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»Vorkommnisse, die ärgerlich sind«

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über Eberhard Diepgens Auftritt im Parlament *
Von Hans-Joachim Noack
aus DER SPIEGEL 6/1986

Einmal geschieht es nun doch, daß sich der Mann am Rednerpult schwer getroffen zu fühlen scheint. Aus denn Stand heraus überkommt ihn ein Ausdruck von Ekel, der sich nach ein paar Lidschlägen in die Darstellung von Wut verwandelt.

Was ihm da manchmal so angelastet werde, sagt mit Stahl in der Stimme Berlins Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen, finde er schlicht »zum Kotzen«.

Zugegeben: Erfreulich ist die Geschichte nicht, über die sich das Stadtoberhaupt am Donnerstag letzter Woche in einer Parlamentsdebatte im Schöneberger Rathaus womöglich zu Recht erregt. Anzutreten gilt es gegen das umlaufende, vom Fernsehen ausgestrahlte Gerücht, er, Diepgen, habe mit einem inzwischen wegen Bestechungsverdachts in Untersuchungshaft sitzenden Bordellkönig locker auf du und du gestanden.

Einen Moment lang sieht es tatsächlich so aus, als müsse der CDU-Spitzenmann förmlich zerspringen vor »soviel Verleumdungskampagne« und Niedertracht. Doch dann kriegt er sich rasch wieder ein »zum Kotzen«, sagt er zwar noch einmal, aber das klingt jetzt schon eher mechanisch, ausgezehrt und kraftlos wie ein hohler Refrain, vor dem die wahre Empfindung längst erstorben ist.

Nein, sich wirklich zu öffnen ist seine Sache nicht - selbst nicht an einem Tag, da zum vierten Male in der Berliner Nachkriegsgeschichte eine Parlamentsopposition den Versuch unternimmt, per Mißtrauensvotum einen Regierenden Bürgermeister aus dem Amt zu drängen.

Keineswegs allein nach dem Urteil von Sozialdemokraten und Alternativer Liste, sondern als Grundstimmung weit verbreitet, steckt die Halbstadt derzeit in ihrer schwersten Krise. Doch als darüber gesprochen werden soll, verschanzt sich der Mann, der politische Verantwortung dafür trägt, in seiner Regierungsbank und arbeitet aufreizend stoisch Akten auf.

Nicht daß Diepgen an diesem Nachmittag, während ihn die Opposition in die Defensive zu zwingen bemüht ist, zu den zu behandelnden Katastrophenthemen keine Meinung hätte.

Naturlich hat er die. Daß die CDU von Kriminellen unterwandert ist, Schmiergeld und Halbwelt und städtische Administration eine atemberaubende Verbindung eingegangen sind - das weiß er auch. Doch wie oft soll er noch sagen, daß ihn die Entwicklung entsprechend »verärgert« hat.

»Ärger, »verärgert«, »ärgerlich": Fast ausnahmslos hantiert Diepgen mit einer Vokabel, die in ihrer Begrenzung so viel Untertemperatur erzeugt, daß der AL-Abgeordneten Annette Ahme »die Spucke wegbleibt«.

Ist es generell »fehlendes Schmerzempfinden«, wie der Altsozi Harry Ristock mutmaßt, oder hat der 44jährige Macher nur seine Rolle noch nicht gefunden«? Wie managt man so ein Dilemma, in dem auch mit Gefühlswerten kalkuliert werden muß?

Diepgen, so sieht es aus, hat sich für eine Darbietung cooler vermeintlicher Kompetenz entschieden. Unterdrückt wird jede Regung, die am Ende als Selbstzweifel mißverstanden werden könnte.

Mag ja sein, daß der tüchtige »Ebi«, der Junge von der Plumpe und zu Zeiten seines Lehrmeisters Richard von Weizsäcker gelehriger Adept, in Berlin ein Zwischenhoch gefördert hat. Seit Ausbruch der Korruptionsaffäre scheint er nun aber wieder in seine Frühphase zurückzufallen. Die alte »Betonfraktions«-Gesinnung kommt da unversehens von neuem hoch, und die alte »Seilschaft« bestimmt seine Handlungen.

Selbstreinigung, sagt Diepgen fest, müsse sein, aber bitte eine »mit Augenmaß«. Munter im Bunker bleiben, heißt die Parole, sich »die Politik nicht kaputtmachen lassen« . Wäre ja auch ein Ding, wenn der Senat über diese »Vorkommnisse, die ärgerlich sind«, ins Wanken geriete.

Je tiefer der Wald, desto schriller die Pfeifentöne. Diepgen, das Stimmungswunder der letzten Berliner Jahre, möchte seine bewährte Masche nicht ohne weiteres preisgeben. Als persönliches Traumziel gilt ihm nach wie vor, der Stadt bis zur Jahrtausendwende dienen zu dürfen.

Manches spricht dafür, daß er sich da verschätzt, und erste Anzeichen deuten auf einen raschen Erosionsprozeß hin. Übertrieben sicher zu sagen, daß die Sehnsucht nach dem alten SPD-Oberinspektoren-Filz, in dem nur Nullen, nicht aber Kriminelle auf politische Posten geschoben wurden, gar schon übermächtig wäre.

Eher dominiert in der Stadt eine Art von Vakuum-Gefühl. Ob Rot oder Schwarz - »allet eene Wichse«, sagt im Schöneberger Rathaus ein Rentner, einer von den erstaunlich wenigen Zuhörern. Berlin ist an diesem Tag zu Hause geblieben. _(Am Donnerstag voriger Woche im Berliner ) _(Parlament; r.: Innensenator Lummer. )

Am Donnerstag voriger Woche im Berliner Parlament; r.: InnensenatorLummer.

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