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»Wandel in der Gemütslage«

SPIEGEL-Redakteur Richard Kiessler über Anti-Amerikanismus in der Bundesrepublik
aus DER SPIEGEL 33/1981

Die deutsch-amerikanische Woche in der niedersächsischen Kreisstadt Osterholz-Scharmbeck begann in diesem Jahr anders als sonst. An die 100 Demonstranten, etliche mit ketchupgetränkten Mullbinden, Krücken oder Gasmasken kostümiert, protestierten mit Transparenten, Pfiffen und Rasseln »gegen den Krieg und gegen die Amerikaner«, wie das »Osterholzer Kreisblatt« tags darauf fassungslos meldete.

Als Farbbeutel und Eier gegen die örtlichen Honoratioren und die amerikanischen Ehrengäste aus der nahen US-Garnison bei Bremerhaven flogen, räumte Polizei unter den Klängen der deutschen und amerikanischen Nationalhymne kurzerhand die Protestszene ab.

Vor dem amerikanischen Luftwaffenstützpunkt Ramstein in der Pfalz lehnten sich 600 Anhänger der Gruppe »Frauen und Mütter gegen Atom und für den Frieden« ohne Gewalt gegen die Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenwaffen in Europa auf.

Mit »Yankee go home«-Rufen demonstrierten am 1. Februar etwa 20 000 zumeist junge Deutsche in der Frankfurter City gegen das amerikanische Engagement für die Militärjunta im mittelamerikanischen Bürgerkriegsstaat El Salvador. Mehrere hundert vermummte Protestierer warfen Scheiben von Banken und Geschäften ein oder zerschnitten die Reifen geparkter amerikanischer Autos.

Für Frankfurts CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann waren die Ausschreitungen der militanten Minderheit Beweis für eine »neue Woge des Anti-Amerikanismus nach dem Muster von Vietnam«.

Doch nicht nur auf der Straße artikuliert sich der neue Zorn auf den großen Bruder in Washington.

An einer Koalition aus Studenten und Professoren scheiterte im Senat der Kieler Universität die Absicht des CDU-Wissenschaftlers Werner Kaltefleiter, an der Hochschule ein »Institut für Sicherheitspolitik« zu eröffnen.

Das Projekt, so Kaltefleiter, solle den Nachweis liefern, daß die »Schaffung eines atomaren Gleichgewichts friedenssichernd« wirke. Doch die konservative Senatsmehrheit fand den Plan bedenklich, da ungewiß sei, »ob die Sicherheitspolitik des neuen US-Präsidenten noch in gleichem Maße dem Frieden dient wie die seiner Vorgänger«.

Farbbeutel gegen amerikanische GIs, Proteste gegen amerikanische Mittelstreckenraketen, Wut gegen Yankee-Imperialismus, Zweifel am Friedenswillen der Reagan-Regierung -die Etiketten sind allemal schnell verteilt: Anti-Amerikanismus, Neutralismus, Pazifismus.

Für den Sozialdemokraten Helmut Schmidt jedenfalls ergibt die neue »scheußliche Mode« eine simple Kausalkette: Diese »Friedenssehnsucht«, lamentiert der Kanzler, drohe umzuschlagen in einen »generellen Anti-Amerikanismus«.

Andere konservative Genossen, wie Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger, haben gar »tiefsitzende antiamerikanische Überzeugungen« ausgemacht, die ihrerseits »Tendenzen zur Isolation der Bundesrepublik Deutschland vom Westen insgesamt enthalten«.

Peter Corterier, Staatsminister im Auswärtigen Amt, hat »überhaupt keinen Zweifel« mehr am Anti-Amerikanismus in der Bundesrepublik. Selbst in der eigenen Fraktion, klagt der Amerika-Experte, sei die Meinung weitverbreitet, daß die Machthaber in Washington ihre deutschen Partner mit neuen Rüstungslasten und Atomraketen disziplinieren wollten. Corterier: »Eine unheimliche Diskussion, geprägt vom schlechten Informationsstand.«

An der Parteibasis, so berichtete der SPD-Abgeordnete Manfred Schulte aus dem westfälischen Unna seinen Kollegen in Bonn, werde das Amerika-Bild »von Tag zu Tag schwärzer«. In Schultes Versammlungen argwöhnen gestandene Sozialdemokraten, der Nachrüstungsbeschluß der Nato diene lediglich dem Ziel der Amerikaner, »den Atomkrieg in Europa führbar zu machen«.

