagerzeit.« Die meisten seien verhungert oder an Krankheiten gestorben; einige sind, wie die Knochenanalyse ergab, auch gewaltsam umgekommen.

Aus den Gräbern, jeweils sieben Meter lang und dreieinhalb Meter breit, förderten Bundeswehrsoldaten bis zu fünf Meter tiefe Gebeinschichten zutage. Mindestens 12 500 Opfer stalinistischer Gewaltherrschaft wurden auf dem Gelände verscharrt; andere Schätzungen reichen bis 20 000.

Jahrzehntelang wurden in der DDR diese Relikte des sowjetischen Schreckensregiments totgeschwiegen. Noch in der Gorbatschow-Ära lehnte Moskau jede Verantwortung für die Greuel ab.

Von einer »zielgerichteten physischen Massenvernichtung von Häftlingen«, hieß es lapidar in einer Denkschrift des sowjetischen Innenministeriums im Sommer 1990, könne nicht die Rede sein. In den Lagern hätten vielmehr, so die offizielle Lesart, »erträgliche Haftbedingungen« geherrscht. Zu dieser Zeit waren die ersten Gräber schon entdeckt.

Die Massengräber werfen immer längere Schatten über die Gründungsjahre der DDR. Sie dokumentieren das düsterste Kapitel Moskauer Besatzungszeit in Ostdeutschland: die Lagerherrschaft der sowjetischen Geheimpolizei NKWD.

Sachsenhausen und Bautzen waren zwei von elf Speziallagern (siehe Karte), die das NKWD gleich nach Kriegsende 1945 einrichtete. Skrupellos machten die roten Herrscher dabei vom NS-Erbe Gebrauch und nahmen soeben befreite KZ wie Sachsenhausen und Buchenwald für ihre Zwecke in eigene Regie.

Zehntausende von Deutschen gingen in den Internierungslagern an Seuchen, Kälte und Hunger jämmerlich zugrunde. Allein in Bautzen sollen es nach Schätzungen 16 000 gewesen sein. Insgesamt fielen, bis zur Auflösung der letzten Lager 1950, rund 60 000 der 180 000 Häftlinge dem importierten Gulagsystem zum Opfer. Die ganze Wahrheit liegt noch in sowjetischen Archiven.

Angst und Schrecken der Speziallager wirkten: Die Bevölkerung wurde eingeschüchtert und für die politischen Ziele der Besatzungsmacht gefügig gemacht.

In die Lager kamen nicht nur Nazis und Handlanger des Hitler-Regimes, eingesperrt wurde willkürlich. Wer den sowjetischen Machthabern und ihren SED-Genossen politisch im Wege stand, mußte jederzeit mit seiner Verhaftung rechnen.

»Unter dem Deckmantel der Entnazifizierung«, schildern die Autoren Jan von Flocken und Michael Klonovsky den Lagerterror, zielten die »politisch motivierten Säuberungen« auf die kommunistische Machteroberung*.

Die Sowjets beriefen sich auf alliierte Beschlüsse - das Kontrollratsgesetz Nr. 10 ("Bestrafung von Kriegsverbrechern") - und Maßnahmen gegen diejenigen, »die für die Besetzung und ihr Ziel gefährlich sind«; vage Bestimmungen, die nach Gutdünken ausgelegt werden konnten.

So traf es zwar zahllose kleine Nazis, Mitläufer und Büttel des braunen Regimes. Hinter Stacheldraht landeten aber ebenso Sozialdemokraten, bürgerliche Oppositionelle und aufmüpfige Kommunisten, wie etwa der Ost-Berliner Stadtrat Ewald Pieck, Bruder des späteren ersten DDR-Staatspräsidenten. Tausende von Jugendlichen wurden interniert, weil sie angeblich im »Werwolf« gekämpft hatten, Hitlers letztem vergeblichem Kamikaze-Aufgebot.

Sogar Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus saßen, etwa Justus Delbrück, ein Mitverschwörer beim Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944, und _(* Jan von Flocken/Michael Klonovsky: ) _("Stalins Lager in Deutschland 1945-1950. ) _(Dokumentation, Zeugenberichte«. ) _(Ullstein-Verlag, Berlin/Frankfurt a. M.; ) _(248 Seiten; 38 Mark. ) Horst von Einsiedel, der dem oppositionellen »Kreisauer Kreis« angehört hatte und 1946 in Sachsenhausen umkam.

