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MAURETANIEN Walo, Walo

Zum erstenmal versuchten die Schwarzen einen Staatsstreich gegen die maurische Oberschicht. *
aus DER SPIEGEL 52/1987

Dem Staatschef Oberst Maauja Uld Sid'Ahmed Taja meldeten Agenten Ungeheuerliches: Ein Staatsstreich schwarzer Verschwörer stehe unmittelbar bevor. Die Rebellen rotteten sich in einer Holzbaracke in der vom Wüstensand eingeschlossenen Hauptstadt Nuakschott zusammen.

Erst als der Präsident erfuhr, daß am 22. Oktober gegen alle Regeln ausnahmslos Schwarze als diensthabende Posten bei Militär und Polizei eingeteilt seien, wurde Taja mißtrauisch und schickte Verhaftungskommandos los.

So scheiterte der erste schwarze Putschversuch gegen die verhaßten maurischen Herren in der Geschichte des von der einstigen Kolonialmacht Frankreich als Puffer zwischen Schwarzafrika und den nördlichen Araberstaaten künstlich geschaffenen Staates. Der Traum vom »Walo-Walo (fruchtbar, fruchtbar)-Land«, wie Mauretanien wegen der ertragreichen Böden entlang des Senegalflusses im Süden nach einem Erfolg der Rebellion heißen sollte, blieb unerfüllt.

Überraschen konnte der von hohen Offizieren, darunter dem Chef der Präsidentengarde, geführte Aufstand der Neger gegen die Mauren nicht. Spannungen zwischen der schwarzen Urbevölkerung (rund 30 Prozent des Zwei-Millionen-Volkes) und den hellhäutigen Abkömmlingen von Arabern und Berbern gibt es seit dem elften Jahrhundert: Damals hatten die Moslems aus dem Norden die Schwarzen nach Süden getrieben.

Seit der fast menschenleere Wüstenstaat von der doppelten Größe Frankreichs islamisiert wurde, gilt allein die hierarchische Sozialstruktur der orientalischen Machthaber.

Die Schwarzen sind in der Regierung des Obersten Taja unterrepräsentiert, das ehedem französisch geprägte Schulsystem ist nach arabischen Bedürfnissen ausgelegt, das Bodenrecht bevorzugt die Mauren. Deren Taxifahrer befördern keine schwarzen Kunden, hellhäutige Kinder spielen nicht mit Negern. Das Fischfang-Zentrum Nuadhibu im Norden, Mauretaniens ertragreichste Industrie, ist fest in maurischer Hand.

Zum erstenmal organisierten sich die Schwarzen vor einem Jahr. Regierungsgegner verteilten ein »Manifest des unterdrückten Negertums in Mauretanien« gegen die »schäbige Apartheid«. Die Schwarzen, so hieß es, würden in Beruf und Bildung »unterdrückt«.

Demonstranten zündeten Regierungsautos an und plünderten Amtsgebäude. Vor allem im fünften und sechsten Stadtbezirk von Nuakschott, einem der verkommensten Quartiere Westafrikas, wo eine Bretterbude mit flatternden Stofflaken als Überdachung schon als Luxus gilt, der Sand nach Urin stinkt und Ziegen und Schafe die Müllabfuhr ersetzen, wurden die Schwarzen aktiv. Sie skandierten Anti-Mauren-Parolen und pinselten Sprüche wie »Mauretanien ist schlimmer als Südafrika« an die Wände.

Dies mag arg übertrieben sein. Weder sind Lokale oder Wohnviertel nach Hautfarbe gesondert noch Schwarze von Wahlen oder Ministerämtern ausgeschlossen - die Ressortchefs für Jugend und Arbeit, für Gesundheit sowie für Energie sind Neger. Staatschef Taja: »Es gibt keine Apartheid, es gibt Mitsprache und Beteiligung.«

Keineswegs für alle - in Mauretanien gibt es noch echte Sklaven. Obwohl die Sklaverei formal schon dreimal (1900, 1964 und zuletzt 1980) abgeschafft wurde, halten sich viele Mauren unvermindert Leibeigene - 1984 soll es noch 100000 davon gegeben haben.

Der Patron darf darüber bestimmen wer seiner Sklaven wen wann heiratet. Auf Märkten im Landesinneren werden noch Leibeigene, auch Kinder, einzeln oder paarweise verkauft. Männer sind um 400 Mark im Angebot, Frauen hingegen kosten als potentielle Mütter neuer Sklaven bis zu 8000 Mark.

Bei ihrer Rebellion gegen die Hellhäutigen konnten die Schwarzen Mauretaniens dennoch nicht auf die Hilfe der Sklaven rechnen. Denn die zählen sich stolz zum Volk ihrer Eigentümer.

Die Mauren ließen nach dem vereitelten Putsch Jagd auf echte oder vermeintliche Regimegegner machen, um angeblich »untreue Schwarze« aus dem Staatsdienst zu entfernen.

Auch die aktiven Putschisten der gescheiterten mauretanischen Oktober-Revolution sind mittlerweile abgeurteilt. Drei Anführer starben Anfang Dezember im Kugelhagel eines Erschießungskommandos.

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