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REVUE W-Weh mit Musik

aus DER SPIEGEL 19/1949

Eine fast endlos lange Autokette vor Berlins Theater am Kurfürstendamm war das äußere Zeichen der Revue-Premiere »Berlin-W Weh«. Der Anziehungsmagnet hieß: Rudolf Nelson, der Mann mit dem stereotypen Ehrentitel »Altmeister des Kabaretts«.

In Berlin hatte der kleine korpulente Mann seine große Zeit im »Roland von Berlin«, »Chat noir« und »Nelson-Theater«. Jetzt hat ihn Berlin wieder, für sechs Wochen.

Dann läuft sein Visum ab, und er muß zurück in seine »zweite Heimat« Holland. In Amsterdam hat er sein deutsch sprechendes Kabarett.

Der Berliner Rudolf Nelson kam nach 16 Jahren zum ersten Male wieder nach Berlin. Eigentlich wollte er nur einen Querschnitt durch sein Schaffen seit der 33er Emigration geben. Berlins erfolgreichster Nachkriegskabarettist Günter Neumann überzeugte ihn, daß er in der blockierten Stadt à la 1949 starten müsse. Nelson sah ein: »Ich komme in eine kranke Stadt. Die Themen im Ausland sind sorgloser.«

Es entstand »Berlin-W Weh«, mit Nelsonscher Musik und Neumannschen Texten. Erik Ode führte Regie. Der RIAS machte die Reklame. Er hatte außerdem das Verdienst, Nelson aus Amsterdam herausgelotst und das in »Gloria-Palast-Kino« verwandelte Theater am Kurfürstendamm für einen Monat freigeeist zu haben.

Berlin-W Weh wurde in knapp 14 Tagen produziert. Zwei neue Texte täglich war Günter Neumanns Tagespensum. Er las sie Nelson am Flügel vor. Der schloß die Augen und setzte sie in Musik. Kompositionsrekord: rund 15 Minuten. Er wurde mehrmals erreicht.

Worauf es ihm bei seiner neuen Revue ankommt, sagte Nelson mit einem Satz: »Zeigen, daß ich nelsonsch war, bin und bleiben möchte.« Den Erfolg dieses Ehrgeizes bestätigte ihm das Publikum während und nach der Vorstellung und Berlins Westkritiker einmütig lobend in ihren Rezensionen. Ostlizenzierte Blätter brachten nichts.

Es ereigneten sich Begrüßungsovationen, als Rudolf Nelson über die Bühne die Treppe hinab zum Flügel ging. Dann rollten 21 Szenen wie ein Film ab, ohne Pause und ohne Conferencier.

Die Weh-Wehs von Berlin-WW erhielten ein linderndes Pflästerchen aufgeklebt oder werden ausgeätzt, beides liebenswürdig. Kulissen sind die Läden vom Kurfürstendamm und die Gegend um die Gedächtniskirche.

Die Stromsperren, das Berliner Bürokratentempo, Einbrecher und Polizisten bekommen das aktualisierte Witzlicht aufgesteckt. Aktualität wird überhaupt groß geschrieben. Günter Neumann ist ein aufmerksamer Zeitungsleser. In seinen Texten fehlt nie ein kurzer politischer Akzent, mit Angriff auf die Lachmuskulatur.

Beifallssturm brach los nach Ethel Reschkes aktualisiertem Tamerlan-Hennecke-Song. Sie parodierte Nelsons Tamerlan-Liedchen: »Mir ist heut so nach Hennecke«, mit dem weiblichen Schrei nach männlicher Sollüberfüllung eines »Akt-ivisten« (mit Pause nach der ersten Silbe). »Das war kostbar ordinär«, bemerkte der »Kurier« dazu.

Es fehlt auch nicht an besinnlichen Tupfern: Der betagte Nelson-Freund Willi Prager sucht weise mit der Petromaxlampe vor der Nissenhütte den Menschen im Beamten, und Dora Paulsen, Nelson-Interpretin, die mit ihm die Emigration teilte, singt »Zurück in Berlin«.

Nelsons Melodien gossen Zuckerguß über Berlins W-Weh. Mit beweglichen Knubbelfingern und hüpfender Glatze entlockte er sie dem Flügel vor der Bühne. Günter Neumann saß am anderen. Ein Schuß Optimismus kam in die Berliner Luft und etwas Leichtigkeit.

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