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PALÄSTINA Wacklige Beine

PLO-Chef Arafat soll gesundheitlich angeschlagen sein. Schon beginnen Spekulationen über Nachfolger.
Von Jürgen Hogrefe
aus DER SPIEGEL 43/1997

Fast 30 Jahre sahen die Israelis in Jassir Arafat den gefährlichsten Feind. Unlängst erweckte er zum erstenmal ihr Mitleid.

Während eines Fernsehinterviews zuckte Arafats blau angelaufene Unterlippe unkontrolliert, die Kameras erfaßten eine beständig zitternde linke Hand. Überhaupt wirkte der 68 Jahre alte Palästinenser-Präsident, der diese Woche Kanzler Kohl in Bonn besucht, schwer mitgenommen: die Gesten fahrig, die Worte wirr. »Ist Arafat ernsthaft krank?« sorgte sich die Zeitung »Maariv«. Umgehend ließ Arafats Büro dementieren: Der »Raïs«, wie sein offizieller Titel als Chef der Autonomiebehörde lautet, sei nur völlig übermüdet gewesen.

Doch ausländische Besucher berichteten, Arafat habe gelegentlich geistige Ausfälle, starre blicklos vor sich hin. Auch die Beine schlackerten unter dem Tisch wie bei einer Schüttellähmung. In Kairo sei er bei einem Gespräch mit dem Außenminister Hamad Bin Jassim aus Katar gar für kurze Zeit in Ohnmacht gefallen.

Energisch bestreiten Arafats Mitarbeiter die Gerüchte: Derartige »Erfindungen« seien Teil einer infamen »Propagandakampagne«, die nur darauf abziele, seine Position zu schwächen.

Schon seit einem Flugzeugabsturz über der libyschen Wüste im April 1992 war Arafat leidend. Chirurgen mußten ihm damals im König-Hussein-Hospital von Amman ein Blutgerinnsel aus dem Gehirn entfernen. Ärzte vermuteten, der Unfall könne bleibende neurologische Folgen haben.

Doch davon will Arafat-Berater Ahmed Tibi, selbst ein Mediziner, nichts wissen: Für einen Mann seines Alters sei der PLO-Chef in »wirklich vorzüglicher Verfassung«. Der Arzt, der 1995 Arafats Ehefrau Suha, 33, von einer Tochter entband, hält »das wahnsinnige Arbeitspensum« seines Chefs für die Ursache gelegentlicher Schwächeanfälle.

Sein Arbeitstag endet oft erst um drei Uhr nachts, um acht Uhr morgens nimmt er schon wieder erste Termine wahr. Neuerdings drängen Arafats Frau und die Mitarbeiter auf Einhaltung eines zweistündigen Mittagsschlafs - meist vergeblich. Bei einem Besuch in Ramallah verweigerte der Stab die Arbeit, als der Chef auch weit nach Mitternacht weitermachen wollte.

Schwer zu schaffen macht Arafat die Blockade des Friedensprozesses. Will er sein Lebensziel, die Gründung eines palästinensischen Staats, erreichen, muß er den rechtskonservativen israelischen Premier Benjamin Netanjahu, 48, politisch überleben. Gewählt wird in Israel erst wieder in zweieinhalb Jahren. Doch Arafat soll neulich Zweifel geäußert haben, ob er seinen 70. Geburtstag wohl erreichen werde.

Die meisten Palästinenser erfüllt die Diskussion über »el-Chitjar«, den Alten, mit Sorge: Palästina ohne ihn erscheint vielen unvorstellbar.

Dabei ist die Nachfolge formal geregelt: Nach Arafats Tod müßte der Exekutivrat der PLO innerhalb bestimmter Fristen einen neuen Vorsitzenden wählen. Erster Anwärter wäre wohl Mahmud Abbas, 64. Doch der reiche Unternehmer, Kampfname »Abu Masin«, ist im Volk nicht sonderlich beliebt. Vielen gilt er als typischer Repräsentant der »Tunesier« - jener PLO-Funktionäre, die im bequemen tunesischen Exil ausharrten, während in Palästina die Intifada tobte. In den Berichten über Mißwirtschaft und Korruption in Arafats Regierung fehlte Abu Masins Name selten.

Neuer Chef der Autonomieregierung würde vermutlich der jetzige Sprecher des palästinensischen Parlaments, Ahmed Kurajji, 60. Kurajji, Kampfname »Abu Ala«, gehörte zu der kleinen Kerngruppe, die 1993 das Oslo-Abkommen ausgehandelt hat. Doch wie Abu Masin verfügt auch Abu Ala weder über Charisma noch über viel Ansehen beim Volk.

Immer häufiger werden die beiden Chefs des Sicherheitsdienstes PSS, Mohammed Dahlan, 36, und Dschibril Radschub, 44, als die künftigen starken Männer genannt. Vor allem Radschub steht im Ruf, Sicherheit und Ordnung in Palästina notfalls auch unter Mißachtung aller Normen herzustellen. Radschub gehört zu den Helden der Intifada, insgesamt 17 Jahre hat er in israelischen Gefängnissen verbracht.

Die Aussicht auf gewaltsame Nachfolgekämpfe im Gazastreifen und im Westjordanland schreckt auch die Israelis. Allmählich dämmert selbst dem Likud-Chef Netanjahu, daß nur ein quicklebendiger Arafat ein guter Arafat ist.

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