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OBERLÄNDER Wahrheit über Lemberg

aus DER SPIEGEL 1/1960

In den nächsten Wochen wird der deutsche Büchermarkt um ein Druckerzeugnis bereichert werden, das im westdeutschen Sieben-Sterne-Verlag erscheinen und letztgültig die Frage beantworten soll, was Bundesvertriebenenminister Oberländer, einer der intellektuellen Urheber nationalsozialistischer Ost-Raumpolitik, mit den Massakern zu tun hat, die zwischen dem 30. Juni und dem 7. Juli 1941 in Lemberg stattfanden.

Obgleich das Manuskript dieses Buches noch nicht fertiggestellt ist, steht die Antwort auf diese delikate Frage schon fest.

Der Fall Oberländer war Mitte letzten Jahres von der kommunistischen Propaganda hochgespielt worden. In Moskauer und Ostberliner Publikationen tauchten Zeugenaussagen auf, nach denen ein deutscher Offizier namens Oberländer 1941 in Lemberg für die Ermordung polnischer Intelligenzler und Juden verantwortlich gewesen sei (SPIEGEL 49/1959). In der Tat diente der heutige Bundesminister damals als Oberleutnant, Dolmetscher und Sachverständiger für »Fragen der Behandlung von Menschen anderen Volkstums« bei dem Ukrainerbataillon »Nachtigall«, das zusammen mit den Deutschen in Lemberg einmarschiert war.

Am 30. September 1959 suchte sich Theodor Oberländer in einer Bonner Pressekonferenz dagegen zu wehren, daß seine Person mit den Lemberger Morden in Verbindung gebracht wurde. Beim Einzug der Nachtigallen sei »kein einziger Schuß« gefallen. Es sei vielmehr so, daß die Sowjets vor ihrem Abzug die gräßlichen Taten verübt hätten.

Diese letzte These des Ministers fand bald darauf, im Oktober letzten Jahres, unerwartete Unterstützung in einem Artikel der holländischen Zeitschrift »Elseviers Weekblad«. Der Verfasser, der holländische Journalist Joop Zwaart, wußte sogar den Sowjetmenschen zu benennen, der in Wahrheit verantwortlich gewesen sei: Niemand anders als Nikita Chruschtschow, seinerzeit Generalsekretär der ukrainischen KP, habe die Massenerschießungen befohlen, getreu einem Stalin-Befehl, alle politischen Gefangenen zu töten, die beim Rückzug nicht mitgenommen werden konnten.

Joop Zwaart wußte Zeugen für seine Ansicht zu benennen: Er saß unter Hitler als prominenter Sträfling im KZ Sachsenhausen ein und hatte dort als erster Lagerdolmetscher - auch für Russisch - Kontakt zu ukrainischen, polnischen und jüdischen Häftlingen, die im Sommer 1941 in Lemberg gewesen waren.

Sein trauriges Kriegsschicksal hat den holländischen Sozialisten und Journalisten Zwaart nach dem Krieg in die Reihen der »Union des Résistants pour une Europe Unie« (Urpe) geführt, die sich von anderen Widerstandsorganisationen durch einen betont antikommunistischen Drall unterscheidet und den abendländischen Raum zum Beispiel durch eine souveräne Ukraine komplettiert sehen möchte.

Neben solchen ideellen Zielen verfolgen die organisierten ehemaligen Widerstandskämpfer des Auslands auch materielle Interessen. Bei ihnen ist weithin der Eindruck verbreitet, die Bundesrepublik Deutschland tue nicht genug, um die ausländischen ehemaligen Widerstandskämpfer wenigstens soweit für erlittene Unbill zu entschädigen, wie Geld es vermag.

Regen Anteil an solchen Problemen - den ideellen und den materiellen - nimmt naturgemäß auch der Generalsekretär der deutschen Sektion der Urpe, Oberst außer Dienst Wolfgang Müller, ein Offizier, der sich bis zum 20. Juli 1944 in Hitlers Wehrmacht als Sachbearbeiter für Dienstvorschriften bei der Infanterie-Schule Döberitz einen Namen als »Vorschriften-Müller« gemacht hatte und nach diesem Datum zum Schützen degradiert wurde.

Ungebrochen erlebte Schütze Müller das Kriegsende. Bald saß er im Vorstand der »Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes« (VVN) für die britische Zone, wo er - die Zeichen der Zeit erkennend - für eine »Neuorientierung in der West-VVN« gegen kommunistischen Einfluß plädierte. Er verließ die VVN und ist seither in Verfolgtenverbänden unterschiedlicher Art tätig geworden. Heute ist er Vorsitzender des »Bundes der Verfolgten des Nazi-Regimes« (BVN) für Nordrhein-Westfalen, stellvertretender Bundesvorsitzender des »Zentralverbandes demokratischer Widerstandskämpfer« und schließlich Generalsekretär der deutschen Sektion der »Union der Widerstandskämpfer für ein Vereinigtes Europa« - jener Organisation also, die auch den holländischen Journalisten Zwaart zu den Ihren zählt, der in »Elseviers Weekblad« die »Wahrheit über Lemberg« verkündete.

