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Afrika »Vorwärts zur Tradition«

Seit Jahren wächst südlich der Sahara die Not der Menschen. Hungerkatastrophen, Epidemien und Bürgerkriege fordern Hunderttausende von Opfern. Doch gleichzeitig boomt eine Schattenwirtschaft der Armen, deren Erfolge kaum eine Statistik verzeichnet. Sie sichert - notdürftig - das Überleben ganzer Staaten.
aus DER SPIEGEL 42/1994

Die gelblich-trübe Flüssigkeit in den gebrauchten Flaschen gilt als »Palmwein«. Frisch vom Baum wird unter diesem Etikett Saft aus Kokosnüssen feilgeboten. Überall in Westafrika schätzen die Menschen das belebende Getränk.

An der Fernstraße von Benins Wirtschaftsmetropole Cotonou zur nigerianischen Grenze hätte ein Schluck aus der Pulle indes fatale Folgen. Nicht Palmwein, sondern Benzin enthalten dort die Flaschen, die Frauen, Kinder und junge Männer am Straßenrand verkaufen, den Liter zu 70 Pfennig. Weil die Zapfsäulen der regulären Tankstellen dafür eine Mark nehmen, herrscht rege Nachfrage.

Ihren Nachschub beziehen Benins Flaschenhändler aus dem Ölland Nigeria. Dort kostet der Liter 20 Pfennig. Als Transporteure dienen Auto-, Motorrad- und Mopedfahrer, die mit fast leerem Tank über die Grenze reisen und vollgetankt nach Benin zurückkehren.

Neben den motorisierten Kleinschmugglern überqueren Heerscharen von Fußgängern die Grenze in beiden Richtungen: Frauen schleppen auf Kopf und Rücken Reissäcke von Benin nach Nigeria; junge Burschen tragen Taschen mit selbst geernteten Zwiebeln und Pfefferschoten. Waschmittel, Haushaltsgegenstände und elektronische Geräte nehmen den umgekehrten Weg.

Die Mammis mit den Reissäcken und die Benzinverkäufer sind das Gegenbild zu den apathischen Hungerleidern, die das Gesicht Afrikas in der Ersten Welt prägen. Arm, aber aktiv, wendig und voller Ideen helfen die Menschen sich selbst. Widrigsten Umständen zum Trotz überleben Millionen auf dem so oft als verloren beschriebenen Kontinent, obwohl die offiziellen Statistiken immer nur weiteren Niedergang anzeigen.

Nach westlichen Maßstäben müßten etliche Länder zwischen der Sahara und dem Sambesi längst untergegangen, ihre Bewohner verhungert sein. Afrika ist der einzige Erdteil, in dem die Bevölkerung schneller wächst (3,2 Prozent) als die Wirtschaft (2,5 Prozent). Sein Anteil am Welthandel schrumpfte auf ein Prozent. Nur noch 0,6 Prozent der Direktinvestitionen aus den Industriestaaten gehen nach Afrika. Zwischen Bevölkerungszunahme und Nahrungsmittelproduktion tut sich eine scheinbar unüberbrückbare Kluft auf.

Hungersnöte, Epidemien, Massensterben sind die Folge. Politisches Chaos vergrößert das Elend. Zehntausende kommen Jahr für Jahr in Afrikas Bürgerkriegen um, die - etwa in Ruanda, Somalia und Liberia - ganze Nationen zerstört haben. Äußerlich noch unversehrte Staaten wie Zaire sind dagegen zu Kleptokratien verkommen: Kleine Cliquen um einen korrupten Diktator bereichern sich, der Staat plündert seine Bürger aus.

So herrscht in Afrika drei Jahrzehnte nach der Unabhängigkeitswelle tiefe Staatsverachtung. Entwicklungsforscher Dani Nabudere aus Uganda, als ehemaliger Minister mit dem afrikanischen Regierungsalltag vertraut, sieht für viele Staaten »keine andere Alternative als den Zusammenbruch«.

Doch der Kollaps von Staat und Verwaltung bedeutet für die Menschen nicht das Ende. Viele finden Halt in Großfamilien, in denen die Bessergestellten für die Schwachen, die Jungen für die Alten sorgen. Vor allem aber suchen die Afrikaner außerhalb staatlicher Organisationen - und oft auch außerhalb der Legalität - Überlebenschancen.

