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KRIEGSVERBRECHEN Wackelige Zeugen

aus DER SPIEGEL 5/2002

Wenn am 12. Februar der Prozess gegen den Belgrader Ex-Machthaber Slobodan Milosevic beginnt, will das Uno-Tribunal in Den Haag 70 reguläre Zeugen anhören und 130 schriftliche Zeugenaussagen studieren. Darüber hinaus will das Gericht etwa 20 geheime Zeugen vorführen, ehemals enge Milosevic-Mitarbeiter, die ihren Chef belasten sollen. Diese Aussagewilligen werden unter jenen serbischen Sozialisten vermutet, die inzwischen dem Milosevic-Regime kritisch gegenüberstehen. Für sie hat in ihrer Heimat ein Spießrutenlaufen begonnen, weil viele Unbelehrbare ihnen Verrat vorwerfen. Ehemalige Spitzenfunktionäre, die in der Vergangenheit mit den Haager Ermittlern lange Gespräche geführt haben, dementieren inzwischen heftig, zu den Zeugen zu gehören. Das Haager Gericht kann nämlich den Schutz der Anonymität nicht garantieren. Die Identität der 20 soll zwar dem Publikum verborgen bleiben, doch Milosevic und das Gericht können sie sowohl sehen als auch hören. Außerdem wird der Angeklagte zehn Tage vor dem Auftritt über die Identität der Zeugen informiert und könnte diese bekannt geben. Grund genug für viele Aussagewillige, ihre Reise nach Den Haag zu überdenken. Die Zweifel an deren Erscheinen kommentierte Chefanklägerin Carla Del Ponte bissig: »Dann schicke ich euch Milosevic eben wieder zurück.«

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