Widerstands-Oberst Müller hatte nun einen Einfall, wie dem ehemaligen Gauamtsleiter Theodor Oberländer aus der Bredouille geholfen werden könnte. Er regte an, die Urpe solle doch einen Untersuchungsausschuß einsetzen, der die Lemberger Affäre durchleuchtet. Man solle keine deutschen Mitglieder benennen - die deutsche Sektion des Müllerschen Verbands vereinigt etwa 15 Personen, von denen rund die Hälfte den Vorstand bilden -, sondern ausländische Kameraden, die einst im KZ gesessen haben. Das Objekt der Untersuchung, Theodor Oberländer, stimmte den Müllerschen Plänen zu.

Am 4. November 1959 gründete Oberst Müllers deutsche Urpe-Sektion im holländischen Haag den »Internationalen Untersuchungsausschuß Lemberg 1941«. Zu ihm gehören der holländische Sozialist Karl Richard van Staal, ferner je ein Widerstandskämpfer aus Norwegen, Dänemark und Belgien sowie ein Schweizer als Berater. Geschäftsführender Sekretär wurde Joop Zwaart von der holländischen Zeitung »Elseviers Weekblad«. Die Holländer waren auch bereit, die Kosten zu übernehmen.

Einen Tag nach der Konstituierung des Oberländer-Untersuchungsausschusses wurde unter maßgeblichem Einfluß von Urpe-Mitgliedern ein weiteres Gremium, ein sogenanntes »technisches Komitee« gebildet, das sich mit Wiedergutmachungsforderungen ausländischer NS-Geschädigter gegen die Bundesrepublik Deutschland befassen soll.

Seitdem haben beide Widerständler-Gremien rege Tätigkeit entfaltet. Joop Zwaart reiste durch die Bundesrepublik und hielt auf Tonband fest, was Zeugen der Lemberger Mordtage zu berichten wußten. Das technische Komitee dagegen konzentrierte sich auf Bonn, sprach zunächst im Bundeshaus vor und verhandelte schließlich im Bundesfinanzministerium wegen finanzieller Ansprüche aus Griechenland, Dänemark, Norwegen, Israel, Luxemburg, Holland, Frankreich, Belgien und Italien sowie von heimatlosen Ausländern innerhalb und außerhalb Deutschlands.

Unglücklicherweise trat nun aber Ende November ein anderer Verfolgtenverein, der »Verband für Freiheit und Menschenwürde«, mit der Forderung an die Öffentlichkeit, Oberländer solle sein Ministeramt niederlegen, weil »er ein getreuer und überzeugter Gefolgsmann Hitlers war«.

Oberst a.D. Müller beeilte sich, Bundeskanzler Adenauer schriftlich zu informieren, daß seine Urpe mit jenem Verband nicht konform gehe. Er berichtete, daß ein CDU-Bundestagsabgeordneter im Präsidium des VFM sitze: »Präsidialmitglieder des VFM sind Rechtsanwalt Dr. Michaelis und Professor Görgen (MdB, CDU) ... die Rücktrittsforderung des hessischen NS-Verfolgten-Verbandes wird ihnen, hochzuverehrender Herr Bundeskanzler, zur Kenntnis kommen. Ich fühle mich daher ... verpflichtet, Sie zu informieren, daß die großen antikommunistischen europäischen Widerstandsverbände (Urpe, Commission des Liaisons) sich den Rücktrittsforderungen ... nicht angeschlossen haben. Mit der Versicherung der vorzüglichsten Hochachtung verbleibe ich Ihr, hochzuverehrender Herr Bundeskanzler, ergebener Müller.«

Nach dieser Aufklärung sahen alle Beteiligten klar, worum es ging. Aus Bonn konnte das technische Komitee die Zusage mitnehmen, daß ein Härtefonds für bestimmte ausländische Widerstandskämpfer eingerichtet werden wird, die nach dem starren Wortlaut des Bundesentschädigungsgesetzes eigentlich keinen Anspruch auf Geld haben. Andere Forderungen sollen - so versprach das Finanzministerium dem technischen Komitee - geprüft werden. Oberst Müller: »Die Gespräche waren ein guter Erfolg.«

Auch Sekretär Joop Zwaart, der bereits im Oktober letzten Jahres, vor Konstituierung des Lemberg-Ausschusses, in »Elseviers Weekblad« zu dem Schluß gekommen war, Chruschtschow und nicht Oberländer sei im Lemberger Blut gewatet, hat schon Erfolge gehabt. Er konnte seine Untersuchungen auf Oberländers eigene Angaben stützen; rund 300 Polen, Ukrainer und Juden, die im Westen leben, haben sich als Lemberg-Zeugen gemeldet. Zeugen mit Wohnsitz im Osten stehen nicht zur Verfügung.

Joop Zwaart ist an sowjetischer Mitwirkung bei der Ausschußarbeit ohnehin desinteressiert, weil er den Osten für wenig objektiv hält. Obgleich das »Weißbuch« der Urpe erst im Frühjahr erscheinen soll, ist Sekretär Zwaart schon heute überzeugt, daß es zu keiner Belastung Theodor Oberländers führen wird.

Das Bundesfinanzministerium hofft bis zum Frühjahr einen genauen Überblick über die finanziellen Forderungen des »technischen Komitees« der Urpe gewonnen zu haben.

Nachtigall Oberländer Kein einziger Schuß

Verfolgten-Funktionär Müller Herrn Bundeskanzlers ergebener

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