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aus DER SPIEGEL 39/1999

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Amerika

Montag, 20.15 Uhr, ZDF

Ein schwungvolles Roadmovie, das den Zuschauer nicht nach Übersee entführt, sondern in ein 80-Seelen-Nest zwischen Chemnitz und Leipzig. Dieses sächsische »Amerika« soll für einen Gewerbepark platt gemacht werden. Viele haben schon an den fetten Grundstücksspekulanten verkauft, nur der »Alte Krug«, mehr Bruchbude als Kneipe, ist noch nicht in den Fängen des Nabobs. Da schlägt das Märchen zu: Den vergammelten Laden, in dem verstockte Einheimische mit der nämlichen Pomadigkeit herumhängen wie die allgegenwärtigen Stubenfliegen, hat die junge Gastwirtstochter Lillian (Sophie von Kessel) geerbt, und die Schöne mit dem Schmollmund und der zornumwölkten Stirn bringt das Lotterlokal samt Crew (Hagen Mueller-Stahl, Gudrun Okras, Weijian Liu) auf Vorderfrau. Das Regiedebüt des österreichischen Werbefilmers Ronald Eichhorn versucht keine Sekunde, realistisch zu sein, sondern schwelgt in der Bildsprache der Reklame-Western, in denen flotte Jungs und scharfe Mädchen für Whiskey und Jeans durch die Hölle der Saloons gehen.

Single sucht Nachwuchs

Mittwoch, 20.15 Uhr, ARD

Umkehrung des feministischen Traums von der vaterlosen Mutterschaft: Der Single, Herzensbrecher und Unternehmensberater Breuer (Heino Ferch) möchte was Kleines ohne Eheweib. Der Traum bleibt Schaum, denn der kesse Vater-Aspirant rechnet nicht mit den Hindernissen, die eine gute Komödie (Buch: Ulrich Limmer, Regie: Uwe Janson) ihren Helden in den Weg stellt: eine Schwiegermutter (Monica Bleibtreu) und die wirkliche Liebe (Ina Weisse).

Tatort: Das Glockenbachgeheimnis

Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

Unter dem Pflaster liegt nicht der Strand der großen weiten Ferne, sondern Bäche fließen dort, die in die Heimat führen, zu deren Verheißungen und schrecklichen Geheimnissen. Dem Bayerischen Rundfunk ist mit diesem Stück (Drehbuch: Friedrich Ani, Regie: Martin Enlen) ein vorbildlicher »Tatort« gelungen, der alle Anforderungen an den ARD-Klassiker erfüllt: die Verbindung von Milieugenauigkeit, Thrill, Humor und melancholischer Poesie. Die Hauptkommissare Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl) suchen im Münchner Glockenbach-Viertel, einem proletarischen Quartier, das von zubetonierten Bächen unterminiert ist, den Mörder eines Hausbesitzers. Überall stoßen sie auf Schweigen, zunächst auch bei den Betreiberinnen eines Cafés (Iris Berben, Barbara-Magdalena Ahren) und deren schrulligem Freund (beeindruckend: Michael Tregor). Dass das Trio im wahrsten Sinne des Wortes seit der Jugendzeit eine gemeinsame Leiche im Keller hat, zeigt sich später.

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Schlafes Bruder

Donnerstag, 23.05 Uhr, Südwest III

»Koemm, o Kitsch« - solche und ähnlich ironisch gemeinte Niederstoßgebete standen über den Rezensionen zu dieser Literaturverfilmung von Joseph Vilsmaier. Der hatte 1995 Robert Schneiders elegant-verschnörkelten Roman über einen musikalischen Wunderknaben (André Eisermann), der im frühen 19. Jahrhundert in einem abgelegenen Bergdorf zu genialischer Größe aufläuft, mit einer Orgie kinematografischen Aufwands förmlich erschlagen. Der Film wirkt wie das Neuschwanstein des Heimatfilms.

Racheengel - Stimme aus dem Dunkeln

Freitag, 20.15 Uhr, Pro Sieben

Der Kalte Krieg ist längst vorbei, aber seine Wiedergänger wandeln noch immer durch das Fernsehprogramm. In Thorsten Näters Psycho-Thriller, einer Eigenproduktion von Pro Sieben, geht es um hypnotisch programmierte Mörder, die ohne Bewusstsein für ihre schrecklichen Befehle ihre grausamen Aufträge erledigen - der Hollywood-Agentenschocker »Telefon« (1977) mit Charles Bronson, in dem unerkannte Maulwürfe nach einem Codewort vom KGB zu Killern erwachen, funktionierte nach der gleichen Idee. Die Bibelsprüche, die über den Leichen mit Blut an der Wand stehen, hat der »Racheengel« auch dem Kino entlehnt. Die Wirklichkeit musste sich bei so viel Filmimport fügen: Das Treiben in der Psychiatrie, wo die Verwirrten mit den Augen rollen und sich gespenstische Verliese auftun, wirkt komplett irreal und überzogen, der Psychiater (Götz George) wie aus dem Horrorkabinett. Wenigstens Tim Bergmann als sensibler BKA-Mann und seine Freundin (Chiara Schoras) können etwas Glaubwürdigkeit in dieser Geisterbahn des Grusels bewahren.

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