Zur Ausgabe
Artikel 18 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

US-PRÄSIDENTSCHAFT Wallstreet gegen Rockefeller

aus DER SPIEGEL 1/1960

Fauchend verließ der Congressional-Limited-Express planmäßig nachmittags um 4.30 Uhr New Yorks unterirdische Pennsylvania-Station, gewann Fahrt und tauchte wenig später aus dem Hudson-Tunnel ans trübe Dezemberlicht, um mit Kurs auf Philadelphia durch New Jerseys neblige Wiesen zu jagen. Im Salonabteil A des Pullman-Wagens ruhte - nachlässig ein Bein über den Rauchtisch gehängt - New Yorks republikanischer Milliardärs- Gouverneur Nelson Aldrich Rockefeller im Polstersitz.

Der schwarze Zugkellner Wallace Smith, ein eingeschriebener Demokrat, servierte Tee und Sherry. Der Enkel des einst reichsten Mannes der Welt und »Standard Oil« -Gründers beugte sich vor: »Es war ein anregendes Geschäft«, knurrte Rockefeller, »es war ein Mordsspaß.«

Er gab keine Definition des »es«. Sie war auch nicht nötig. »Es«, das war des Milliardärs mehrmonatiger Kampf um die Nominierung zum republikanischen Kandidaten für die amerikanischen Präsidentschafts-Wahlen dieses Jahres. Wenige Stunden vor seiner Abreise zum Weihnachtsbesuch bei seinen Schwiegereltern Clark in Philadelphia hatte Nelson Rockefeller die Schlacht auf eigenwillige Art beendet und Amerika die Sensation zum Jahreswechsel beschert: »Ich bin und werde kein Präsidentschaftskandidat«, hieß es in einem Kommunique seines Amtes, »diese Entscheidung ist unumstößlich und endgültig »

Der Rückzug Rockefellers mag Amerika um einen guten Präsidenten gebracht haben; in drei politischen Lagern jedoch ist er mit gleichlauten Jubeljauchzern aufgenommen worden, wenn auch aus höchst unterschiedlichen Motiven:

- bei den Anhängern von Rockefellers innerparteilichem Rivalen um die republikanische Kandidatur, Vizepräsident Richard Milhous Nixon, denn die Nominierung auf dem republikanischen Parteikonvent im Juli ist dem Tricky Dicky nun so gut wie gewiß;

- bei Rockefellers innenpolitischen Gegnern, den Demokraten, denn ihre Chancen, bei der Präsidentschaftswahl im November einen Nixon zu schlagen, sind größer als die Aussicht gewesen wäre, Rockefeller in der Gunst der Massen auszustechen;

- bei Rockefellers außenpolitischen Feinden im Kreml, denn die Zurückhaltung des Gouverneurs gegenüber Eisenhowers Entspannungspolitik hat das halboffizielle Organ des Sowjet-Außenministeriums, »Neue Zeit«, erst vor wenigen Wochen veranlaßt, ihn als »Hauptgegner der Verbesserung sowjetisch amerikanischer Beziehungen« zu brandmarken.

Unter den verschiedenen Ursachen für Nelson Rockefellers Verzicht - sorgfältige Untersuchungen hatten ergeben, daß seine Chancen, nominiert zu werden, 1:4 standen, und die Demokraten hatten allzu laut ihre Hoffnung ausposaunt, daß sich die beiden republikanischen Rivalen im Nominierungs -Rennen verschleißen würden - spielte eine Macht eine entscheidende Rolle, von der man negative Einflüsse auf Anhieb am wenigsten erwarten würde: die Hochfinanz von Wallstreet.

»Winthrop Aldrich always wins«, so hieß es in einem traditionellen republikanischen Spottvers, »but only in July.« Es besagt zu deutsch, daß der langjährige Vorsitzende der allmächtigen Chase-Bank, Winthrop Aldrich, auf den republikanischen Parteikonventen im Juli jeden Jahres stets seinem Kandidaten zum Sieg zu helfen vermochte, der dann aber bei der jeweiligen Wahl im November durchfiel.

