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SCHNEZ Vorloopig Rapport

aus DER SPIEGEL 46/1967

Seit dem Sommer quälte die königlich-niederländische Regierung die Frage, ob ihre Truppen künftig wohl von einem 150prozentigen Nazi befehligt werden sollten. Am letzten Freitag machte der umstrittene Befehlshaber der Qual ein Ende.

Bonns Drei-Sterne-General Albert Schnez, 56, von Bundesverteidigungsminister Gerhard Schröder zum Nachfolger des pensionsreifen Oberbefehlshabers der Nato-Streitkräfte Europa-Mitte, General Graf Kielmansegg, vorgeschlagen, bat seinen Dienstherrn, »von der vorgesehenen Verwendung ... abzusehen«.

Begründung: »Ich will nicht der Anstoß dafür sein, daß sich das deutschholländische Verhältnis verschlechtert.« Bonns Beziehungen zum niederländischen Nachbarn drohten sich abzukühlen. als Schröder für den Nato-Posten im Juni den Kommandierenden General des III. Korps in Koblenz und ehemaligen Hitler-Obersten Schnez präsentierte.

Zunächst in Deutschland, dann aber auch in fast allen Nato-Ländern wurden Vorwürfe gegen den Drei-Sterne-General laut. Schnez soll

> 1941 seinem damaligen Vorgesetzten Oberstleutnant Hans Hoeffner wegen dessen politischer Kritik am »Führer« angedroht haben, ihn im Wiederholungsfall anzuzeigen;

> nach dem 20. Juli 1944 die Anzeige eines NS-Führungsoffiziers gegen Hoeffner nicht unterdrückt haben, obwohl er dazu in der Lage gewesen wäre.

Diese öffentlich erhobenen Vorwürfe vermochten Bonns Wehrführer Gerhard Schröder in seinem Entschluß, Schnez ins Nato-Hauptquartier bei dem südholländischen Dorf Brunssum abzukommandieren, nicht wankend zu machen. Die Angriffe gegen Schnez, so Schröder, seien längst untersucht und für ungerechtfertigt befunden worden. Schröder: »Diese Nazi-Gerüchte wischen wir leicht vom Tisch. Das alles spielt doch heute keine Rolle mehr.«

Die Holländer hingegen mochten Schröders Meinung nicht beipflichten. Königin Julianas Außenminister Josef Luns beauftragte das (nach Kriegsverbrechern forschende) Amsterdamer »Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie«, den Persilschein des Verteidigungsministers für Schnez unter die Lupe zu nehmen.

Zwei Rechercheure des »Rijksinstituut« reisten in die Bundesrepublik. Sie fanden Zeugen, die Bonns Schnez-Prüfer nicht gehört hatten. Vier Wochen lang durchforschten die holländischen Ermittlungsbeamten das Vorleben ihres Prüflings.

Im Rußlandwinter 1941/1942 diente Hauptmann Albert Schnez als Streckenkommissar in der Gegend von Poltawa (Ukraine) unter dem Kommando des Oberstleutnants Hans Hoeffner. Dieser Hoeffner schimpfte auf Partei und Führer -- gleichviel, wer zuhörte.

Hauptmann Schnez, mehrfach Zeuge der führerfeindlichen Ausbrüche Hoeffners, eröffnete seinem Vorgesetzten nach einer Schimpfkanonade, beim nächsten Mal müsse er ihn melden. Schnez heute: »Das war ein kameradschaftlicher Rat.« Hoeffner heute: »Der Mann hat ja an sich recht gehabt von seiner Warte aus.«

Einen Tag nach dem 20.-Juli-Attentat versammelte Hoeffner, mittlerweile als Oberst »General des Transportwesens« in Paris, seinen Stab nebst Eisenbahnern und Stabshelferinnen. Die Verschwörung gegen Hitler und das Attentat des Grafen Stauffenberg, so verkündete Hoeffner, seien »nicht Landesverrat, sondern nur Hochverrat«. Das sei nichts Ehrenrühriges. Für ihn, Hoeffner, seien die Verschwörer jedenfalls Patrioten. »Wer es nun noch wagt, Verleumdungen gegen das Offizierkorps zu verbreiten, den werde ich als einen Saboteur über den Haufen schießen.«

Bald darauf wurde ein junger Oberleutnant namens Michels aus dem Stabe Hoeffners in den Stab von Albert Schnez versetzt, der als Oberstleutnant und »General des Transportwesens in Verona residierte.

Dieser Michels nun berichtete nach Ankunft in Verona dem Oberleutnant Supper, der NS-Führungsoffizier bei Schnez war, von Hoeffners selbstmörderischen Pariser Tiraden. Supper wiederum sagte die Geschichte telephonisch dem NS-Führungsoffizier beim Chef des Feldtransportwesens im Oberkommando des Heeres, Oberleutnant Kausche, weiter.

