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RÜSTUNG Vorsichtige Leute

Japan, Australien und Neuseeland wollen sich enger an Europa anschließen - und möchten deutsche Waffen.
aus DER SPIEGEL 15/1980

Hans Apel wurde ermahnt. »Ihr müßt euch«, beschwor der neuseeländische Premierminister Robert Muldoon den Bonner, »mehr um diesen Teil der Welt kümmern.« Der Neuseeländer ging den Verteidigungsminister streng genug an, daß der hinterher staunte: »Gegen diesen Regierungschef ist unserer noch ein freundlicher Herr.«

Muldoon sprach am deutlichsten aus, was auch Japaner und Australier von dem Deutschen auf dessen Fernostreise Ende März erwarteten: die Zusicherung, daß sich Bonn im pazifischen Großraum künftig stärker engagieren werde -- mit technischem Know-how, Finanzhilfen und Waffenlieferungen.

So hatte Japans Ministerpräsident Masayeshi Ohira um einen Termin beim Bundeskanzler noch vor dem Weltwirtschaftsgipfel im Juni nachgesucht, damit vorab schon Möglichkeiten engerer deutsch-japanischer Konsultationen erörtert werden könnten. Den Grund erläuterte Japans Außenminister Saburo Okita dem Bonner Botschafter Günter Diehl: »Wir fühlen uns alleingelassen.«

So hofft Neuseeland, daß die Europäische Gemeinschaft mit Bonner Fürsprache in Zukunft mehr Butter und Schaffleisch abnimmt. Andernfalls, so Muldoon, könne Neuseeland seine militärischen Verpflichtungen im pazifischen Raum nicht erfüllen.

Und Australien braucht deutsches Kapital, um seine Bodenschätze, vor allem Uran und Kohle, besser ausbeuten und seine stagnierende Industrie modernisieren zu können. Die Europäer, beschwerte sich der australische Regierungschef Malcolm Fraser beim deutschen Verteidigungsminister, vergäßen ihre internationale Verantwortung. Apel: »Mir ist manchmal angst und bange geworden, die trauen uns einfach zuviel zu.«

Eindringlich machten die Regierungschefs der drei Länder ihrem Besucher klar, daß Japan, Neuseeland und Australien seit der Afghanistan-Krise ähnliche strategische Überlegungen anstellen wie die Europäer: Zwar erhöhen alle drei Länder, auf amerikanischen Wunsch, in den nächsten Jahren ihren Rüstungsetat. In die Konfrontationspolitik der Supermächte mögen sie sich jedoch nicht hineinziehen lassen. Washington und Moskau, das hörte Apel in Tokio, Wellington und Canberra, seien gegenwärtig schwer berechenbar, die Gefahr einer Fehlkalkulation und damit eines Krieges sei besonders groß.

Selbst Australiens Regierungschef Fraser, einer der ersten Befürworter von Carters Olympia-Boykott, mochte Apel gegenüber der US-Formel, daß die Entspannung tot sei, nicht zustimmen. Unverhohlen klagten seine Minister vor Apel auch, daß Australien ähnlich schlechte Erfahrungen mit Jimmy Carters Informationspolitik gemacht habe wie die Europäer:

Entgegen den australisch-amerikanischen Verträgen hatten die US-Militärs ihre 650 auf vier Luftwaffen- und Marinestützpunkten stationierten Soldaten nach dem Überfall auf Kabul in Alarmbereitschaft versetzt, ohne die Verbündeten in Canberra von der Mobilisierung zu unterrichten. Schließlich, empörten sich Apels Gesprächspartner, hätten im Korea- und Vietnam-Krieg Australier Seite an Seite mit den Amerikanern gekämpft.

Wie dringlich den Pazifikstaaten seit der Afghanistan-Krise der Wunsch nach größerer Unabhängigkeit von den USA ist, hatte Apel schon vor Beginn seiner Reise erfahren: Ausdrücklich begehrten die Bonner Botschafter Japans, Neuseelands und Australiens deutsche Strategie- und Rüstungsexperten im Troß des Fernost-Reisenden Apel. Und obwohl Generalmajor Hans-Peter Tandecki, verantwortlich für Militärpolitik im Führungsstab der Streitkräfte, und Ministerialdirektor Hans Eberhard, Rüstungschef im Verteidigungsministerium, ständig beteuerten, »nur so« mitgefahren zu sein, waren sie in allen drei Hauptstädten hochbegehrte Diskussionspartner.

Die Neuseeländer interessieren sich für die gerade entwickelte deutsche Fregatte F 122 (Stückpreis: 300 Millionen Mark), für den Leopard-1-Panzer und die von Deutschen, Engländern und Italienern gemeinsam produzierte Feldhaubitze 70.

Australien, das bereits für 220 Millionen Mark 101 Leopard 1 gekauft hat, bemüht sich außer um Fregatten und Feldhaubitzen noch um das Minensuchsystem »Troika«, am liebsten im Tausch gegen Industriewaren und Rohstoffe. Trotz englischer, holländischer und italienischer Offerten wurden die deutschen Angebote schon auf die Auswahlliste gesetzt.

Am zurückhaltendsten zeigten sich -- vorerst -- die Japaner. Sie erkundigten sich zwar genau, wie bei den Europäern die technische Zusammenarbeit bei der gemeinsamen Waffenproduktion funktioniere. Doch festlegen mochten sie sich nicht.

Japan stellt 80 Prozent seiner Waffen selbst her und ist an Waffenkäufen kaum, dafür um so mehr an technischem Know-how interessiert. Lizenzproduktion und Rüstungskooperation wären erst dann von Vorteil, wenn die Eigenfertigung teurer würde als die Einfuhr. »Japaner«, tröstete Botschafter Diehl die deutschen Verhandler denn auch, »sind vorsichtige Leute und sehr auf Autarkie bedacht.«

Kurz vor Abflug der Luftwaffen-Boeing 1001 aus Tokio geschah dann doch noch das Unerwartete. Der Rüstungschef des japanischen Verteidigungsamtes nahm seinen Bonner Kollegen Eberhard an der Gangway noch einmal beiseite. Die Gespräche seien sehr aufschlußreich gewesen. Er hoffe, schon bald zu weiteren Verhandlungen nach Bonn kommen zu können.

Wißbegierige japanische Journalisten beschied Hans Apel: »Ich bin Politiker, kein Waffenverkäufer, aber wenn es zu Geschäften kommen sollte: warum nicht?«

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