Schultes linker Fraktionskollege Uwe Holtz hat bei Genossen daheim eine »psychologische Schieflage« beobachtet. Dort sei, so Holtz, »das Mißtrauen gegenüber den Amerikanern größer als gegenüber den Russen«.

Den Liberalen geht es nicht anders. FDP-Generalsekretär Günter Verheugen etwa hörte in einer seiner Versammlungen einen »Frontkämpfer der Weltkriegsgeneration« (Verheugen) unter Beifall schimpfen: »Auf die Amerikaner können wir uns hier in Europa im Ernstfall nicht verlassen.« Der FDP-Mann: »Die unkritische Bewunderung Amerikas gibt es in diesem Land nicht mehr.«

Doch nicht nur Atomraketen und Nato-Doppelbeschluß haben viele Westdeutsche verunsichert. Die Wähler im Lande bedrängen die Volksvertreter aus Bonn mit Klagen über die amerikanische Hochzinspolitik. Das sei doch nichts anderes, bekam Schulte-Unna zu hören, als »ein verspäteter Morgenthau-Plan, mit dem sich die Amerikaner bei uns schadlos halten wollen«.

Meinungen bornierter Minderheiten? Geschichtslose Urteile Halbinformierter? Nörgelei am Biertisch?

Oder Indizien für eine seit Ronald Reagans Amtsantritt wachsende Distanz S.23 zur westlichen Führungsmacht Amerika? Eine Distanz, die in einem eklatanten Mangel der neuen amerikanischen Administration an Glaubwürdigkeit wurzelt, ein steigendes Unbehagen über ein politisches Management in Washington, das in pathetischen Appellen die Wiedererweckung westlicher Werte einfordert, sich nach Ansicht vieler Kritiker jedoch in Wahrheit in Überrüstung, Kriegstreiberei und Anti-Sowjetismus erschöpft?

»Wir halten die Regierung in Washington für scheußlich. Wir halten sie schlicht für unerträglich«, beschreibt der SPD-Linke Freimut Duve diese Stimmung.

Wenn US-Außenminister Alexander Haig etwa die Alliierten emphatisch zu einer »kollektiven Politik der Stärke zur gemeinsamen Abwehr des Bösen« anhält, bleibt in Europa die Aufbruchstimmung aus. Für den Schriftsteller Günter Graß sind solche Worte nichts als »der ungeschminkte Ausdruck der Machtausübung entsprechend der Dramaturgie von Western-Filmen«.

Das Drehbuch ist simpel: Wer mit uns zieht, ist unser Verbündeter -korrupte Despoten in der Dritten Welt inklusive. Wer sich uns aber in den Weg stellt, Sozialrebellen oder Entspannungs-Illusionisten, steht auf der Seite des Bösen. Denn hinter jeder Krisenecke der Welt lauern die Kommunisten und schüren das Feuer der Revolution.

Unter Konservativen diesseits und jenseits des Atlantiks ist es Mode geworden, jeden Dissens mit Washington als eine Politik zu denunzieren, die geschickte Agitatoren oder nützliche Idioten angezettelt hätten, um West-Europa von Nord-Amerika abzukoppeln.

Aus Bayern machte der CSU-Vorsitzende Franz Josef Strauß schon im vergangenen Jahr auf die »Symptome« in Westdeutschland aufmerksam, die für eine »Inszenierung« sprechen, »die zu einer Lockerung der Bindungen zwischen Europa und den USA, zu einer Abkoppelung Westeuropas und zu einer von der Sowjetunion angestrebten De-facto-Neutralisierung« führen.

Deutlicher wurde der CDU-Hinterbänkler Willi Weiskirch: »In der SPD wird -- und das nicht nur in Einzelfällen -- bereits aus der sowjetischen Interessenlage heraus argumentiert und den Amerikanern mit ihrer Nuklearpolitik die Störung des militärischen Gleichgewichts zwischen Ost und West vorgeworfen.«

Strauß-Gehilfe Friedrich Zimmermann, Chef der CSU-Landesgruppe im Bundestag, setzte einen drauf: »Helmut Schmidt und die von ihm geführte Regierung sind für die Amerikaner ein unberechenbarer Faktor geworden.«

Doch so einfach ist die Welt nur in den Köpfen der Bonner Opposition. Daß die Mehrheit der Westdeutschen den neuen Kurs der Reaganschen Außenpolitik reserviert verfolgt, wissen die Amerikaner spätestens seit dem Frühsommer aus einer von ihnen selbst in Auftrag gegebenen, unveröffentlichten Umfrage der Informationsagentur USICA.