Jugendliche rösten Erdnüsse, die sie in Tüten aus gebrauchten Schulheften verkaufen, oder sie rudern Reisende über Flüsse. Frauen verhökern Feuerholz oder betreiben Garküchen vor Schulen und Kasernen. Männer verdingen sich als Lastträger oder erneuern Reifen von Fahrrädern und Lastkraftwagen.

Diese Schattenwirtschaft, von der Internationalen Arbeitsorganisation (Ilo) als »informeller Sektor« definiert, reicht vom einzelnen Wasserträger bis zur Händlerin mit Hunderten von Mitarbeitern. Daneben gibt es Lehrer, die nach der Schule Taxi fahren, Behördenangestellte, die als Verkäufer zusätzlich Geld verdienen. In Tansanias alter Hauptstadt Dar es Salaam arbeiten 87 Prozent aller Beschäftigten für ein weiteres Einkommen.

Auf dem Markt der Armen werden riesige Umsätze erzielt, die im Sozialprodukt unberücksichtigt bleiben. Da sie nirgendwo erfaßt werden, entgehen den Staaten überdies Steuern und Sozialabgaben. Südafrikas Regierung kalkuliert inzwischen als eines der ersten Länder offiziell mit der Schattenwirtschaft: Auf acht bis zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts veranschlagt das Finanzministerium die Schwarzarbeit seiner Einwohner.

In anderen Staaten beschäftigt der inoffizielle Markt weit über die Hälfte aller Arbeitsfähigen, wesentlich mehr als in Ländern Asiens oder Lateinamerikas. Denn diese Wirtschaft der Armen boomt um so kräftiger, je weniger die offizielle Wirtschaft entwickelt ist.

Nach Ilo-Schätzungen beschäftigt die Schattenwirtschaft in Mali 75 Prozent, in Burundi 66 Prozent und in Niger 58 Prozent der Erwerbsfähigen; im wirtschaftlich höher entwickelten Indien sind es dagegen nur 48 Prozent.

Gewinne im betriebswirtschaftlichen Sinn von Industrienationen wirft das kreative Durchwursteln nicht ab. Es soll lediglich das Überleben sichern und die Grundbedürfnisse der Armen befriedigen. Auf diese Weise benötigt der inoffizielle Markt kaum Kapital, schafft aber viele Arbeitsplätze. Er nutzt einheimisches Know-how und verwendet oft Abfälle der westlichen Wegwerfgesellschaft.

In Ostafrika nennen die Menschen diese unregulierte Parallelwirtschaft »jua kali« (Kisuaheli für: brennende Sonne). Ihre Beschäftigten arbeiten üblicherweise unter freiem Himmel an Straßenecken und auf Hinterhöfen. Juakali-Handwerker können Meisterleistungen vollbringen, obwohl viele keinerlei Ausbildung haben.

So zimmern Tischler Möbel nach Ikea-Katalogen. Mechaniker verlegen Autosteuerungen von der linken auf die rechte Seite. Schmiede hämmern Öfen aus Artilleriegranaten. Elektriker bauen aus Schrott Parabolantennen.

Im Video-Zeitalter kommt ein neuer Beruf zu den traditionellen Schreibern und Fotografen hinzu, die vor afrikanischen Amtsgebäuden Schriftunkundigen ihre Dienste anbieten oder wichtige Familienereignisse in Bildern dokumentieren. Im nigerianischen Ilesha verspricht ein »Onkel Olu« auf seinem Firmenschild »erstklassige Video-Aufzeichnungen von Hochzeiten, Taufen, Jubiläen etc.«.

Arbeitsschutzbestimmungen oder Arbeitszeitregeln sind Fremdwörter im Überlebenskampf. Für das Familieneinkommen müssen auch Kinder und Frauen ran - etwa auf den in Teilen Afrikas üblichen Nachtmärkten.

