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WÄHLER Vorwärts zurück

Erstwähler entscheiden sich nicht mehr automatisch für die Grünen - sie wählen oft CDU. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

So einfach ist das bei der FDP. Kaum hat die Liberale Partei in Baden-Württemberg einen Dreißigjährigen namens Walter Döring zum Landesvorsitzenden erwählt, schmückt sie sich schon bundesweit mit dem Etikett »Partei der Jugend«. FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher nennt seither seine Partei »putzmunter«, man werde »einen Beschluß fassen müssen, daß Landesvorsitzende wenigstens volljährig sein sollten«.

Wo so hochgestapelt wird, muß der Schreck tief sitzen. Der Wahlforscher Joachim Hofmann-Göttig ermittelte in einer Studie über »Die jungen Wähler«, daß der Verlust der 18- bis 25jährigen für die FDP »lebensgefährlich« sei. Das »Dauertief« bei Teens und Twens lasse die um die fünf Porzent laborierende FDP als eine Partei »ohne Zukunft« erscheinen.

In Hamburg, so erfragte jüngst Infas, ist die Resonanz der FDP bei den Jungen auf dem absoluten Tiefpunkt: Null Prozent der bis zu 24jährigen würden FDP wählen, wenn jetzt Wahltag wäre.

Das war nicht immer so. In den siebziger Jahren erreichten die Liberalen bei Jungwählern überdurchschnittliche Spitzenwerte bis zu 15,2 Prozent, in Hamburg 1974 sogar 18,5 Prozent.

Auch die Sozialdemokraten klagen über mangelnde Resonanz beim Jungvolk. Der SPD-Vorsitzende Willy Brandt erklärte zwar optimistisch Wählerdefizite bei den Jungen für »korrigierbar«. Zuvor aber müsse die SPD, die als zu verzagt und halbherzig gelte, nicht nur Politik für Köpfe, sondern auch »für Herzen« machen.

Nur wenn die schweren Sympathie-Verluste der Sozialdemokraten bei jungen Wählern aufgefangen werden, ist »ein Wiedererstarken der SPD auf das Niveau der 70er Jahre denkbar«, prophezeit Hofmann-Göttig in seiner Jungwähler-Studie. Der Kölner Wahlforscher Manfred Güllner bestätigt die Analyse: »Die SPD hat keine Faszination mehr, sie ist farblos geworden.«

Profit bei den Jungen machen die Grünen. Sie haben seit 1980 ihren Stimmenanteil unter den Jungwählern verdreifacht. In Hamburg könnten die Alternativen bei den nächsten Bürgerschaftswahlen in dieser Altersgruppe laut Infas sogar auf 54 Prozent kommen.

Aber auch die Christen-Union gewinnt neuerdings an Zulauf unter den ganz Jungen. Ihren Sieg bei der Wende-Wahl 1983, meint Hofmann-Göttig, haben die Unionsparteien vor allem einem Plus von sieben Prozent bei den Jungwählern gegenüber der Wahl 1980 zu verdanken.

Zunächst glaubten die Meinungsforscher von Emnid an ein »Zufallsergebnis« (Klaus-Peter Schöppner), als sie bei den sehr jungen Jahrgängen einen Hang zum Konservativismus feststellten. Doch in den letzten drei Jahren bestätigte sich der Rechts-Trend: Während in der Altersgruppe der 25- bis 30jährigen mehr als die Hälfte den Grünen zuneigt, teilen sich bei den 18- bis 20jährigen die Sozialdemokraten, die Christen-Union und die Grünen zu je einem Drittel die Wählergunst; die FDP ist out.

Bisher konnten die Grünen davon ausgehen, daß sie unter den Erstwählern automatisch die meisten Sympathien fanden. Mit ihren spektakulären Erfolgen im vergangenen Jahr haben die Grünen offensichtlich das Jungwähler-Reservoir ausgeschöpft, »ihren Sättigungsgrad erreicht« (Güllner).

Der Kölner Wahlforscher analysierte die Ergebnisse der baden-württembergischen Landtagswahlen und stellte fest, daß die Grünen in Stuttgart ihr relatives Anwachsen um fünf Prozent im Vergleich zur Wende-Wahl 1983 in erster Linie einer geringeren Wahlbeteiligung verdanken. Dem prozentualen Sprung von 10,3 auf 15,9 Prozent in der Landeshauptstadt entsprach nur ein tatsächlicher Zuwachs von 27 851 auf 30 980 Stimmen.

Vor allem bei den Erstwählern scheint der Zuwachs deutlich gebremst. In Köln wählten 1984 bei den 18- bis 25jährigen nur noch 9,8 Prozent grün, bei den 25bis 35jährigen waren es noch 12,9 Prozent: Die Grünen-Wähler werden älter. Die Alternativen sind vor allem bei den 30jährigen gefragt, bei denen die Wachstums- und Energiediskussionen der 70er Jahre noch Spuren hinterließen. Güllner: »Der Wertewandel ist abgeschwächt. Das gilt in besonderem Maße für jüngere Bürger.«

Eine Befragung bei städtischen Angestellten bestätigte die Tendenz. Die 25bis 29jährigen äußerten sich kritischer und unzufriedener über ihren Arbeitsalltag als die jüngeren Mitarbeiter. In der Rangordnung der Angestellten stehen Familie und Gesundheit neuerdings hinter Beruf und Einkommen: vorwärts in die fünfziger Jahre.

Der neue konservative Trend bei den ganz Jungen schlägt sich im Wahlverhalten nieder: In Köln wählten bei der Kommunalwahl mehr Erstwähler die CDU (12,9 Prozent) als die Grünen (9,8 Prozent).

Die Demoskopen mögen die Gründe nur vermuten: Im Konkurrenzkampf um Studien- und Ausbildungsplätze haben wohl nur diejenigen eine Chance, die dem Leistungsdruck nicht ausweichen, sondern sich anpassen. Güllner: »Die Angst, einen Platz im ökonomischen System zu erlangen, führt zu Überanpassungsprozessen, die sich auch in der Akzeptanz klassischer Wertesysteme äußern.«

Und Emnids Schöppner, der an der Universität in Münster einen Lehrauftrag hat, wundert sich über seine adretten und artigen Studenten, die nicht mehr in der ersten Vorlesung das Thema Demoskopie und Demagogie diskutieren wollen: »Das Erscheinungsbild hat sich völlig gewandelt.«

Da kann Peter Radunski, Bundesgeschäftsführer der CDU, Morgenluft wittern: »Das haben wir in Amerika gelernt, die ökonomische Frage erfaßt alle Wählerschichten - auch die Jungen. Die kommen zu uns.«

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