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WAGEN UND WERK

aus DER SPIEGEL 49/1967

Die Marktforscher rieten dringend ab. Nach ihren Ermittlungen verlangte der Markt ein neues Modell in der Ein-Liter-Klasse. Doch die Bosse fegten die Analysen ihrer Marktforscher vom Tisch und verließen sich auf ihr eigenes Gespür. Resultat war der größte Verkaufserfolg, den Fiat in Turin, Italiens größter Automobilproduzent, je erzielt hat.

Sieger über die Marktforscher war ein pummeliger, leistungsfähiger und preisgünstiger Kleinwagen namens Fiat 850. So gut traf der im April 1964 auf den Markt gebrachte Neuling den Käufergeschmack, daß er Fiat zur Verblüffung seiner Erbauer einen neuen Produktionsrekord eintrug; Anderthalb Jahre nach der Premiere hatte Fiat bereits mehr als eine halbe Million Fiat 850 gebaut. Bis heute verkauften die Turiner von diesem Typ über 760 000 Wagen, davon 63000 an Käufer in Deutschland, wo Fiat in seiner Klasse im ersten Anlauf über 50 Prozent Marktanteil eroberte.

Da Automobile, wie Fiat-Direktor Enrico Minola formulierte, »großartige Instrumente der Arbeit, aber auch des Vergnügens« sind, entwickelten die Fiat-Ingenieure aus der Erfolgs-Limousine einen zweiten Typ, der auf vergnüglichen Gebrauch zugeschnitten war. Ein Jahr nach der Limousine präsentierte Fiat eine starker motorisierte, teurere, gleichwohl preisgünstige, schmucke Coup&-Version.

Das Coupé Fiat 850, mit seinem 47 PS starken Motor über 135 km/h schnell, fand keineswegs nur Zuspruch bei jungen Leuten und (als Zweitwagen) bei Hausfrauen. Fiatfertigte, einschließlich einer Spider-Version des Turiner Maßschneiders Bertone, von diesem Typ bisher 255 000 Wagen. Den Deutschen gefiel der wegen seines relativ günstigen Preises und seines sportlichen Blechkleids Neckermann-Ferrari« genannte Wagen so gut, daß Fiat bis heute 33500 Coupés bei ihnen absetzen konnte.

Italiens mächtigstes Industrie-Unternehmen wurde 1899 von dem Kavallerieleutnant Giovanni Agnelli als »Fabbrica Italiana Automobili Torino« (Abkürzung; Fiat) »zur Fertigung des neuartigen Motorwagens« gegründet. Noch im ersten Fiat-Jahrzehnt weitete der Gründer die Zielsetzung seines Unternehmens auf die Produktion »von Flugzeugen und anderen Motorfahrzeugen« aus. Heute baut Fiat neben Kraftwagen und Flugzeugen auch Baumaschinen, Turbinen, Schiffsdieselmotoren, Lokomotiven, Waggons und Kühlschränke, unterhält eigene Schiffahrtslinien, Erdölgesellschaften, Baufirmen, Hüttenwerke, Gießereien und Walzwerke,

Grundstein des Fiat-Erfolges nach dem Zweiten Weltkrieg waren preisgünstige, wirtschaftliche Kleinwagen wie der Fiat 500 und der Fiat 600, die beide in Millionen-Auflagen hergestellt wurden.

»Wir bauen die Autos, die in den Markt passen«, sagte Gründer-Enkel Giovanni Agnelli, 46, der seit dem Tode des ehemaligen Mathematik-Professors Vittorio Valletta im Sommer 1967 Alleinherrscher im Fiat-Imperium ist. Die Fiat-Werke, deren Aktien zum großen Teil im Besitz der Familie Agnelli sind, bauten bisher über 23 Millionen Automobile.

1967 ist das bisher erfolgreichste Fiat-Jahr. Der Umsatz wird sich von 6,7 Milliarden Mark (1966) auf rund 7,3 Milliarden Mark erhöhen, die Wagenproduktion von 1 184 901 auf rund 1,3 Millionen steigen. 144 600 Fiat-Werker fertigen täglich 6000 Autos.

Fiat konnte in diesem Jahr sogar das durch die Absatzflaute in Deutschland gedrosselte Volkswagenwerk überholen und unter den Automobilproduzenten hinter General Motors, Ford und Chrysler den vierten Rang einnehmen.

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Technische Daten des Fiat 850 Coupés: wassergekühlter Heckmotor, vier Zylinder in Reihe; Hubraum: 843 Kubikzentimeter; Leistung: 47 PS bei 6400 Umdrehungen pro Minute; vollsynchronisiertes Vierganggetriebe mit Knüppelschaltung; Länge: 3,60 Meter; Breite: 1,50 Meter; Höhe: 1,30 Meter; Gewicht, vollgetankt: 730 Kilogramm; zulässiges Gesamtgewicht: 1050 Kilogramm; Höchstgeschwindigkeit: 135 km/h. Beschleunigung von null auf 100 km/h: 18,5 Sekunden; Kraftstoffverbrauch: 8,3 Liter Super auf 100 Kilometer.

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Preise: Fiat 850 Coupé: 5690 Mark; Drehzahlmesser: 150 Mark, Weißwandreifen: 70 Mark. Jahressteuer: 129 Mark; Haftpflichtversicherung: 370 Mark.

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