Zur Ausgabe
Artikel 25 / 80

BUNDESWEHR Wacker geschlagen

Mit Milliardenaufwand soll die Bundeswehr modernisiert werden.
aus DER SPIEGEL 5/1979

Im Moment«, befand der neue Bundeswehr-Generalinspekteur Jürgen Brandt, »kann ich noch ruhig schlafen.« Denn die militärische Stärke der Nato in Zentraleuropa ist seiner Einschätzung nach so groß, daß die Allianz jedem Druck widerstehen kann.

Auch der Zustand der Bundeswehr sei, versicherte Brandt am vergangenen Mittwoch in einer Geheimsitzung des Verteidigungsausschusses auf der Hardthöhe, befriedigend bis gut. Das gelte sowohl für Moral und Motivation der Soldaten ("Keine Hasch- und Alkoholprobleme wie in der US-Army") als auch für Ausbildung und Ausrüstung.

Der ranghöchste Soldat der Bundeswehr konnte seine optimistische Lageanalyse bei seinem ersten Auftritt vor Parlamentariern mit Zahlen untermauern. So erhalten die westdeutschen Streitkräfte in diesem Jahr für 8,2 Milliarden Mark neue Waffen und Geräte.

Schwerpunkte dieses größten Beschaffungsprogramms in der Geschichte der Bundeswehr sind die jahrelang vernachlässigte Panzer- und Flugzeugabwehr und die Erneuerung des größtenteils noch aus den fünfziger Jahren stammenden Kraftfahrzeugparks.

Das Heer erhält 350 Milan-Raketen (1978: 500) zur Bekämpfung von Feindpanzern in Entfernungen zwischen 75 und 2000 Metern; 100 Jagdpanzer werden mit Flugkörpern vom Typ Hot ausgerüstet. Beide Raketensysteme durchschlagen, wie Versuche ergeben haben, bis zu 45 Zentimeter starke Stahlplatten und können damit auch

* Im Hintergrund Flak-Panzer »Gepard«.

die modernsten sowjetischen Tanks außer Gefecht setzen.

Zum Kampf gegen Jagdbomber bekommt die Truppe in diesem Jahr 126 Flak-Panzer Gepard (1978:200) und acht Fla-Raketenpanzer Roland (1978: 5). Auch sie haben sich bei Manövern und Vergleichsschießen bereits bewährt und sind auf dem internationalen Waffenmarkt gefragt.

Außerdem läuft 1979 die Serienproduktion des mit viel Vorschußlorbeeren bedachten Kampfpanzers Leopard 2 an, von dem die Bundeswehr insgesamt 1800 bestellt hat. Die ersten fünf dieser Kettenfahrzeuge werden schon zum Ende des Jahres ans Heer ausgeliefert. Der Vorgänger Leopard 1 wird mit einer neuen Elektronik zur Zielerkennung und Zielbeobachtung auch bei Nacht ausgestattet, auf 300 Panzer des US-Typs M 48 wird eine größere Kanone montiert -- statt 90 nun 105 mm.

Das Modernisierungsprogramm umfaßt ferner 227 neue Transport- und 212 Panzerabwehrhubsehrauber des Typs Bo-105. Die ersten 32 Helikopter übergibt Messerschmitt-Bölkow-Blohm (MBB) noch in diesem Jahr den Heeresfliegern. Brigadegeneral Hans Drebing nach Abschluß der Erprobung: »Einmalig in der Welt.«

Die Luftwaffe beginnt, wenn die Schwierigkeiten an Kabinendach und Schleudersitz beseitigt sind (SPIEGEL 47/1978), mit der Umschulung der Fiat-G9l-Piloten auf das neue Erdkampfflugzeug Alpha Jet.

Verbessert werden auch die Flugabwehr-Raketensysteme. Für die Nike, die atomare Sprengköpfe verschießen kann, wird ein neues Hochleistungs-Erfassungsradar angeschafft. Die Hawk, zur Bekämpfung tieffliegender Flugzeuge gedacht, erhält neue elektronische Geräte, um die Treffsicherheit zu verbessern.

Für die Marine werden 1979 zehn neue Schnellboote auf Kiel gelegt, vier der insgesamt sechs bestellten Fregatten sind bereits im Bau und werden 1980 und 1981 vom Stapel laufen. Ausgeliefert werden in diesem Jahr die letzten drei der zehn Minensuchboote.

Bei allen drei Teilstreitkräften werden zudem die Munitions- und Nachschublager aufgefüllt. In den kommenden Jahren soll endlich das Nato-Soll -- Vorrat für mindestens 30 Tage -- erreicht werden.

Dennoch bleiben Sorgen, wie der Vier-Sterne-General in der mehrstündigen Diskussion mit den Abgeordneten (Ausschußvorsitzender Manfred Wörner, CDU: »Er hat sich wacker geschlagen") einräumte. Die Bundeswehr hat, so klagte der Nachfolger von Generalinspekteur Harald Wust, zuwenig Möglichkeiten, mit ihren neuen Waffen realistisch zu üben. In der engbesiedelten Bundesrepublik fehlt es an Platz.

Auch die Unteroffiziersausbildung, vermerkte Brandt in seinem Zustandsbericht, läßt zu wünschen übrig. Denn die immer komplizierteren Waffen erfordern eine längere Schulung.

Zu hoch ist überdies die Belastung einzelner Einheiten. Vor allem die rund um die Uhr arbeitenden Flugabwehrbatterien kommen auf durchschnittlich über sechzig Wochenstunden.

Sorgen bereiten dem General zudem die neuen Mittelstreckenraketen der Sowjets vom Typ SS 20, denen er vorerst noch nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hat. Außerdem sind die 7000 Atomsprengköpfe in Westeuropa veraltet.

Dieses heikle Thema allerdings darf für Brandt nur von sekundärer Bedeutung sein. »Hier«, so hatte Verteidigungsminister Hans Apel kurzfristig entschieden, »sind die Politiker gefordert und erst in zweiter Linie die Militärs.«

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 80
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.