Dort wird selten gefragt, woher eine Ware stammt. Oft genug wurde sie heimlich ins Land geschafft. Schmuggeln ist die am weitesten verbreitete illegale Tätigkeit der afrikanischen Parallelwirtschaft - kein Wunder auf einem Kontinent mit 52 Staaten, deren Grenzen willkürlich von den Kolonialmächten gezogen wurden.

Besonders Bewohner von vernachlässigten Grenzregionen wissen genau, welche Güter an welcher Stelle über Bäche und Buschpfade eingeschleust werden können. Der britische Afrika-Historiker Basil Davidson nennt Schmuggeln die »beinahe durchgängige Antwort der Landbevölkerung auf ihre Diskriminierung durch die offizielle, stadtorientierte Wirtschaft«.

So schaffen Kaffeebauern aus Uganda ihre Ernte nach Kenia oder Ruanda, weil dort höhere Preise gezahlt werden. Viehzüchter aus Mali treiben illegal dreimal so viele Rinder über die Grenze wie im legalen Export. Aus dem nach fast 20 Jahren Bürgerkrieg völlig verarmten Angola bringen die Grenzbewohner Edelsteine und Wildtierfleisch ins benachbarte Sambia; dafür tauschen sie Salz, Seife und Kleidung.

An Grenzübergängen und auf den vielen Schwarzmärkten wechseln fliegende Händler alle möglichen Währungen. Ihre Kleinbanken funktionieren ohne Umtauschquittung und Devisenkontrolle. Doch wegen der allgegenwärtigen Inflation ziehen viele Afrikaner den Tauschhandel vor - Textilien gegen Lebensmittel, Fahrzeuge gegen Mineralien.

In Zaires entlegener Nordostprovinz Kivu ist ein Yamaha-Moped für 20 Gramm Gold und ein Pick-up-Lastwagen für 200 Gramm Gold zu haben. Gruppen von Jugendlichen buddeln das Edelmetall tief im Busch in illegalen Minen aus.

Der Güteraustausch per Schmuggel ("informeller Außenhandel« lautet der gängige Euphemismus von Entwicklungspolitikern) übertrifft in Afrika inzwischen den Umfang des legalen Handels. Ugandas Präsident Yoweri Museveni sieht darin ironisch den einzigen Hinweis auf einen gemeinsamen afrikanischen Markt.

Vom Schmuggel profitieren auch Staatsdiener, die vielerorts monatelang auf ihre kümmerlichen Gehälter warten müssen - zum Beispiel so: Ein aus Nigeria kommendes Mädchen gibt dem Benin-Zöllner eine von vier Flaschen mit Schmuggelbenzin ab. Fordert er mehr, protestieren die Umstehenden: »Das ist nicht üblich.« Sogar Afrikas Schwarzmärkte haben ihre ungeschriebenen Gesetze.

Oft genug herrscht allerdings das Recht des Stärkeren. So treiben Soldaten und Polizisten an Straßensperren auf eigene Rechnung Wegzölle ein.

Lkw-Fahrer in Niger rechnen für 30 bis 40 Kontrollpunkte an der 920 Kilometer langen Strecke zwischen der Hauptstadt Niamey und Zinder an der Südgrenze mit 350 Mark Gebühren. Für die 1500 Kilometer von Niamey nach Abidjan, der Wirtschaftsmetropole der Elfenbeinküste, müssen sie rund 1200 Mark bereithalten. Insgesamt, so schätzt das Transportministerium der Elfenbeinküste, werden allein im eigenen Land jährlich rund fünf Millionen Mark an illegalen Wegzöllen kassiert.

Daß selbst ein für afrikanische Verhältnisse gut organisierter Staat wie die Elfenbeinküste gegen diese verdeckte Straßenräuberei machtlos ist, zeigt, wie sehr die Kontrolle den Regierungen entglitten ist. Durch marodierende Staatsdiener lernen die Menschen den Staat zunehmend nur noch als Räuberregime kennen. Viel zu viele Bürokraten verlangen von ihnen bei fast jedem Behördengang Geburtsurkunden, Anmeldescheine, Zuzugs-, Bau- und Handelsgenehmigungen und immer wieder »Mobilisierungsbeiträge« - Bestechungssummen, um überhaupt aktiv zu werden.

