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SOWJET-UNION / SOZIOLOGIE Wacht bitte schneller auf

aus DER SPIEGEL 10/1966

Vor einem Jahrzehnt entdeckte die Sowjetwissenschaft den Sowjetmenschen. Heute weiß sie, daß er nicht ist, wie er, nach einem Halbjahrhundert kommunistischen Regimes, sein sollte. Sie weiß, daß ihm nicht, wie einst Karl Marx hoffte, die Arbeit zum »ersten Lebensbedürfnis« geworden ist, daß er vielmehr

- in erster Linie privates Glück ersehnt,

- Gedanken- und Handlungsfreiheit mehr als Macht über Menschen schätzt,

- zwar nicht in die Kirche geht, aber

seine Kinder taufen läßt,

- den Bestarbeiter wenig, den Parteifunktionär noch weniger, hingegen denjenigen Arbeitskollegen sehr bebewundert, der den Krach mit der Obrigkeit nicht scheut, um einem anderen zu helfen.

Das Idealbild des gegen die Obrigkeit aus idealistischen Gründen Aufmuckenden ermittelten Soziologen der Moskauer Akademie der Wissenschaften, indem sie einen repräsentativen Querschnitt der jungen Moskauer und Leningrader Elite (Durchschnittsalter: 27 Jahre; fast alle Mitglieder der kommunistischen Jugendorganisation) befragten: Wissenschaftler, Studenten, Angestellte und Facharbeiter gehobener Berufssparten.

Die Vorstellungen vom privaten Glück lotete dieselbe Befragermannschaft mit der Frage aus: »Was würden Sie sich anschaffen, wenn Sie überflüssiges Geld hätten?«

Es wünschten sich

- 24,5 Prozent eine bessere Wohnung

und Einrichtung;

- 12,3 Prozent Bücher und Musikinstrumente;

- 11,3 Prozent Nahrungsmittel und Bekleidung;

- 10,5 Prozent ein Motorfahrzeug (darunter neun Prozent das in der Sowjet-Union fast unerreichbare eigene Auto);

- 9,8 Prozent Reisen, vorzugsweise ins Ausland.

17 Prozent gaben keine Antwort. Sechs Prozent antworteten ungefähr gleichlautend: »Wir haben kein überflüssiges Geld und werden auch in Zukunft keines haben.«

Auf die Frage nach der Religion bekannten sich zwar nur drei bis vier Prozent als Gläubige, aber 47 Prozent der Elitejugend gaben an, daß ihre Kinder getauft seien, und weitere 18 Prozent verweigerten die Auskunft.

Sämtliche befragten Moskauer Studenten gaben ihre Kinder als getauft an. Von den Kindern der befragten Moskauer Jungarbeiter erwiesen sich nur 35 Prozent als nicht getauft.

Die unerwarteten Ergebnisse der Moskauer Befragung resultieren ebenso wie viele andere Überraschungen der russischen Sozialforschung aus der Befreiung der Sowjetwissenschaft von stalinistischen Fesseln.

Während die empirische Soziologie in Amerika und Westeuropa seit Jahrzehnten in Blüte steht, regierte in der Sowjet-Union unter Stalin die ideologische Norm. Praktische Sozialforschung war verpönt.

Das änderte sich erst von 1957 an. Damals verschickte die Moskauer Akademie der Wissenschaften über die Unesco Einladungen an führende westliche Soziologen.

Ziel aller soziologischen Forschung in der Sowjet-Union soll sein, der Partei endlich konkrete Unterlagen für die Leitung der Sowjetgesellschaft zu liefern. So betont Sowjetsoziologe Ossipow in dem jüngst erschienenen zweibändigen Leitfaden »Soziologie in der UdSSR«, daß es ohne konkrete Sozialforschung »unmöglich ist, die gesellschaftliche Entwicklung wissenschaftlich zu leiten«.

Die Sowjetsoziologen sollen unbestreitbare Fakten liefern - und sie tun es, ohne Rücksicht auf langgehegte Wunschvorstellungen vom kommunistischen Supermenschen und dessen sozialer Einstellung.

