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Protestanten Wahre Wunder

Steuerfahnder ermitteln gegen das Rüstzentrum Krelingen, eine Hochburg des ultrakonservativen Pietismus.
aus DER SPIEGEL 13/1994

Heinrich Kemner war der ungekrönte König des Klingelbeutels. Wenn der alte Heidepastor predigte, erfaßten seine Schafe das Ausmaß ihrer Sünden - und öffneten die Brieftaschen.

»Wer nichts einzahlt auf die Wechselbank Gottes«, verkündete Gottes Kassierer Kemner, »der erfährt auch nicht, wie hoch die Verzinsung ist.« Oft mehr als eine Million Mark spendeten die Gläubigen der Gemeinde Krelingen bei Walsrode pro Kirchenjahr.

Als der protestantische Pfarrer vergangenen Sommer im gesegneten Alter von 89 Jahren starb, hinterließ er ein imposantes Glaubenswerk: Das Geistliche Rüstzentrum Krelingen (GRZ), von Kemner vor 25 Jahren als bibelfestes Bollwerk gegen die sündhafte Welt und eine verlotterte Amtskirche gegründet, gilt heute als ein Zentrum des deutschen Pietismus.

Alljährlich strömen Zehntausende zu Glaubens- und Erweckungstagen in die Heide. Die Erweckliche Stimme, Zentralorgan der »Ahldener Bruderschaft«, die das Unternehmen Gottes lenkt, wird in Amerika und selbst im fernen Asien studiert.

Offenbar liegt Segen auf der Kemnerschen Sammlungsbewegung: Mit allerlei guten Taten macht das GRZ einen Umsatz von gut 20 Millionen Mark im Jahr. Industrielle fördern die Firmen ebenso wie Würdenträger aus der Politik.

Damit könnte es bald vorbei sein. Augenscheinlich schon von dunklen Ahnungen geplagt, hatte Kemner kurz vor seinem Tod in einer Kollektenrede gebarmt: »Welch eine Schande für Krelingen, wenn auch nur ein Pfennig falsch gebucht wäre.«

Die Schande ist da. Ende vergangenen Jahres rückten auf dem Krelinger Glaubenshof die Staatsanwaltschaft Verden und Finanzbeamte aus Lüneburg mit sechs Mann hoch ein. Die Angestellten der Wechselbank Gottes, so der Vorwurf, hätten es beim Umgang mit den Opfergroschen nicht so genau genommen.

Das Sündenregister scheint lang: In der zentralen Buchhaltung des GRZ, wo die Millionen zusammenlaufen, existiere eine schwarze Kasse. In den Kirchenbüchern würden Einnahmen als Ausgaben gebucht, Quittungen nach Gutdünken ausgestellt, und Mitarbeiter bekämen offenbar zur Aufbesserung ihres kargen Lohnes Bares über den Tisch - ohne Beleg. »Wir haben beim Blick in die Bücher«, sagt Steuerfahnder Rolf Gerecht, »wahre Wunder erlebt.«

Selbst an den Kollekten sollen sich die GRZ-Manager vergriffen haben. Nach Aussagen von Mitarbeitern des Zentrums wurden Fehlbestände in den Büchern mit Spendengeldern ausgeglichen, an der Steuer vorbei. Zudem hätten sich GRZ-Leute an Kollektengeldern persönlich bereichert. Eine Buchhalterin sagte vor den Steuerfahndern aus, in nur drei Monaten seien nach ihrer Beobachtung allein 25 000 Mark »nicht spendenkonform« verwendet worden.

»Erschütternd« fand eine neu eingestellte Buchhalterin die Aufforderung ihrer erfahrenen Kollegen, »3263,60 Mark Kollekte vom Erweckungstag abzuzweigen«. Als sie sich weigerte, habe sie zu hören bekommen: »Das wird hier doch immer so gemacht.«

»Man darf annehmen«, meint Steuerfahnder Gerecht, daß der Rollgriff in den Klingelbeutel auch in den Jahren zuvor »gängige Praxis« gewesen sei.

Der Prediger Wilfried Reuter, der Anfang des Jahres als Kemner-Nachfolger die Leitung des Krelinger Rüstzentrums übernommen hat, mag einen Sündenfall beim Umgang mit dem Mammon nicht erkennen. Er räumt lediglich ein, in der Buchhaltung müßten »archaische Zustände geherrscht« haben. Es habe »graue Kassen« gegeben, gefüllt »mit Verfügungsmitteln, an der Hauptkasse vorbei«. Zudem habe »der Zeitpunkt zwischen Eingabe und Entnahme oft unschön auseinandergelegen«. Sonst aber sei nichts gewesen.

Die Schuld an der »Hemdsärmeligkeit« beim Umgang mit den milden Gaben, schiebt Reuter, »der Herr möge es verzeihen«, auf den toten Vorgänger. Kemner habe seinen biblischen Rüstbetrieb »über die Brieftasche regiert« und die leidigen Gelddinge »so nebenbei aus der Aschkiepe geregelt«.

Gegenwärtig prüft der Fiskus, ob dem GRZ, das seine Geschäfte als eingetragener Verein abwickelt, die Gemeinnützigkeit entzogen werden muß. Die dann fälligen Steuernachzahlungen würden die Bruderschaft wohl in den Bankrott treiben. Das wäre das Ende einer frommen Festung, die weit über den Heiderand hinaus Fürsprecher in höchsten Positionen hat.