So ging es sechzehn Jahre lang. 1936 war es Alf M. Landon, später Wendell Willkie und Tomas E. Dewey. Als erster von der Hochfinanz unterstützter republikanischer Kandidat siegte 1952 Ike Eisenhower beim Wähler. Der Vorsitzende der Chase-Bank, Winthrop Aldrich, wurde US-Botschafter am Hofe von St. James. Der Zweizeiler hatte seinen absoluten Wahrheitsgehalt verloren. Aber unverändert blieb das Gewicht von Wallstreet für jeden republikanischen Parteikonvent.

Amerikas Kassandra, Joseph Alsop, testete Ende vergangenen Jahres als erster die Neigungen in »New Yorks Finanzdorf«. »Es gibt etwas aktive Unterstützung für Nixon und viel passive Unterstützung«, schrieb er, »aber es gibt sehr wenig Unterstützung für Gouverneur Rockefeller, weder aktiv noch passiv.«

In der Tat hatte Nelson Rockefeller damals bereits eine deutliche Abfuhr erhalten. Während der Vorbereitung seiner eigenen Reise an die Westküste war die Frage aufgetaucht, ob die Verbindungen der Chase-Bank benutzt werden könnten, um Rockefeller in Kontakt mit einflußreichen Geschäftskreisen zu bringen. Obgleich das Haus Rockefeller mit der Chase -Bank finanziell verbunden ist, lautete die Antwort des neuen Bank-Vorsitzenden John J. McCloy, einst Hoher Kommissar in Deutschland, eindeutig: Nein.

Ein glanzvolles Bankett, das die »West Coast Standard Oil« dennoch in Kalifornien für Rockefeller gab und auf dem mehr Millionen Dollar als Gäste versammelt waren, wurde zwar auf Bitten von Nelsons Bruder David veranstaltet, der selbst stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender der Chase-Bank ist, aber David hatte im Namen des Hauses Rockefeller, nicht im Namen der zweitgrößten Bank Amerikas gebeten.

Die Bedenken von Wallstreet gegenüber dem Milliardär und Sproß des Hochkapitalismus wurzeln sowohl im außen- als auch im innenpolitischen Terrain.

Obgleich auch Vizepräsident Nixon außenpolitisch »nicht unbedingt mit Eisenhowers Entspannungspolitik identifiziert werden darf« ("Neue Zürcher Zeitung") und innenpolitisch »wahrscheinlich nicht so konservativ ist, wie die Konservativen glauben« ("New York Times"), ist Tricky Dicky doch der vom Präsidenten designierte und favorisierte Erbe der Eisenhower-Politik, während Rockefeller, der Protege des Kriegstheoretikers Kissinger, demonstrativ vor gefährlichen Entspannungsexperimenten gewarnt hat und im Grunde so liberale Auffassungen vertritt, daß er ebensogut für die Demokraten kandidieren könnte.

Wallstreet, deren konservative Könige Eisenhower schätzen und von ihm bewundert werden, neigte daher ihre Gunst Eisenhowers Kronprinzen zu.

Da jedoch in Amerika heute ein republikanischer Präsidentschaftskandidat nur noch dann gewählt werden kann, wenn es ihm - wie Eisenhower - gelingt, einen Einbruch in die unentschlossenen oder gar demokratischen Wählermassen zu erzielen, könnte die Hochfinanz mit der nun als sicher anzusehenden Nominierung Nixons nach dem Verzicht Rockefellers einen Pyrrhus-Sieg erringen und der alte Spottvers - abgeändert - wieder aktuell werden: Wallstreet siegt immer, aber nur im Juli.

The St. Louis Post-Dispatch

Rockefeller gibt das Rennen auf

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 18 / 68
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.