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aus DER SPIEGEL 44/2000

Mein Bruder, der Idiot Montag, 20.15 Uhr, ZDF

Was geschieht mit einem Menschen mit Down-Syndrom, wenn sein Betreuer stirbt? Wie wird ein Nichtbehinderter, der unter Behinderten aufwuchs, mit seinen Aggressionen fertig? Der Film von Beate Langmaack (Buch) und Kai Wessel (Regie) geht viele solcher ernsten Fragen an, nachdem der behinderte Jakob (Michael Wittsack) seine Mutter (Cornelia Froboess) verloren hat. Eigentlich, so sieht es eine Verfügung der Mutter vor, müsste sich Jakobs Bruder Julian (Martin Feifel) um den Jungen kümmern, aber Julian lebt als verbummelter Musiker in Berlin und hasst die Rolle des Helfers: In seiner Jugend hatte ihn die Mutter im Umgang mit behinderten Kindern überfordert. Die erste Hälfte von »Mein Bruder, der Idiot« läuft auf eine Tragödie hinaus, doch dann steuert das Drehbuch überraschend ein versöhnliches Ende an. Den Pianisten-Bruder packt auf einmal das Mitleid - eine Wende, die weder der Schauspieler noch die Regie deutlich machen können. Aber das ist eine verzeihliche Schwäche. Jakob-Darsteller Wittsack dürfte die Herzen der Zuschauer erobern. Er zeigt Charme und Humor ebenso wie rasende Wut, stolze Traurigkeit und entwaffnende Ehrlichkeit - seine Seele ist alles andere als behindert.

Das Teufelsweib Dienstag, 20.15 Uhr, Sat.1

Das Beste, was sich über diesen als Fernsehfilm getarnten Murks - es geht um Versicherungsbetrug, Eifersucht und Witwengeheimnis - sagen lässt, ist: Er hat Mut zur Freizügigkeit (Buch: Edeltraud Rabitzer, Regie: Carl-Friedrich Koschnick). Auf der Kanaren-Insel Gomera dürfen sich Iris Berben, Michael Mendl und Thure Riefenstein in Liebesszenen nach Herzens- und Körperlust bewähren. Dabei bestätigen sich die alten Weisheiten, dass Erotik vor allem eine Frage des Kopfes ist und Sex und Aggression sich gut vertragen.

Der Puma - Kämpfer mit Herz Donnerstag, 21.15 Uhr, RTL

Auf der Suche nach unerforschten Quoten-Jagdgründen ist der Sender auf das Kampfsport-Genre gestoßen und bringt, nach einem erfolgreichen Pilotfilm, nun eine achtteilige Serie ins Programm. Der Puma des Titels, Josh Engel (Mickey Hardt), ist ein schöner Kampfsportler, der einer mutigen Kriminalbeamtin (Susanne Hoss) und deren etwas vorsichtigem Kollegen (Ercan Durmaz) bei der Verbrecherjagd die Bahn frei tritt. In der ersten Folge geht es um Russen-Mafia und Rotlichtmilieu. Das Drehbuch trägt noch den weißen Anfänger-Gürtel. Egal, denn Hardt ist nicht nur ein Ex-Armani-Model, sondern auch im richtigen Leben ein hervorragender Kampfsportler. Die ungefähr hundert Action-Szenen pro Folge geben ihm reichlich Gelegenheit, Tritte, Sprünge und Schläge vorzuführen und seinen trainierten Oberkörper zu zeigen. Zielgruppe der Serie sind Zuschauerinnen - so viel Waschbrettbauch war nie. Was braucht der Puma da noch ein Herz?

Polizeiruf 110: Die Macht und ihr Preis Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Kommissar Groth war stets mit einem Beutel unterwegs: Er konnte auch nach der Wende die alte Ossi-Angewohnheit nicht ablegen, für eventuelle Konsum-Angebote immer die Tragetasche parat zu haben. Dieser Groth spielte im Meck-Pomm-Krimi wie das Wappentier der Landschaft: stur wie ein Ochse, schnaufend, bedächtig, unbeirrbar, auch wenn es Prügel von oben setzte, zugleich voller List und Schläue. So zog er an der Seite seines jungen, nervösen und obrigkeitsfixierten Kollegen Hinrichs den Polizeiruf-Karren. Mit dem Tod des wunderbaren Groth-Darstellers Kurt Böwe gibt es diese Konstellation nicht mehr. Uwe Steimle muss im neuen Polizeiruf (Buch: Edmund Grote, Hans-Erich Viet, letzterer führt auch Regie) den Karren allein fortbewegen, und - leider - das Tempo stimmt nicht mehr, seit nur der unruhige Jungkommissar ihn zieht: zu schnell, um mecklenburgische Bräsigkeit zu transportieren, zu langsam, um als spannender Krimi durchzugehen. Der Geschichte vom undurchsichtigen Politiker (Alexander May), von einer leichtsinnigen Erpresserin (Katharina Schubert) und einem Knacki auf der Flucht (Oliver Korittke) fehlt der Stallgeruch - alte Ochsen sind im Fernsehen nicht zu ersetzen.

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