Danach lehnen zwei Drittel (66 Prozent) der Bundesbürger die Stationierung neuer Mittelstreckenwaffen in Westdeutschland ab. 26 Prozent dieser Zweidrittel-Mehrheit wollen keine weiteren Atomraketen, solange Rüstungskontrollverhandlungen mit der Sowjet-Union möglich sind. Und 40 Prozent aller Befragten sprachen sich dafür aus, selbst dann keine »Pershing 2« oder Cruise Missiles aufzustellen, wenn die Verhandlungen scheitern sollten.

Die Politik des Ausgleichs mit dem Osten, so das Fazit, findet beim wichtigsten Alliierten der Amerikaner in Europa noch allemal mehr öffentliche Zustimmung als eine Politik der Stärke. Die Spannungen zwischen den beiden Supermächten werden als größte Bedrohung für die nationale Sicherheit empfunden.

Oder, wie der deutsche Journalist Peter Bender, engagierter Verfechter der Entspannungspolitik, im Umkehrschluß formuliert: »Solange die Großen sich verstehen, haben die Kleinen weniger zu fürchten. Erst wenn die Großen nicht mehr zueinander finden, sind die Kleinen gezwungen, einen Brückenschlag zu versuchen; sie wollen nicht eine Rolle spielen, aber manchmal müssen sie es.«

Helmut Schmidt pflegt amerikanische Gesprächspartner, denen die Ängste seiner Landsleute als schlichte antiamerikanische Umtriebe erscheinen, mit einem Zahlenbeispiel zu konfrontieren. Das Territorium der Bundesrepublik, rechnet der Kanzler vor, entspreche ganzen 2,5 Prozent der Fläche der Vereinigten Staaten, sei jedoch zehnmal so dicht bevölkert. Auf deutschem Boden lagerten aber schon jetzt 50 Prozent des nuklearen Potentials der USA.

Das sage er nicht zur Unterstützung der Nachrüstungsgegner, die gegen die Stationierung der TNF-Waffen (Theatre Nuclear Forces) argumentierten, beeilte sich der Kanzler zu versichern. Er wolle klarmachen, »daß die Debatte hier eine ganz andere Qualität hat«. Schmidt: S.24 »Haben Sie in Amerika bitte etwas Verständnis für die, die im ''Theater'' leben.«

Weil dieses Verständnis den Leuten um Ronald Reagan zu fehlen scheint, mißtrauen mehr Bürger, als Helmut Schmidt öffentlich zugeben will, dem Verhandlungswillen der Amerikaner. Weil ausgerechnet der Abrüstungsbeauftragte Eugene Rostow in Washington »niemanden kennt, der wüßte, worüber wir eigentlich verhandeln wollen«, erscheint das dumpfe Gefühl der Amerikaner, stark sein zu wollen, vielen so unheimlich.

Weil überdies die neuen Regenten der Vereinigten Staaten darauf aus sind, sich ihren Verbündeten gegenüber wie eine weisungsbefugte Führungsmacht aufzuspielen, wächst das Unbehagen, im Nato-Verbund womöglich zu einem Erfüllungsgehilfen amerikanischer Globalpolitik zu werden -- und sei es außerhalb des europäischen »Theaters«.

Und weil die Amerikaner mit den Pershing-Raketen und Cruise Missiles einen »strategischen Festlanddegen« (SPD-MdB Hermann Scheer) bekommen, über den die Alliierten kein Verfügungsrecht haben, nimmt die Furcht vor einem leichtfertigen Hantieren mit der Apokalypse zu.

Diese unmittelbare Betroffenheit unterscheidet die heutige Kritik und die Zweifel an der Führungsmacht Amerika von den antiamerikanischen Protesten gegen den Krieg in Vietnam. Damals ging es um ideologische und moralische Kritik am Imperialismus der westlichen Großmacht im fernen Südostasien.

Der Protest blieb auf eine zumeist studentische Minderheit beschränkt. Daß in den 60er Jahren deutsche Parlamentarier, Professoren und Bürgermeister Cocktail-Empfänge der Amerikaner mieden, um ihre Distanz zur US-Politik anzudeuten, blieb die Ausnahme.

