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USA Wahrer Held

John Glenn, der als erster amerikanischer Astronaut die Erde umrundete, will US-Präsident werden. Doch sein Wahlkampf scheint fast zu Ende. *
aus DER SPIEGEL 4/1984

Joe Green, Superstar der US-Footballmannschaft »Pittsburgh Steelers« und hart dreinblickender Zwei-Meter-Hüne, kommt den Stadion-Tunnel vom Spielfeld zu den Umkleideräumen herunter. Er ist verdreckt und verschwitzt, seinem unheilverheißenden Gesicht ist anzusehen, daß die Steelers verlieren.

Ein kleiner Junge, blond, voll ehrfürchtiger Scheu dem großen Sportler gegenüber, bietet ihm eine Flasche Coke an. Doch der schiebt den Jungen mürrisch zur Seite. Der Knirps versucht''s noch einmal, nun endlich nimmt Green die Flasche und leert sie in einem Zug.

Daß er danach lächelt, kann der traurig weitergegangene Junge nicht mehr sehen. »Hey, kid«, ruft ihn Joe Green zurück und wirft ihm zum Dank sein Trikot zu. Friede, Freude, »have a coke and a smile«.

Scott Miller, der diesen Werbespot, einen der erfolgreichsten für Coca-Cola, gedreht und der gerührten Nation klargemacht hat, daß in Amerika ein Superstar und ein namenloses Kind Gemeinsamkeiten haben können - die Liebe zu Coke -, verkauft derzeit mit gleichen Methoden ein anderes Produkt:

Senator John Glenn aus Ohio, beglaubigter Held zweier Kriege, erster Amerikaner, der in einem Raumschiff die Erde umrundete, Freund von John F. Kennedy und nunmehr Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei.

Und wieder ist Millers Message Seelenmassage: Während auf dem Bildschirm der Start jener Atlas-Rakete zu sehen ist, die John Glenn in seiner engen Mercury-Kapsel in den Weltraum trug, tönt es vollmundig aus dem Off: »Man sagt über ihn, daß er ein wahrer amerikanischer Held sei. Er hat die amerikanische Nation in einem ihrer stolzesten Momente vertreten und dabei (Bilder von Glenn und Kennedy werden eingeblendet) das Versprechen eines jungen Präsidenten erfüllt.« Der Spot schließt mit Glenns Wahlkampfmotto: »Glaub wieder an die Zukunft!«

Doch seinen Erfolg mit Coca-Cola wird der Werber mit seinem patriotischen Appell für Glenn aller Voraussicht nach nicht wiederholen können. Gut einen Monat bevor sich die ersten Wähler im Bundesstaat New Hampshire für einen der acht Bewerber der Demokratischen Partei entscheiden können, haben viele Washingtoner Politiker, die meisten amerikanischen Journalisten und - schlimmer noch - seine eigenen Geldgeber John Glenn fast abgeschrieben.

In Meinungsumfragen unter Wählern der Demokratischen Partei fällt Glenn seit Herbst vergangenen Jahres ständig ab. Zuletzt führte Favorit Walter »Fritz« Mondale bereits mit 35 Prozentpunkten vor Glenn.

Anfang Januar mußte der Ex-Astronaut, 62, seine ersten Wahlkampfhelfer entlassen. Die Kassen waren leer. Neue Spenden kamen nur noch kärglich im Vergleich zu dem Geldstrom, der in Mondales Wahlkampfkasse fließt.

»Kann irgend jemand Fritz noch schlagen?« Auf diese - wohl rhetorisch gemeinte - Titelfrage von »Newsweek« wird es in dieser Woche die erste handfeste Antwort geben.

Am Mittwoch nämlich beginnt die Auswahl jener 164 Delegierten der demokratischen Fraktion des Repräsentantenhauses für den Wahlparteitag in San Francisco. Mondale, der seinen Tag damit beginnt, ein gutes Dutzend demokratischer Abgeordneter anzurufen, scheint die Delegiertenauswahl schon gewonnen zu haben.

Seine sieben Mitbewerber, allen voran John Glenn, zeigen jedenfalls ausnahmslos schon Zeichen von Panik. Bei einer Fernsehdiskussion am Sonntag vergangener Woche griffen sie Mondale schärfstens an, so als sei er und nicht Reagan der eigentliche Gegner.

Daß sich Glenns Wahlkampf festgefahren hat, ist dennoch eher eine kuriose Folge des komplizierten Prozesses der Kandidaten-Nominierung als tatsächlicher Ausdruck des Kräfteverhältnisses zwischen den beiden demokratischen Hauptbewerbern.

Bittere Ironie für Glenn: Dieselben Umfragen, die ihm zeigen, daß seine Stellung unter Parteiaktivisten stetig verfällt, beweisen auch, daß er in der Gunst unabhängiger Wähler mit Mondale immer noch gleichauf liegt. Wird gefragt, ob Mondale oder Glenn die größeren Chancen im Wahlgang gegen Präsident Ronald Reagan eingeräumt werden, gibt Glenn sogar in vielen Umfragen ein besseres Bild als Parteifavorit Mondale.

