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Dänemark Wahrhaft überragend

Brücke und Tunnel sollen den Großen Belt überwinden - Umweltschützer sind dagegen.
aus DER SPIEGEL 32/1990

Im November wird der Schwan im Großen Belt erwartet: »Svanen«, ein riesiger Schwimmkran mit 6500 Tonnen Hebekraft, 74 Meter hoch und mit einer Grundfläche so groß wie ein Fußballfeld, soll dann Autobahnträger in die Ostsee setzen.

Das kleine Königreich Dänemark hat sich Großes vorgenommen: Zwischen den beiden Hauptinseln des Landes, Fünen und Seeland, soll eine 18 Kilometer lange Verbindung entstehen und so endlich den dänischen Osten samt der Hauptstadt Kopenhagen an das europäische Verkehrsnetz anbinden - unabhängig von Fähren.

Knapp 20 Milliarden Kronen (etwa 5 Milliarden Mark), so die bisherigen Berechnungen, soll die spektakuläre Brücken-Tunnel-Kombination kosten: Auto- und Schienenverkehr werden zunächst über eine 6600 Meter lange Niedrigbrücke von dem Ort Knudshoved auf Fünen zu dem in der Beltmitte gelegenen Eiland Sprogö geführt, das durch Sandvorspülungen auf das fast Vierfache seiner ursprünglichen Fläche erweitert wurde.

Danach, so der Plan, trennen sich die Wege. Autos gelangen über eine Hängebrücke nach Halsskov auf Seeland; Eisenbahnen unterqueren den Ost-Belt bis zu 75 Meter tief in zwei Tunnelröhren.

In solche Gigantomanie hatten sich dänische Konstrukteure bislang noch nicht verstiegen. Die Hängebrücke, 6,8 Kilometer lang, wird mit einem freien Spann von 1624 Metern die längste der Welt; die maximale Durchfahrtshöhe für Schiffe liegt bei 65 Metern. Und die 260 Meter hohen Pylone sind wahrhaft überragend: Die höchste natürliche Erhebung Dänemarks ist der Berg Yding Skovhöj mit 173 Metern.

Der acht Kilometer lange Unterwassertunnel wird nach dem englisch-französischen Kanaltunnel der zweitlängste Europas. Seine beiden Stahlbeton-Röhren, je 7,7 Meter im lichten Durchmesser, sind alle 250 Meter durch Quertunnel miteinander verbunden.

Vier gigantische Bohrmaschinen, jede von ihnen 220 Meter lang und 1600 Tonnen schwer, mit je 30 Mann Besatzung und mit einem Gesamtstromverbrauch wie eine Kleinstadt von 12 000 Einwohnern, werden sich von diesem Monat an paarweise von Seeland und Sprogö aus 10 bis 40 Meter unter dem Meeresgrund aufeinander zuschieben.

In 15 Monaten ist der Durchbruch durch Ton und Mergel zu erzielen, meinen die Ingenieure. Derzeit werden die Bohrmaschinen, aus schottischer Produktion, vor Ort zusammengesetzt.

Schon 1993 sollen Personen- und Güterzüge durch den Tunnel rollen; die Freigabe der Straßenbrücke ist drei Jahre später geplant.

Das Riesenprojekt der landfesten Beltüberquerung wirft gewaltige Probleme auf. Brückenpfeiler und die künstliche Vergrößerung der Insel Sprogö ändern die Strömungsverhältnisse im Großen Belt. Auch die Sauerstoffzufuhr der ohnehin schon atemschwachen Ostsee wird beeinträchtigt - eine Vertiefung des Belts soll dem entgegenwirken.

Bei der Bevölkerung stößt das Jahrhundertwerk auf wenig Gegenliebe. Mochte das dänische Parlament den Bau der Beltbrücke auch in seltener Einmütigkeit beschlossen haben - Meinungsumfragen unter den Wählern haben klare Mehrheiten gegen das Vorhaben ergeben.

Naturschützer protestieren gegen die »unverantwortliche Förderung des Individualverkehrs«, gegen Naturzerstörung, Energieverschwendung und Luftverschmutzung. Im Zusammenhang mit der Autobahnbrücke über den Großen Belt sollen in Jütland und auf Seeland insgesamt 347 Kilometer Straßen ausgebaut werden.

Der Kopenhagener Verkehrsforscher Uffe Jacobsen rät - zu spät - vom Bau einer Autobahnbrücke ab: Man sollte sich lieber auf eine reine Eisenbahn-Verbindung beschränken. Denn die staatlichen Rentabilitätsberechnungen, nach denen die Beltbrücke bis zum Jahr 2010 bezahlt sein soll, bauten auf einem »völlig unrealistischen« Verkehrszuwachs von 34 Prozent über die nächsten zehn Jahre.

Gewerkschafter klagen, bis zu 1800 Arbeitsplätzen gingen verloren, wenn die Fährschiffahrt über den Großen Belt wegfallen würde.

Auch die Begeisterung der Autofahrer ist gedämpft. Zwar verkürzt sich die Fahrtdauer über die Meerenge von 90 Minuten (ohne Stau- und Wartezeiten) auf 15 - doch billiger wird die Reise nicht. Künftige Benutzer der Brücke nämlich sollen das dänische Prestigeprojekt durch Mautgebühren finanzieren: Die Überquerung im Privatwagen kostet genausoviel wie bisher das Übersetzen durch den Fährmann - fast 200 Kronen, etwa 50 Mark. o

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