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Aussen-Kulturpolitik Wahl bei Goethe

Ein neuer Generalsekretär des Goethe-Instituts soll eine neuverstandene deutsche Kulturpolitik im Ausland treiben. Die »Goethe«-Leute wollen einen »Goethe«-Mann.
aus DER SPIEGEL 42/1972

Bonns Politiker produzierten ein Quentchen Einigkeit -- doch »Goethe« ist dagegen.

25mal tagte die durch Bundestagsbeschluß gebildete »Enquete-Kommission Auswärtige Kulturpolitik«, bestehend aus fünf Abgeordneten und vier Sachverständigen. Schon im Wahlkampf, am vorigen Mittwoch, veröffentlichten die Kultur-Planer ihren 51 Seiten starken »Zwischenbericht« -- ein gemäßigt fortschrittliches All-Parteien-Papier, das Ziele und Methoden einer künftigen deutschen Kulturpolitik im Ausland neu definiert.

Die Gemeinsamkeit fiel janusköpfig aus, Einerseits soll die auswärtige Kulturpolitik künftig weniger auf Präsentation des deutschen Kulturlebens im Ausland sehen, als den Ausländern bei der eigenen Problemanalyse und -lösung helfen, also emanzipierend wirken. Andererseits aber wird dieser fortschrittliche Grundsatz wieder eingeschränkt. weil die Kommission für die wohl wesentlichste Schwäche der deutschen Außen-Kulturpolitik kein eindeutiges Heilmittel wußte: für die große Zahl selbständiger Gebilde, die für deutsche Kultur im Ausland werben, von denen das in München ansässige »Goethe-Institut zur Pflege deutscher Sprache und Kultur im Ausland nur das wichtigste ist.

Neben »Goethe« ackern Wissenschafts- und das Entwicklungshilfeministerium, Bundespresseamt, Alexander-von-Humboldt- und Friedrich-Naumann-Stiftung auf dem kulturellen Außenfeld. Dieser »Pluralismus der Mittler-Organisationen« soll erhalten bleiben und nur durch eine gestärkte. mit eigenem Staatssekretär versehene AA-Kulturabteilung als Stabsstelle koordiniert werden.

Außer der Bonner Kultur-Abteilung müßte dazu auch das Goethe-Institut -als Privatverein organisiert, aber vom AA finanziert -- nach neuen Grundsätzen arbeiten, etwa das Übergewicht der Philologen und Juristen beseitigen. Die Voraussetzungen für einen Neubeginn sind an sich günstig.

Denn in zwei Jahren endet der Vertrag des Goethe-Direktors Dr. Werner Ross, der seit 1965 amtiert. Ross, 60, Curtius-Schüler und begeisterter Philologe, konnte den riesigen Goethe-Apparat -- 120 Kultur-Institute im Ausland. 2700 Mitarbeiter -- nicht mehr in neue Bahnen lenken.

Frühzeitig, schon im August dieses Jahres, wurde daher die Ross-Nachfolge in deutschen Zeitungen öffentlich ausgeschrieben. Bonns Finanzministerium hatte die Mittel bewilligt, den neuen Mann mit neuem Titel ("Generalsekretär des Goethe-Instituts") zwei Jahre lang neben dem alten zu beschäftigen.

Rund 50 Bewerber meldeten sich, unter ihnen als Favoriten

* der Theaterwissenschaftler Dr. Karl-Ernst Hüdepohl, Leiter der Abteilung »Entsandtes Programm« in der »Goethe«-Zentrale,

* der Jurist Dr. Christoph-Ulrich Wecker, Vizedirektor und Leiter der Rechts- und Personalabteilung von »Goethe«,

* der Philologe Dr. Michael Freiherr Marschall von Bieberstein, Goethe-Institutsleiter in Rom. und

* der Germanist Dr. Werner Rehfeld, Ex-Vorstandsmitglied des Vereins »Inter Nationes« (der deutschen Kulturinstituten die Medien liefert) und Mitglied der Enquete-Kommission.

Die Bonner Kulturpolitiker, die CDU-Mitglieder der Enquete-Kommission eingeschlossen, neigten schließlich dem zugleich aktiven wie fortschrittlichen Rehfeld zu, der auch von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft gestützt wird und SPD-Mitglied ist. Ende Oktober sollte der »Goethe«-Vorstand zur Wahl des Ross-Nachfolgers schreiten. Doch die Parteien-Gemeinsamkeit nutzte nichts.

Viele »Goethe«-Technokraten sahen in dem Outsider Rehfeld eine Konfrontation mit der Außenwelt, von der sie ihr Reich lieber abschirmen möchten. »Goethe«-Kenner halten für sicher, daß überdies Instituts-Präsident Ex-Botschafter Herwarth von Bittenfeld einen Generalsekretär vorziehe, der eher eine Art persönlicher Referent des Präsidenten als selbstbewußter Generalsekretär sei, etwa den Abteilungschef Hüdepohl.

Herwarth selbst gibt zu, daß »eine gewisse Neigung« bestehe, einen »Goethe«-Mann zu nehmen, bekräftigt aber: »Wenn ich eine erstklassige Wahl von außen hätte, wäre ich dafür.«

Wie immer -- die Ausschreibungsfrist lief Ende September ab. Doch der »Goethe«-Vorstand hat es nun gar nicht mehr eilig, den neuen Generalsekretär zu bestimmen. Präsident Herwarth meint, auf der Vorstands-Sitzung Ende Oktober, auf der an sich entschieden werden sollte, müsse man erst einmal die Bewerbungen durchsehen.

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