Viele wurden Opfer von Denunziationen oder Verwechslungen. Wenn ein Gefangenentreck »durch Flucht oder Erschöpfungstod geschrumpft war«, schilderte ein Augenzeuge, »wurden beliebige Passanten gewaltsam eingegliedert«.

Geständnisse, oft mit Prügel und anderen Torturen erzwungen, genügten zur Verhängung drakonischer Strafen. »In der Regel fanden Vernehmungen in der Nacht von 20 Uhr bis gegen 5 Uhr morgens statt«, berichtete der frühere Bautzen-Häftling Manfred Wächter. »Oftmals wurden die Verhörten so zugerichtet, daß sie sich kaum noch allein fortbewegen konnten.« Einem Kriegsversehrten mit Beinprothese »hatte man beim Verhör den Stumpf so bearbeitet, daß er nur noch ein Blutklumpen war«.

Zwar verübten die Sowjets, anders als die Nazis in den KZ, keinen systematischen Massenmord; aber Unterernährung, Frost und katastrophale hygienische Verhältnisse sorgten für massenhaftes Sterben. Bei 300 Gramm Brot täglich und Wassersuppe magerten die Gefangenen zu lebenden Skeletten ab, so daß die »Mütze beim Herabrutschen an den Backenknochen hängenblieb«, wie ein ehemaliger Häftling sich erinnert.

»Andere«, so ein Überlebender aus Sachsenhausen, dem größten NKWD-Lager, »wurden immer dicker und füllten sich mit Wasser.« Als es bis in die Lungen hochstieg, ertranken sie »unter tagelangem Röcheln«.

Wie »Knüppelholz« habe es geklungen, »wenn die froststarren toten Körper entkleidet auf den Wagen geworfen wurden«, beschreibt Kurt Noack, der drei Jahre Lager-Odyssee durchlitt, den Leichentransport zu den Massengräbern, in denen die Opfer verscharrt wurden. Von den Häftlingen der Beerdigungskommandos, lästigen Mitwissern, wurden die meisten in Arbeitslager in die Sowjetunion deportiert oder erschossen.

Nicht nur physisch, auch psychisch richteten die »Vorhöfe zur Hölle« (Noack) die Insassen zugrunde. Ohne jeglichen Kontakt selbst zu nächsten Verwandten - Post, Radio und Zeitungen waren ebenso verboten wie Arbeit - dämmerten die Häftlinge, isoliert von der Außenwelt, jahrelang apathisch vor sich hin.

Erst im Sommer 1948, nachdem die Sowjets in ihrer Zone die Entnazifizierung für beendet erklärt hatten, kam Hoffnung auf. Die Lager wurden nach und nach, bis auf Buchenwald, Sachsenhausen und Bautzen, aufgelöst, die Hälfte der Gefangenen, rund 28 000, entlassen.

Doch etliche hatten noch ein jahrelanges Martyrium vor sich. 1950, als die letzten sowjetischen Lager geschlossen wurden, übergaben die Besatzer rund 15 000 Häftlinge den DDR-Behörden. Fast 3500 davon gerieten - »zur Untersuchung ihrer verbrecherischen Tätigkeit und Aburteilung durch Gerichte der DDR« - ins Räderwerk der Waldheimer Willkür-Prozesse (SPIEGEL 37/1992).

Moskaus Erfüllungsgehilfen wußten, was sie ihrer Schutzmacht schuldig waren. Eilfertig demonstrierten sie äußerste Härte und verhängten hohe Freiheitsstrafen. Im 15-Minuten-Takt wurde über die Angeklagten, die nie ein schriftliches Urteil sahen, schnellgerichtet. Ein Opfer über die SED-Richter: »Die lachten.«

[Grafiktext]

__79_ NKWD-Lager in der sowjetischen Besatzungszone

[GrafiktextEnde]

* Jan von Flocken/Michael Klonovsky: »Stalins Lager in Deutschland1945-1950. Dokumentation, Zeugenberichte«. Ullstein-Verlag,Berlin/Frankfurt a. M.; 248 Seiten; 38 Mark.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 22 / 114
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.