Die Politik Reagans aber betrifft die Deutschen direkt. Die Vision eines Atomkrieges auf deutschem Boden ist konkret geworden: Zum erstenmal befällt viele Bundesbürger die Furcht, daß die USA nicht nur die Schutzmacht der Westdeutschen, sondern ebenso ihr Untergang sein könnte; zum erstenmal dämmert vielen fernab jeder Ideologie, daß die deutschen Interessen nicht identisch sein müssen mit denen des Präsidenten in Washington.

»Wir sehen mit Angst in die achtziger Jahre«, beschreibt SPD-Mann Duve diese Empfindungen. »Die Angst vor den Waffen wächst rascher als die Angst vor den Russen. Es steigt das Mißtrauen gegen die USA.«

Warum die alte deutsche Angst vor den Russen durch eine neue Furcht vor Raketen überlagert wird, die eigentlich dazu dienen sollen, vor der sowjetischen Bedrohung zu schützen -- für dieses Paradox hat Egon Bahr eine einfache Erklärung: »Wir haben uns daran gewöhnt«, sagt der SPD-Abrüstungsexperte, »mit der Angst vor dem Osten zu leben. Sie wurde bis jetzt durch Verläßlichkeit im Bündnis ausbalanciert.«

Kaum ein politisch bewußter Bundesbürger bezweifelt die Fähigkeit der Sowjet-Union zum atomaren Erstschlag gegen Europa, verdrängt auch nicht die Aufrüstung der östlichen Großmacht. Aber mit der Möglichkeit, dank sowjetischer SS-20 und neuer amerikanischer Pershing 2 zum atomaren Schlachtfeld der Großen zu werden, wandelt sich die latente Bedrohung in eine aktuelle Angst, zum alleinigen Opfer beider Supermächte zu werden.

Das hat mit Anti-Amerikanismus in Wahrheit wenig zu tun, viel jedoch mit der Verunsicherung über die Politik des amerikanischen Präsidenten. »Ein Deutscher«, formuliert der SPD-Linke Erhard Eppler, »der bohrend fragt, was dieser Mister Reagan eigentlich will, ist deshalb noch nicht Anti-Amerikaner.«

Amerikaner reagieren auf solche Betrachtungsweisen und Stimmungslagen häufig mit einer Mischung aus Unverständnis, Bitterkeit und Drohungen.

Für Reagans Sicherheitsberater Richard Allen etwa haben »pazifistische Gefühle«, wie sie sich derzeit in der neuen westdeutschen Friedensbewegung artikulieren, zu einem »Wandel in der Gemütslage der Allianz« geführt. Und unter den neokonservativen Kaliforniern in der engsten Umgebung des US-Präsidenten kursiert das Schmähwort von der »Vichy-Mentalität« der deutschen »Peaceniks«.

Selbst für altgediente Deutschlandkenner scheint die Welt in Old Germany nicht mehr in Ordnung. John McCloy, ehemaliger US-Hochkommissar, ist »erstaunt, wie wirksam die sowjetische Propaganda in diesem Land gearbeitet hat«. Statt gegen Atomraketen und die amerikanische Politik in S.25 El Salvador auf die Straße zu gehen, sollte, so McCloy, die deutsche Jugend »lieber gegen die Berliner Mauer oder die Sowjets in Afghanistan demonstrieren«.

Für George Vest, den langjährigen Leiter der Europa-Abteilung im State Departement, »fehlt dieser Jugend die Motivation«. Dabei werde, ergänzt Vests Kollege Richard Smyser, diese Generation der Westdeutschen »uns Amerikanern noch mal danken, daß wir sie nicht verteidigungslos gelassen haben«.

Dem Politologen William E. Griffith, Autor eines Buches über die Bonner Ostpolitik, erscheint die Kritik an Amerika schlicht als »romantische Revolte gegen die Modernität«. In Deutschland, so der Professor aus Massachusetts, »macht sich eine Art Provinzialismus breit«.