Afrikanische Intellektuelle, die sich in der Organisation »Africa in Transition« (AIT) zusammengeschlossen haben, werfen den Machthabern vor, daß sie mit ihrem Anspruch, das Leben der Menschen bis ins Kleinste regeln zu wollen, die Bevölkerung in Unmündigkeit und Passivität getrieben haben. Von ihren Staaten »im Stich gelassen«, so ein Sprecher der AIT, »müssen die Menschen nun wieder Verantwortung übernehmen, die sie im vorkolonialen afrikanischen Regierungssystem schon einmal inne hatten«. Die Forderung lautet: »Vorwärts zur Tradition«.

Die Entwicklungspolitiker vom AIT wollen natürlich nicht die modernen Staaten abschaffen und die primitiven Stammesgesellschaften wiederherstellen. Doch sollen verschüttete Tugenden und Talente aus vergangenen Zeiten geweckt werden.

Anknüpfen möchten AIT-Mitglieder wie der Ugander Nabudere bei den sogenannten grass roots, häufig vorkolonialen Traditionen, die das Gemeinschaftsleben regelten. So möchten sie Vereinigungen von Männern fördern, die im gleichen Jahr ihre Initiationsriten erlebten - ein afrikanisches Pendant zu westlichen Abiturklassen. Zu »Graswurzel«-Organisationen zählen auch Zusammenschlüsse von Händlerinnen und traditionellen Heilern, Selbsthilfegruppen von Jugendlichen und Behinderten sowie religiöse Gruppen und Produktionsgemeinschaften.

Entscheidend für den Erfolg dieser Einrichtungen ist ihre Eigenverantwortung und die Unabhängigkeit von Regierungsinstitutionen oder ausländischen Hilfsorganisationen. Vereinigungen, die sich auf eigener Tradition und Kultur gründen, handeln nach AIT-Erkenntnissen wirkungsvoller und finanzieren sich in beträchtlichem Maße selbst.

Beispiele, daß solche Organisationen tatsächlich ihre Aufgaben erfüllen, gibt es genug. So zahlen Wanderarbeiter im südlichen Afrika monatlich einen Betrag in eine Beerdigungskasse: Gruppenmitglieder sollen im Todesfall in die Heimat überführt und dort den traditionellen Riten entsprechend bestattet werden können. Heute bieten die Sterbekassen auch Kleinkredite für Privatunternehmer an. Sie finanzieren einen Gebrauchtwagen, eine Bar, den Grundstock für eine Hühnerzucht.

Unter der sozialen Kontrolle der Gemeinschaft wird - anders als bei Regierungsinstitutionen und aufwendigen Entwicklungsprojekten - kaum Geld veruntreut. Erspartes verwenden die Begünstigten meist für sinnvolle Billigprojekte.

So gründeten Jugendliche in der Stadt Mbale an der Grenze von Uganda zu Kenia mit ihren Fahrrädern eine Genossenschaft von Taxifahrern. Sie nennen ihre Organisation stolz »Gava Mukulya«, zu Deutsch: Iß erst. Es ist nicht mehr der Hunger, der sie zur Arbeit antreibt, sondern die Aussicht auf Erfolg.

Das Geschäft blüht, weil der kleine Grenzverkehr hier wegen der hohen Benzinpreise überwiegend per Rad abläuft. Inzwischen gibt es in der Region sieben Genossenschaften mit schätzungsweise 3000 Fahrrädern. »Afrikaner erkennen Marktlücken«, lobt der langjährige Hauptgeschäftsführer des Hamburger Afrika-Vereins, Martin Krämer. Notgedrungen seien sie »Überlebenskünstler«.

Auf den großen Marktplätzen wird deutlich, wie die Afrikaner auf wundersame Weise zudem das Alte mit dem Neuen verbinden können: Nie fehlen Magier, die verkünden, wie sich Preise und Kurse entwickeln werden. An Orakeln wollen diese Juju-Männer erkennen, wann und wo Schmuggelgut am besten über die Grenze gebracht werden kann.

Und weil ohne die Geister nichts geht, boomt auch die ungewöhnlichste Branche der Überlebenswirtschaft für die Armen - die Zauberei. Y

Magier verkünden, wie sich Preise und Kurse entwickeln

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