Kausches Chef, der Transport-General Rudolf Gercke, rief daraufhin bei Schnez an und verlangte »verantwortliche Vernehmungen«. Schnez, der während der Aktion der beiden NS-Führungsoffiziere auf Dienstreise gewesen war, wich aus: »Das war doch in Paris ein Bierabend. Da erinnert sich niemand mehr genau, was wirklich gesagt wurde. Da kommt nichts bei 'raus.«

Doch General Gercke beharrte: »Wenn Sie nicht die Gestapo auf den Hals haben wollen, dann schicken Sie schleunigst eine vernünftige Vernehmung des Oberleutnant Michels.«

Schnez heute: »Ich habe dann die Sache so heruntergespielt, daß eigentlich gar nichts passieren konnte.«

Das war Anfang Oktober 1944. Erst am 22. Februar 1945 rückten Geheime Feldpolizisten an der Westfront bei Düren an, um dort Hoeffner zu greifen. Aber den hatten bereits die Amerikaner gefangen.

Sechs Jahre nach Kriegsende sahen sich Heeffner und Schnez erstmals wieder; Hoeffner war Grenzschutzgeneral, Schnez verkaufte Stahlhelme an den Grenzschutz. Schnez zu Hoeffner: »Ich habe gehört, Sie hätten mich im Verdacht, daß ich Sie damals denunziert hätte.« Die Herren sprachen sich aus.

Danach schrieb Hoeffner an Schnez: »Sie waren immer einer meiner besten Mitarbeiter... Auf Wiedersehen, lieber, guter, alter, wiedergewonnener Schnez.« Diesen Brief legte Schnez vor, als er sich 1957 mit dem Rang eines Brigadegenerals reaktivieren lassen wollte. Der Personalgutachterausschuß hielt den Bewerber für makelfrei.

Aber dann traf Hoeffner einen Waffengefährten aus der alten Potsdamer Aufklärungs-Abteilung 8 wieder: Kunrat Freiherr von Hammerstein-Equord. Der wollte das Kriegsschicksal seiner Kameraden aufzeichnen.

Hoeffner berichtete Hammerstein über Poltawa und den 21. Juli 1944 in Paris, nebst Folgen. 1960 veröffentlichte Hammerstein dann in der Kölner Zeitschrift »Labyrinth« einen Artikel, in dem er Hoeffner sagen ließ, Schnez habe das goldene HJ-Ehrenzeichen getragen und sei darauf »stolzer (gewesen) als auf das Eiserne Kreuz«. Kurzum: Schnez sei ein »150prozentiger Nazi« gewesen.

Nach Erscheinen des Artikels arrangierte der Personalchef im Verteidigungsministerium, Karl Gumbel, eine Gegenüberstellung. Mit Schnez konfrontiert, revozierte Hoeffner: »Ich habe mich geirrt. Der Mann mit dem goldenen HJ-Zeichen war ein österreichischer Oberleutnant.« Und auch sonst gebe es »keinerlei Probleme« zwischen ihm und Schnez.

Drei Jahre später, 1963, erschien Hammersteins Buch »Spähtrupp«. Darin fand sich der »Labyrinth-Artikel -- breit ausgemalt -- wieder: Schnez war nun zwar des goldenen HJ-Zeichens entkleidet, aber immer noch »150prozentiger Nazi«. Das Buch kam in die Bundeswehr-Bibliotheken, ohne daß Schnez daran Anstoß nahm.

Als die Amsterdamer Zivilfahnder im September beim Außenministerium in Den Haag ihren »Vorloopig Rapport« über den deutschen Brigadegeneral Albert Schnez ablieferten, erbaten holländische Parlamentarier sogleich eine Inhaltsangabe. Doch Außenamtschef Luns schwieg bislang.

Bis Anfang letzter Woche ertrug Schnez das holländische Interesse für sein Vorleben noch mit Gelassenheit. Auf die Frage, ob er durch Verzicht auf das neue Amt die peinlichen Untersuchungen beenden wolle, antwortete Schnez dem SPIEGEL: »Das wäre ja ein Schuldbekenntnis; dazu habe ich überhaupt keine Veranlassung.«

Mitte der Woche dachte er anders: Er meldete dem Verteidigungsministerium, daß er doch lieber in Koblenz bleiben wolle. Verteidigungsminister Schröder und Kanzler Kiesinger willigten unverzüglich ein.

Schröder tröstete seinen General mit einer öffentlichen Ehrenerklärung: Er halte ihn »unverändert für hohe Kommandofunktionen im nationalen und internationalen Bereich für voll geeignet«.

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