Dennoch, der zähe Ex-Marineinfanterist aus Ohio hat noch längst nicht aufgegeben. Gerade erst ist eine landesweite, vier Millionen Dollar teure Anzeigenkampagne angelaufen, die Glenn als den »ehrlichen«, »tapferen« und »unabhängigen« Kandidaten darstellt.

Deutlich ist zu vernehmen, daß Mondale, der als abhängig von Gewerkschaften und verschiedensten Interessengruppen geschildert wird, diese Eigenschaften eben nicht besitze. Die Kampagne hat, nach den Worten von Glenn-Pressesprecher Greg Schneiders, eine ausgeprägt »populistische Stoßrichtung«.

Ein Populist ohne die schrillen Rechtstöne Reagans, zutiefst patriotisch, fest gegenüber der Sowjet-Union, nicht ohne soziales Verantwortungsgefühl, aber nicht so freigebig mit Steuergeldern wie etwa Ted Kennedy oder Mondale, ein eifriger Verfechter des amerikanischen Business, das ihn selbst in wenigen Jahren zum Millionär werden ließ - so etwa hatte sich Glenn seinen Wählern präsentieren wollen.

Für einen Präsidentschaftswahlkampf wäre das auch im Prinzip eine beneidenswerte Position, die, so spekulierte etwa der Kolumnist James Reston, Glenn in die Lage versetzt hätte, gewissermaßen überparteilich und von einem nationalen Konsens getragen solche Probleme der amerikanischen Gesellschaft anzugehen, die von den Rändern des politischen Spektrums her nicht gelöst werden können: Verfall der traditionellen Industrien etwa oder soziale Folgen der Computer-Revolution.

Das Bild eines Politikers der Mitte ist nicht nur aufgesetzt, Glenn verkörpert diese Mitte tatsächlich.

Seine Heimatstadt, New Concord in Ohio, liegt an der Nahtstelle zwischen Amerikas industriellem Nordosten und dem agrarischen Mittelwesten. Dort ging er zur Schule, besuchte das örtliche College (ohne zunächst einen Abschluß zu erlangen) und heiratete als echter Apple-Pie-Amerikaner dort seine High-School-Freundin.

In einer neuen Biographie _(Frank Van Riper: »Glenn - The Astronaut ) _(Who Would Be President«. Empire Books, ) _(New York; 13,95 Dollar. )

schildert der New Yorker Journalist Frank Van Riper Glenn als einen Politiker, der davon überzeugt ist, allein schon durch seinen mit vielen Orden belohnten Kriegseinsatz, durch seinen als Astronaut erworbenen Heldenstatus und seinen unbezweifelbaren Patriotismus berechtigt zu sein, die Nation zu führen.

Seine Wähler, so ein ständig wiederholtes Argument John Glenns, müßten ihm schon glauben, daß er wisse, was das Beste für ihr Land sei. Diese etwas arrogante Weltferne hat ihm in seiner politischen Karriere mehr Niederlagen als Siege eingebracht.

Geschickter als seine sechs Astronauten-Kollegen vom Projekt Mercury wußte John Glenn den Reklamerummel um Amerikas Raumfahrt-Konkurrenz mit den Sowjets zu nutzen. Er machte sich, unaufgefordert, zu ihrem Sprecher, versuchte, sie zusammenzustauchen, wenn ihre persönlichen Eskapaden an die Presse zu gelangen drohten. Die Quittung kam prompt: Unbeliebt, wie er war, wählten sie nicht ihn, sondern Alan Shepard zum ersten amerikanischen Weltraumpiloten.

Doch so, als seien Shepard und Virgil Grissom nicht vor ihm geflogen, wußte Glenn den Eindruck zu vermitteln, erst mit seinen drei Erdumrundungen am 20. Februar 1962 habe die amerikanische Weltraumfahrt wirklich begonnen. An diesem Ruhm wollte Präsident Kennedy zum Zwecke seiner Wiederwahl teilhaben.

Immer häufiger wurden John und Anna Glenn nach Hyannisport auf den Landsitz der Kennedys eingeladen. Und es war Justizminister Robert Kennedy, der ihn zuerst fragte, ob er nicht Senator seines Heimatstaates werden wolle.

Glenn wollte. Doch im Wahljahr 1964 war der Präsident bereits ermordet, und

Glenn mußte ohne Unterstützung des Weißen Hauses gegen den demokratischen Amtsinhaber Stephen Young antreten.

In seinem ersten Wahlkampf hatte John Glenn nicht viel mehr anzubieten als sein immer noch frisches Helden-Image. Es war ein Schock für ihn, daß dies der Polit-Maschinerie der Demokraten von Ohio nicht ausreichte. Schon seinen ersten Wahlkampf, wie fast alle späteren auch, führte er als Außenseiter gegen die Partei.

Ein Sturz im Badezimmer, bei dem ihm ein Spiegel auf den Kopf fiel und ihm eine schwere Kopfverletzung beibrachte, beendete seine Politiker-Karriere damals noch vor der Wahl. Seine Motorik war geschädigt, er konnte kaum noch gehen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Glenn-Gegner in der Demokratischen Partei verleumdeten ihn, er habe die Verletzung dazu benutzt, sich der drohenden Wahlkatastrophe zu entziehen.

