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aus DER SPIEGEL 29/2001

Vorübergehend verstorben Montag, 20.15 Uhr, ZDF

Die eigenwillige Hamburger Juristin Luise (Karoline Eichhorn) bewegt sich in einer harten, überwiegend von Männern dominierten Geschäftswelt. Mit ihrer früh erworbenen professionellen Coolness ist es schlagartig vorbei, als genau das passiert, was einer hanseatischen Geschäftsfrau nicht passieren darf: Sie verknallt sich Hals über Kopf in einen attraktiven und vermögenden Großklienten (Michael Reale). Er ist ein »Latin Lover« und arbeitet für die Mafia. Wie meistens ist Eichhorn auch in diesem TV-Film (Buch: Ulli Stephan, Regie: Sigi Rothemund) sehenswert.

Für die Liebe ist es nie zu spät Mittwoch, 20.20 Uhr, ARD

Die Sentenz des Titels sagt sich so leicht: Helene (Nicole Heesters) ist über 60, Witwe, Großmutter mit einem anstrengenden Enkelkind (Theresa Scholz) und bei ihren Freundinnen (wunderbar: Monica Bleibtreu, Eva-Maria Hagen) nicht gerade als Liebesluder angesehen. Doch dann - Amor eine Gasse - taucht ein alter Schulfreund im Silberhaar (Günther Schramm) auf, und aus der frommen wird eine flotte Helene. Solch ein Plot klingt nach Klischee, doch René Heisig (Regie) und Julia Wawrzyniak (Buch) liefern einen sehr sehenswerten Fernsehfilm ab. Das liegt vor allem an der Heesters, die Gefühl mit Intelligenz zu verbinden weiß. Diese Schauspielerin zu sehen, dafür ist es nie zu spät.

Amok Mittwoch, 21.50 Uhr, ARD

»Nach meiner Klassenarbeit ging ich essen, machte meine Wäsche und traf Freunde. Gegen 22 Uhr hatte ich das Gefühl: Jetzt ist es so weit. Du musst deine Mission erfüllen.« Wie selbstverständlich berichtet Wayne Lo in Georg Stefan Trollers Reportage »Amok« von dem Tag, an dem er durchdrehte und als 18-Jähriger auf dem Gelände seiner Schule zwei Menschen erschoss. Er war der Stolz seiner taiwanesischen Eltern, besuchte ein amerikanisches Elite-College, war athletisch und musikalisch hoch begabt. Den Rest seines Lebens verbringt er nun im Gefängnis. Campus-Morde sorgen seit Ende der sechziger Jahre regelmäßig für Schlagzeilen. In Europa gelten sie bislang als amerikanisches Phänomen. Kein Wunder: Immer noch gibt es in den USA mehr Schusswaffen als Bürger. Auch Wayne Lo kaufte seine Halbautomatik im Laden um die Ecke. Die Patronen bestellte er im Versandhandel. Trotz der säuberlichen Aufschrift »200 Stück Munition« wurde ihm das Päckchen im College ausgehändigt. Zum Glück verlässt Troller nach dem actionbetonten Anfang seines Films das Hollywood-Niveau und lässt die emotionsgeladenen Interviews mit den Beteiligten für sich sprechen. Der Amokläufer selbst beschreibt heute, neun Jahre später, wie sehr er unter seiner Tat leidet. Wayne hat das Buch gelesen, das Gregory Gibson zur Bewältigung des Mordes an seinem Sohn Galen geschrieben hat. Wayne sagt: »Ich musste feststellen, dass Galens Leben meinem sehr ähnlich war. Er hatte eine gute Familie. Ich denke viel an sie. Ärgere ich mich heute über einen Punktverlust der Yankees, bin ich mir bewusst, dass Galens Familie nicht vom Sessel aufspringen kann. Sie trauert um ihren Sohn.« Geschickt reiht Troller die Gesprächsfragmente aneinander: Alle, der Täter, seine Familie und die der Opfer versuchen, die quälende Frage nach den Ursachen der Tat zu beantworten. Doch Vater Gibson ist es letztlich gleichgültig, ob Waynes Version vom göttlichen Auftrag als Erklärung übrig bleibt - oder ob der intelligente Junge auf andere Weise verrückt ist. Für Gibson steht fest: »In jeder Seele steckt auch ein dunkler Teil. Vielleicht würde auch ich heute Wayne Lo erschießen.« Troller gelingt ein fesselndes Dokument jenseits wohlfeiler Antworten.

Schwindelnde Höhe Freitag, 20.45 Uhr, Arte

Die Glut des Herzens ist wichtiger als das Glänzen des Verstandes. Diese - so das Drehbuch - vom heiligen Bernhard stammende Erkenntnis ist auch das Leitmotiv zu diesem schönen, kraftvoll-ruhigen Film (Regie: Jobst Oetzmann). Das Herz glüht in Ben (Roman Knizka), dem genialisch agierenden Steinmetz, und Marie (Ulrike Kriener) wahrt lange ihren Verstand, ehe sie der Leidenschaft zu dem Jungen nachgibt. Was das in der Kulisse des Regensburger Doms entstandene Stück auszeichnet, ist der ständige Blick auf die Arbeiten zum Erhalt der Kirche. Die Liebesgeschichte zwischen der älteren Frau und dem himmelstürmenden Jüngling steckt voller Fallstricke, über die der Film in den Edelkitsch stürzen könnte. Aber Knizka und vor allem Kriener halten sicher Distanz zu übertriebener Gefühligkeit. Ein Kabinettstück bietet Rudolf Kowalski als durch die Liebeseskapade seiner Dombaufrau geknickter Partner: Mit dem Charme der Unbeholfenheit erobert er ihr Herz zurück.

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