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THAILAND Waffen und Villen

Aus Furcht vor den Chinesen im eigenen Land und Amerikas Annäherung an China erledigten Thailands Militärs die Demokratie. Seit Mittwoch regieren sie mit Kriegsrecht.
aus DER SPIEGEL 48/1971

Der Geist eines buddhistischen Patriarchen prophezeite Thailand ein ähnliches Schicksal wie den benachbarten Staaten Indochinas. Das aber wollte der Regierungschef und Oberbefehlshaber Marschall Thanom Kittikachorn verhindern: »Das Königreich Thailand hat niemals seine Freiheit und Unabhängigkeit verloren.«

Am letzten Mittwoch verkündete der Feldmarschall, der Thailand seit acht Jahren regiert, das Kriegsrecht, löste Parlament und Kabinett auf. Die Militärs verboten Versammlungen von mehr als fünf Personen, ließen in Bangkok Panzer auffahren und gründeten sodann eine neue »Revolutionspartei«.

Der neue Revolutionsrat, dem neben dem alten Regierungschef Thanom die drei Stabschefs und der Polizei-Kommandeur General Prasert angehören. will die Gefahren beseitigen, die seiner Meinung nach Thailand bedrohen: Laut Radio Bangkok bereiten Studentenunruhen, Terroraktionen und kommunistische Aufstände eine »Anarchie« vor.

Seit Präsident Nixon mit dem Abzug seines Expeditionskorps aus Vietnam begann und den Weg nach Peking beschritt, fühlen sich die Thais von ihrem mächtigsten Verbündeten verkauft, dem sie im Vietnamkrieg mit 12 000 Soldaten beigestanden hatten. Sie selbst schafften den Absprung noch nicht.

Zwar begann der zivile Außenminister Thanat eine Politik der vorsichtigen Annäherung an China. Stimmenthaltung bei der Debatte über die Aufnahme Pekings in die Uno und der Ankündigung baldiger diplomatischer Beziehungen. Sein Stellvertreter, ein General und Bruder des Regierungschefs, warnte dagegen offen vor der Gefahr eines kommunistischen Aufstandes.

»Der Zwist über die Außenpolitik verschärfte die Spannungen zwischen Militärs und Zivilisten im Nationalen Sicherheitsrat. Denn die Militärs, insbesondere Regierungschef Thanom und sein mächtiger Innenminister General Prapas, fürchten die wirtschaftlich einflußreichen rund drei Millionen Auslandschinesen in Thailand -- die sich durch Chinas Aufnahme in die Uno gestärkt fühlen -- sowie die Bedrohung durch die von Peking unterstützten Partisanen im armen Nordosten Thailands.

Trotz wirtschaftlicher und militärischer Unterstützung durch die USA gelang es den Thais nicht, die aufständischen Kommunisten im Norden, Nordosten und an der malaysischen Grenze niederzuringen. Die roten Rebellen gewannen immer mehr Anhänger, nicht zuletzt, weil die US-Millionen die sozialen Spannungen zwischen den landlosen Pächtern und Großgrundbesitzern sowie zwischen Stadt und Land vergrößerten.

Wie in Vietnam steckte die Regierung ihre Dollars vornehmlich in Militäreinsätze statt in Entwicklungshilfe für die vernachlässigten Gebiete. Mit über 700 Millionen Dollar Militärhilfe und 472,8 Millionen Dollar Wirtschaftshilfe, die seit 1946 aus den USA nach Thailand flossen, etablierten sich die Militärs zu einer neuen Klasse, die sich allen Luxus leisten konnte: Der Armee standen eigene Brauereien und Fernsehstudios zur Verfügung, ihren Offizieren Villen in den besten Vierteln Bangkoks.

Die Mitte des Jahres verkündete zehnprozentige Kürzung der amerikanischen Auslandshilfe sowie der Rückzug von GIs aus Vietnam und jetzt auch von den Thai-Basen trafen nicht nur die thailändische Wirtschaft schwer, der Aderlaß bedrohte auch die Macht der Militärs.

Anlaß für ihren Putsch war die Absicht des Parlaments, das Militärbudget zu beschneiden, um mehr Geld für soziale Investitionen ausgeben zu können. Die Soldaten, denen das Parlament schon lange lästig war, verordneten, gebilligt vom schwachen König Bhumibol, sich selbst die absolute Macht.

Wieder einmal hatte -- nach Präsident Thieus Alleinkandidatur in Vietnam. nach der Auflösung der Nationalversammlung in Kambodscha -- Amerikas vorgeblicher Kampf für die Demokratie und Freiheit in Asien eine Diktatur geboren.

Thailands verstoßener Außenminister Thanat, der seine Entlassung aus dem Rundfunk erfuhr, trauerte: »Irgendwie haben wir die westliche Regierungsform nicht gemeistert.«

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