Vier Jahre später, als Auslandschef einer Soft-drink-Firma und dank vorteilhafter Hotel-Investitionen mittlerweile auf dem Weg zum Millionär, zog er für Bobby Kennedy in den Wahlkampf und begleitete dessen Kinder nach Hause zurück, als der Kandidat in Los Angeles erschossen worden war.

Dann, 1970, verkündete der 80jährige Young seine Absicht, sich aus dem Kongreß zurückzuziehen. Sofort erklärte Glenn, er stehe zur Verfügung. Er mußte aber feststellen, daß Howard Metzenbaum, ein Millionär aus Cleveland, ihm die Nominierung streitig machte.

Der Wahlkampf, der nun folgte, ähnelte in vieler Hinsicht dem gegenwärtigen. Glenn verließ sich allein auf seinen Namen und sein Image, statt sich eine effiziente Wahlkampforganisation aufzubauen, und warb nicht um Unterstützung durch die Gewerkschaften.

Wie 14 Jahre später auch, ließ ihn begeisterter Empfang bei allen Wahlkampfauftritten glauben, die Dinge seien in bester Ordnung. Er übersah, daß die Menschen kamen, um den Mann zu sehen, der als erster Amerikaner die Erde umrundet hatte. Schon damals wimmelten seine Reden von Allgemeinplätzen und patriotischen Appellen, waren sie langweilig und trocken dargeboten. »John hat ein großes Problem«, faßte damals ein Beobachter zusammen, »er trifft zwar eine Menge Leute, aber er trifft keine Demokraten.«

Metzenbaum, wohlausgestattet mit einer riesigen Wahlkampfkasse, konnte sich durch Fernsehwerbung und eifriges Hofieren der Interessenverbände den Namen kaufen, den er ursprünglich nicht hatte - und gewann. Amerika habe sich noch immer, so Glenns bitteres Fazit nach der Niederlage, von seinen Helden abgewandt. Daß er den Verlust der Nominierung sich selbst zuzuschreiben habe, kam ihm nicht in den Sinn.

Weil auch Metzenbaum in der Hauptwahl gegen seinen republikanischen Gegenkandidaten verlor, wiederholten sie 1974 ihr Duell. Glenn, diesmal besser vorbereitet, scheute auch vor hemmungsloser Diffamierung des Gegners - etwa, daß der Steuern hinterziehe - nicht zurück, gewann Vor- und Hauptwahl und zog in den Senat ein.

Ehrgeizig und fleißig wie immer, wiederholt Glenn hier die Fehler, die schon seine Wahlkämpfe beeinträchtigt hatten. Anfallende Arbeit gab er ungern aus der Hand, kümmerte sich selber auch um kleinste Details. So gelang es ihm nicht, einen kompetenten Mitarbeiterstab aufzubauen.

Dennoch war Glenn nicht erfolglos. Viele seiner Gesetzesvorlagen hat er heil durch den Senat gebracht - als Einzelgänger mit wechselnden Koalitionen: in der Sozialgesetzgebung eher auf der liberalen Seite des Hauses, in Verteidigungsfragen und im Steuerrecht eher mit den Konservativen stimmend. 1976 versuchte er, sich Jimmy Carter als Vizepräsidentskandidat anzudienen. Er unterlag Walter Mondale.

Glanzlos wie seine bisher neunjährige Senatortätigkeit verlief auch sein derzeitiger Wahlkampf. Während Mondale sein Konzept für 1984 schon wenige Wochen nach Reagans Sieg fertig hatte und sich sofort daranmachte, die Parteiorganisationen möglichst vieler Bundesstaaten für sich zu gewinnen, ließ sich Glenn bis 1982 Zeit. Doch Mondales finanzieller und organisatorischer Vorsprung war kaum mehr aufzuholen.

Ganz folgerichtig verlegte sich Glenn darauf, sein Image aufzupolieren. Außer Miller für seine Werbespots heuerte er auch die New Yorker Public-Relations-Firma D. H. Sawyer an, die dafür zu sorgen hat, daß er seinen Ruf als trockener Langweiler los wird.

Dennoch hat Glenn eines nicht geschafft: seine Partei zu überzeugen, daß er wirklich ein Demokrat ist - und nicht nur der Ex-Astronaut, der immer wieder an seine große Stunde erinnert.

»Die Wähler«, so der Chicagoer Medienberater Lawrence Walsh, »halten nach Kandidaten Ausschau, die eine Vision dessen haben, was aus diesem Land werden kann.«

Diese Vorstellung hat Glenn nicht vermitteln können. »In den letzten drei Monaten«, sagt der Vorsitzende der Demokratischen Partei des Bundesstaates Mississippi, Danny Cupit, »ist John Glenn wie vom Erdboden verschwunden.«

Frank Van Riper: »Glenn - The Astronaut Who Would Be President«.Empire Books, New York; 13,95 Dollar.

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