So stellten sie anhand einer in Leningrad vorgenommenen Untersuchung ohne Beschönigung fest, daß das Gros der Sowjetarbeiter sich nicht für die »gesellschaftliche Arbeit« interessiert.

In den besten der dabei untersuchten Arbeitsbrigaden beteiligen sich 32 von hundert Arbeitern überhaupt nicht, 25 allenfalls gelegentlich an der Tätigkeit der Gewerkschaften und der Partei. In den durchschnittlichen Brigaden stehen 51 Prozent der Gesellschaftsarbeit fern, in den minder qualifizierten Brigaden sogar 72 Prozent.

Zu einem vergleichbaren Ergebnis gelangte ein Soziologe, der die Karteikarten einer öffentlichen Bibliothek untersuchte: Von den 8923 ausgeliehenen Büchern waren nur 0,7 Prozent gesellschaftspolitischer, aber 78 Prozent schöngeistiger Art. 23 Prozent waren ausländische Titel.

Wie verblüffend eine objektive Darstellung der sozialen Verhältnisse ist, zeigt die Zahl der Sowjetarbeiter, die ihren Betrieb wechseln - im Gebiet von Swerdlowsk zum Beispiel etwa 350 000 pro Jahr bei vier Millionen Einwohnern, gleich etwa 8,8 Prozent. (Zum Vergleich: In Hamburg - Einwohnerzahl 1,8 Millionen - wurden 1961 rund 109 000 Arbeitsplatzwechsel verzeichnet, gleich etwa sechs Prozent.) In Leningrad gingen so allein im Jahr 1962 fast 2,5 Millionen Arbeitstage verloren.

Die Soziologen konstatierten hierzu: 36 Prozent der sowjetischen Arbeitsplatzwechsler kündigen wegen unsozialer und unhygienischer Arbeitsbedingungen. 30 Prozent sind mit den Wohnverhältnissen und 23 Prozent mit den Verdienstmöglichkeiten unzufrieden.

Im letzten Grunde aber, so fanden die Soziologen heraus, liegt es daran, daß über die Hälfte der Jungarbeiter teils durch den (im Westen oft bewunderten) polytechnischen Unterricht, teils durch »andere Umstände« in einen nicht gewünschten Beruf gezwungen werden.

Zu ähnlichen Folgerungen kommt eine Untersuchung des Leningrader soziologischen Instituts. Ein repräsentativer Querschnitt der Leningrader Arbeiterjugend bis zu 30 Jahren wurde nach der Einstellung zur Arbeit gefragt. Antwort: 59 von hundert Jungarbeitern stehen ihrer Arbeit und ihrem Beruf gleichgültig oder ablehnend gegenüber; nur 41 von hundert erklärten sich für völlig oder teilweise zufrieden.

Zum Vergleich (laut Institut für Demoskopie Allensbach): 55 Prozent der deutschen Arbeiter befriedigt die derzeitige Arbeit voll und ganz, 40 Prozent nur zum Teil und fünf Prozent überhaupt nicht.

Nach sorgfältiger Interpretation aller Fragebogen kristallisierten die Sowjetforscher folgende Haupttendenzen heraus: Bei 38 von hundert Befragten überragt das Interesse für die Familie, 23 sind vor allem bildungsbeflissen, zwölf neigen zur »gesellschaftlichen Arbeit«, zehn interessieren sich hauptsächlich für ihren Beruf. 36 Prozent schätzten die Sowjetsoziologen aufgrund von Kontrollfragen als »Gleichgültige« ein, auch wenn sie bestimmte Interessen (zum Beispiel: Bildung oder Familie) angegeben hatten.

Die Moskauer Tageszeitung »Komsomolskaja Prawda« schlug darum vor, das Sendeprogramm des Moskauer Rundfunks jeden Morgen mit einem Weckruf zu beginnen: »Wacht auf, junge Bürger! Große Taten warten auf euch. Wacht darum bitte etwas schneller auf!«

Moskauer Arbeiter: Christentaufe und Schöner Wohnen

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