Marianne von Weizsäcker, die Ehefrau des Bundespräsidenten, hat den bibelfesten Rüstplatz besucht. Ernst Albrecht, ehemals Regierungschef in Niedersachsen, pries Krelingen als »Lichtblick« und spürte daselbst als Laienprediger, »daß der Heilige Geist mächtig und unter uns ist«. Auf die Heide-Kanzel stieg auch der Bonner Innenstaatssekretär Horst Waffenschmidt, Helmut Kohls Kirchenbeauftragter.

Als die »Übel unserer Zeit« sehen die Krelinger, so heißt es in einem Traktat, »Sex, Hasch und Homosexualität«. »Sünde muß wieder Sünde genannt werden können«, predigte Pfarrer Kemner und meinte vor allem die Homosexualität. Wenn, wetterte der Pastor, »homosexuelle Männer und lesbische Frauen die Kanzeln der Kirchen besteigen, dann ist die Gottesfinsternis in ihr vollendet«.

Kemners Chefideologe Joachim Cochlovius hat Hoffnung: Im Rüstzentrum sei es schon gelungen, den einen oder anderen schwulen Sünder »umzupolen«. Die Rolle der Frau in der Kirche findet Cochlovius hinreichend beim Apostel Paulus beschrieben: »Das Weib soll schweigen.« Glaubensübervater Kemner, dem »emanzipiertes Frauentum immer ein Greuel gewesen« ist, sah die »Krone der fraulichen Entfaltung in geschenkter Mütterlichkeit«.

Cochlovius, der sein Gehalt als Krelinger Studienleiter von der evangelischen Landeskirche Hannover bezieht, rüstet sich und die Seinen inzwischen für schlechtere Zeiten. Der Prediger baut einen »Notbund« gegen »Glaubensschwund« auf, der als »künftige Untergrundkirche arbeiten« soll. Denn in der Amtskirche herrsche »theologischer Notstand«.

Demnächst soll ein »hauptamtlicher Reisesekretär« durch Deutschlands Gemeinden ziehen, um den »schlimmsten Kulturverfall des Abendlandes« aufzuhalten. »Wir haben es«, warnt Cochlovius, »letztlich mit Satan persönlich zu tun, der die Gemeinden kaputtzumachen versucht in dieser Endzeit.«

Finanziert wird der Kreuzzug gegen den Teufel außer durch Spenden auch aus eigenen Werken: Das GRZ betreibt eine Putenzucht mit 30 000 Stück Federvieh, eine Baumschule, eine Tischlerei und einen Medienbetrieb, der die frohe Botschaft per Buch, Kassette und Video unters Volk bringt.

Ein Wohnheim für Senioren gleich neben dem Krelinger Glaubenshof bringt außer den Miet- und Pflegegeldern manch schöne Hinterlassenschaft: Aus Erbschaften kommt schon mal rund eine Million Mark im Jahr zusammen.

Einen ordentlichen Zuschuß bekommen die Krelinger zudem seit vielen Jahren aus dem Landeshaushalt: 100 000 Mark per annum. Das Sozialministerium in Hannover prüft derzeit, wieweit bei der Vergabe der Apanage ein ehemaliger Abteilungsdirektor des Landessozialamtes beteiligt war.

Der Christdemokrat ist Mitglied im Führungszirkel des Rüstzentrums in Krelingen.

Anm. d. Red.: Das Geistliche Rüstzentrum hat im August 1994 hierzu folgende Presseerklärung veröffentlicht:

PRESSEERKLÄRUNG des Geistlichen Rüstzentrums Krelingen zu den SPIEGEL-Vorwürfen vom 28.3.94 und den anschließenden Untersuchungen der Steuerbehörden

In seiner Ausgabe vom 28.3.94 richtete das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL schwere Vorwürfe gegen das Geistliche Rüstzentrum in Krelingen. Unter anderem hieß es dort, »Quittungen würden nach Gutdünken ausgestellt«, »Mitarbeiter bekämen zur Aufbesserung ihres kargen Lohnes Bares ohne Beleg über den Tisch«, Mitarbeiter hätten sich an Kollektengeldern »persönlich bereichert«.

Da mittlerweile die Untersuchungen der Steuerbehörden abgeschlossen sind, geben wir folgende Erklärung ab:

1. Am 15.7.94 war bei uns im Hause das Abschlußgespräch mit den Steuerbehörden. Die Aktendeckel sind geschlossen.
2. Die ehrenrührigen Behauptungen des SPIEGEL (Selbstbedienung, Bereicherung) sind haltlos.
3. Die strafrechtlich relevanten Behauptungen (Mißbrauch von Spenden etc.) sind haltlos.
4. Die Gemeinnützigkeit des Geistlichen Rüstzentrums ist weder rückwirkend noch aktuell gefährdet.
5. Die Steuerbehörden hatten Anlaß, Abläufe in unserer Verwaltung zu kritisieren. Dies haben wir selbst offengelegt und in sehr fairer und konstruktiver Zusammenarbeit mit den Behörden Strukturen verbessert und Abläufe professionalisiert. Wir sind für diese Transparenz und Zusammenarbeit ausdrücklich belobigt worden.
6. Freunde und Spender des Krelinger Werkes können sich auch in Zukunft darauf verlassen, daß ihre Spenden verantwortlich und zweckgemäß eingesetzt werden.

Krelingen, den 16. August 1994

Pfarrer Wilfried Reuter
Leiter des Geistlichen Rüstzentrums

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