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WALDES LUST VON WEBER

aus DER SPIEGEL 35/1967

So etwa hätte der Vorsitzende beginnen können: Sie sind, Herr Wohlfahrt, im vergangenen Jahr verdächtigt worden, der Autobahnmörder zu sein. Dieser Verdacht traf Sie zu Unrecht, und es freut uns, daß er ausgeräumt werden konnte. Ob man Sie »damals leichtfertig mit einem Haftbefehl verfolgt hat, ist unsere Sache nicht. Auch haben wir nicht zu befinden, ob Ihr Name verfrüht der Presse bekanntgegeben und mit einem unzulässigen Anschein von Gewißheit als der eines vielfachen Mörders genannt worden ist.

Wir, Herr Wohlfahrt, hätte der Vorsitzende fortfahren können, müssen uns mit etwas anderem befassen. Die Staatsanwaltschaft wirft Ihnen Zuhälterei vor. Das ist ein gewichtiger Vorwurf, auch wenn Mord natürlich unendlich schwerer wiegt. Wir verkennen nicht, hätte der Vorsitzende seine Vorrede beenden können, daß der Verdacht der Zuhälterei erst auftauchte, als man Sie des Mordes verdächtigte. Wir werden deshalb besonders sorgfältig prüfen, was die Anklage gegen Sie vorbringt.

Das alles aber sagte Amtsgerichtsdirektor Armbruster in Stuttgart nicht. Er bemerkte lediglich: »Also es geht hier nur in diesem Verfahren um Ihr Verhältnis zum nachher als Zeugin auftretenden Fräulein Laskewitz.« Mit Herrn Armbruster scheint nicht gut Spätzle essen.

Waldemar Wohlfahrt, 26, »Chemigraph und Detektiv«, unter platinblondem Haar steht er im schwarzen Anzug mit zwei Rückenfalten vor dem Gericht. Doch die nationalen Mahnmale pflegen als Prüfung über das Volk zu kommen, und nur wenn man Glück hat, ist der schnellste Sprinter der Welt nicht allein ein Medaillengewinner für die Nation, sondern auch ein Vorbild für die Jugend dazu. Waldemar Wohlfahrt, der arme WW, ist das ärgste Beispiel für die Gemeinheit fixen Verdachtes seit langem.

Acht Jahre Volksschule, Lehre als Chemigraph, von 1958 bis 1965 Tätigkeit in renommierten Druckereien. Doch nebenher: eine Sportschule zum Beispiel, für »body building«; zur »Herstellung schöner Männerkörper«, wie der Vorsitzende lebenskundig anmerkt. Und außerdem erlernte WW den Beruf eines Detektivs, in Fernkursen, bei ASI vor allem, bei den »Associated Special Investigators«.

Ende 1965 machte WW aus dem »Nebenberuf« einen »Hauptberuf«. Amerikaner, deren Namen er natürlich nicht erfuhr, warben ihn für gewisse »Überwachungsaufträge«. Er war ja, nebenher, schon als Kaufhausdetektiv zur Weihnachtszeit tätig gewesen. »Außerordentlich erfolgreich«, wie sein Anwalt sagt. »Allzu erfolgreich«, meint der Vorsitzende. WW sei entlassen worden, weil er eine Kundin fälschlich des Diebstahls bezichtigt habe. Man wird sehen, ob auch WW Erfahrung im leichtfertigen Verdächtigen hat.

Woher hatte WW das Geld, mit dem er ein Mercedes-Benz-Kabriolett vom Typ 250 SE kaufte? Die Untertürkheimer haben wirklich Pech, warum trifft es nicht mal BMW. Von seinem Vater, behauptet er, aus dem Verkauf der Sportschule, von seinen Auftraggebern. Von Käthe Laskewitz hat WW kein Geld bekommen, im Gegenteil. In der Rio-Bar in Stuttgart sah er sie zuerst. Sie war von Sonthofen weggelaufen und am Absacken. Er hat ihr Arbeit in seinem Betrieb besorgt, Wohnung in der Nähe der seinen. Doch dann gab es Streit, er hatte »Massen andere Mädchen«. Und sie drohte, sie werde ins Dreifarbenhaus gehen, wie Stuttgarts einschlägiges Domizil genannt wird.

Schließlich ging sie, alles war aus. Doch als man sich zwei, drei Monate später traf, ging alles von vorn an. In dieser Zeit hat WW den Mercedes bestellt, den Detektivberuf ergriffen.

Käthe Laskewitz, 26, belastet WW. »Ich habe es (das Geld) ihm nicht angeboten, und er hat es nicht verlangt.« Aber sie hat ihm »natürlich« gegeben, was sie verdiente. Wieviel sie verdient? Herr Armbruster dringt erfolglos in sie. Das Publikum im überfüllten Saal atmet enttäuscht. Würde sie einen Betrag nennen, dann könnte man sich doch ausmalen, wie viele täglich über -- und so weiter.

Schmale Schultern hat die Laskewitz, ein uneheliches Kind, üppige Hüften, sie spricht leise, ein bißchen Trotz ist in ihrer Stimme, sie ist abgerutscht, aber es ist ja soviel in der Sozietät, was hält. Der Vorsitzende versteht es nicht: Wann waren die beiden ausgesöhnt, wann getrennt, wie schließlich verlobt, und warum war man doch beieinander, wenn wiederum alles aus war. Aber dabei bleibt sie: das Geld hatte er von ihr, und er hat Pläne mit ihr gemacht. Sparen, Land kaufen und ein Häusle bauen, wenn auch in Spanien.

In einem Schriftstück vom Ersten Staatsanwalt Weber heißt es einmal in Sachen WW: »Es läuft ... der Schadensersatzprozeß des Beschuldigten gegen die Presseorgane, in welchem seine Chancen gering sind, wenn im Strafverfahren bewiesen wird, daß er Zuhälterei begangen hat.«

Es geht aber auch um eine mögliche Amtspflichtverletzung. Die soll wohl »geringfügig« sein, wenn Zuhälterei erwiesen wird?

WW -- ach, hinter vorgehaltener Hand raunt man von seinen Heldentaten, so oft wie er kann's keiner. Früher hätte er sein heimliches Königtum in einer gesellschaftsfähigen Abenteurerrolle sichtbar machen können. Heute braucht man für Pioniertaten jeder Art und erst recht im Weltraum akademische Vorbildung. So hat er sich eine Rolle gebaut, mit realen Bestandteilen oder nicht, die Rolle eines James Bond aus Stuttgart. Der James trägt die Geheimnummer doch auch als weltliche Marke für tolle Fähigkeiten, die anders nicht zu öffentlicher Geltung zu bringen sind.

Es gibt natürlich im Feuilleton etwas Ärgeres als Mord: die »Tötung der Seele«. Doch es wird schon wieder soviel umgebracht in dieser Welt. Da muß man darauf bestehen, daß nichts so böse ist wie Mord.

Einmal sagte in Stuttgart der Staatsanwalt, der Herrn Weber vertritt, den Motor der (Anklage-) Schrift über Waldes ungesetzliche Lust, die Freunde nennen WW »Walde": »Herr Wohlfahrt, wenn Sie ein gutes Gewissen haben

dann brauchen Sie doch nicht zu fürchten, daß die Polizei Ihnen Schwierigkeiten macht.« Da lachte einmal niemand. Denn da sind wir offenbar einig: Wer, entgegen fixem Verdacht, kein Mörder ist -- der ist sogar ein Zuhälter.

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