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RAKETEN-RÜSTUNG Wahre Grandeur

aus DER SPIEGEL 31/1970

Auf mehrsprachig bedrucktem Hochglanzpapier rühmen die Raketenspezialisten aus Frankreichs Matra-Werken ihr reichhaltiges Exportsortiment an Bordwaffen für Jets und Kampfhubschrauber.

Seit kurzem preisen sie einen neuen Schlager an. Die in Vélizy bei Paris ansässige Firma will künftig auch harmlose Sportmaschinen zu Kriegsflugzeugen umfunktionieren.

Pierre Clostermann, im letzten Krieg französisches Jagdflieger-As der Royal Air Force, jetzt Président-Directeur-Général einer eigenen Flugzeugfabrik, produziert das zivile Standardmodell als Sechssitzer.

Bei der Vorstellung auf dem Pariser Aerosalon 1969 gab er seiner »Reims-Aviation F (für Frankreich)-337, einer Lizenzausgabe der amerikanischen Cessna 337 »Super Skymaster«, Segenssprüche mit auf den Weg: »Diese Maschine ist in Europa und in Afrika zu großem Erfolg berufen.« Im Firmenkatalog empfiehlt Clostermann die F-337 wahlweise als Reise- oder Militärflugzeug.

Was man mit raketen-tragenden Minibombern für Schaden anrichten kann, demonstrierte zur gleichen Zeit Luftveteran Carl-Gustaf Graf von Rosen mit seinen »Biafran Babies« im westafrikanischen Buschkrieg.

Mit einer improvisierten Streitmacht aus fünf für den Luftkrieg umfrisierten und mit Zusatztanks versehenen Sport-Zweisitzern suchte er Nigerias Bundesluftwaffe auf ihren Betonpisten heim.

Vorübergehend zum Biafra-Oberst befördert, vernichtete der schwedische Flugkapitän mit seiner Staffel nach eigenen Angaben vier geparkte Migs, zwei Canberra- und einen Iljuschin-Düsenbomber sowie einen Kontrollturm.

Von Busch-Schneisen startend und nur wenige Meter über den Baumwipfeln anfliegend, nutzte Rosen geschickt die Vorzüge der simplen 150-PS-Propeller-Maschinen aus. »Unsere Rolls-Royce-Motoren waren leise«, berichtete ein Freiwilliger, »wenn uns der Gegner sichtete, war es schon zu spät.«

Im US-Spezialblatt »Aviation Week« ergänzte der Graf: »Die militärische Fachwelt war vom Erfolg unserer Flugzeuge schockiert. Mit Hubschraubern kann man niemanden überraschen, und Jets verfehlen ihr Ziel im Tiefflug.« Aus seiner aufgerüsteten Sportmaschine hingegen konnte Rosen »mit diesen Raketen einfach nicht danebenliegen«.

Schon Rosens Schweden-Trainer vom Typ MFI-9B hatten Matra-Techniker auf dem Flugplatz Toussus-le-Noble bei Paris heimlich zum Kampfeinsatz hergerichtet. Nun wollen die Franzosen die Biafra-Erfahrungen des schwedischen Aristokraten ebenso systematisch wie gewinnbringend verwerten.

Die Reims-Aviation F-337 wird dazu mit Spezialvisieren und Aufhängevorrichtungen für Raketen ausgestattet. Die Rüstsätze kosten -- je nach Modell -- zwischen 2000 und 4000 Mark. Auch technische Versuche mit einem Prototyp, der unter verstärkten Tragflächen je sieben panzerbrechende 68-mm-SNEB-Raketen abfeuert, wurden unlängst abgeschlossen.

Selbst für die Heeresfliegerei moderner Armeen sei, so meinen die Geschäftspartner Clostermann und Matra« der robuste Doppelrumpf -Rochdecker, der »Push and Pull« von zwei tandemförmig angeordneten Rolls-Royce »Continental«-Motoren getrieben wird, interessant.

Den größten Markt versprechen sie sich jedoch dort, wo die Mini-Jabos erstmals ihre Leistungsfähigkeit gezeigt haben: In finanzschwachen Entwicklungsländern, die ihren zivilen Flugzeugpark gleichzeitig als Luftwaffe einsetzen wollen.

»Dank solchem Material«, spottete das Pariser satirische Wochenblatt »Le Canard enchaîné«, »wird Frankreich bald an allen Bürgerkriegen und jeder polizeilichen Repression größeren Umfangs teilnehmen. Das ist wahre Grandeur.«

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