Gereizt ist auch der Ton, wenn deutsche Gesprächspartner Kritik an den politischen Absichten der Reagan-Administration äußern. So kanzelte Haig-Mitarbeiter Lawrence Eagleburger im Juni den SPD-Linken Norbert Gansel ab, als dieser den Willen der Amerikaner bezweifelte, mit den Sowjets ernsthaft über eine Reduzierung der Mittelstrecken-Raketen zu verhandeln: »Sie sind wohl erst zufrieden, wenn der Präsident jede Woche im Shuttle nach Bonn kommt und seine Verhandlungsbereitschaft bekundet.«

In den Medien wird die angebliche Amerika-Feindlichkeit der Westdeutschen ebenfalls kultiviert -- mit zuweilen absurden Behauptungen.

Für John Vinocur, den Bonner Korrespondenten der »New York Times«, ist »Anti-Amerikanismus in der Bundesrepublik die Norm, nicht mehr die Ausnahme«. Im Soldatensender AFN wurden die in Westdeutschland stationierten amerikanischen GIs Anfang Mai aufgeklärt, die »antiamerikanischen Demonstrationen im März und April« seien ein Zeichen, daß der Terrorismus der »Baader-Meinhof-Bande« wiederauflebe.

Zu erklären sind solche Anklagen und abstrusen Behauptungen aus dem tief verwurzelten Bedürfnis der Amerikaner, nicht nur mit ihrem Way of life als Vorbild nachgeahmt, sondern obendrein als Mensch geliebt zu werden. »Der leichteste Tadel«, so beschrieb vor mehr als 100 Jahren der Franzose Alexis de Tocqueville die amerikanische Empfindlichkeit, »verletzt sie, die geringste scharfe Wahrheit erschreckt sie, und man muß sie loben von ihren Ausdrucksweisen bis zu ihren zuverlässigsten Tugenden.«

Daß die eigene Selbstgerechtigkeit bei den Verbündeten zu einer ebenso selbstgerechten, ablehnenden Reaktion führen kann, stößt in den USA weitgehend auf Unverständnis. Kritik wird als böse Absicht mißverstanden.

In Wahrheit sind die Bindungen der Bundesrepublik an die Vereinigten Staaten für nahezu Dreiviertel aller Westdeutschen nach wie vor unumstritten. 72 Prozent erwarten, ermittelte das Meinungsforschungsinstitut Infas im März diese Jahres, daß die Amerikaner der Bundesrepublik in Krisensituationen beistehen; 71 Prozent halten die Anwesenheit der US-Truppen in Westeuropa für notwendig.

Auch das gewohnte Feindbild stimmt noch: »Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung«, stellt Annemarie Renger erleichtert fest, »können noch den Freund vom möglichen Gegner unterscheiden und bewahren sich den Instinkt dafür, daß das eigene Land, wenn schon, aus dem Osten und nicht aus dem Westen bedroht wird.«

Über die Hälfte der Westdeutschen (53 Prozent) will sich »mit den Amerikanern gutstellen«, magere vier Prozent nur fand das Meinungsforschungsinstitut Emnid in der zweiten Jahreshälfte 1980, die das lieber »mit den Russen« täten.

Doch, bei aller Bündnistreue, als Vorbild taugen die Vereinigten Staaten nicht. Gut dreiviertel der Westdeutschen, belegt eine Sinus-Studie, ziehen bei den Themen soziale Sicherung, Umweltschutz, Kindererziehung, Kündigungsschutz und Arbeitnehmer den German way of life den US-Sitten vor. In der »Außenpolitik gegenüber Entwicklungsländern« halten 71 Prozent den eigenen Weg für besser als das US-Vorbild, in der Militärpolitik immerhin noch 62 Prozent.

Das Selbstbewußtsein der Deutschen spiegelt auch ein Infratest-Befund aus dem Frühjahr 1981: 69 Prozent der Bürger wünschen, daß die Bundesrepublik gemeinsam mit anderen europäischen Staaten in Konfliktfällen »vermittelt«, auch wenn die Amerikaner darüber verstimmt sein sollten. Nur 26 Prozent der Bundesdeutschen plädieren daher für eine »bedingungslose« Anlehnung an die Außenpolitik der westlichen Führungsmacht, 52 Prozent lehnen soviel Nibelungentreue ab.

Das zu akzeptieren fällt den Amerikanern nicht zuletzt deshalb so schwer, weil die Deutschen über Jahrzehnte als Musterknaben im westlichen Bündnis galten. Anders als bei ihren Bündnispartnern hatten sich die USA bei den Deutschen an totale Übereinstimmung gewöhnt.

Den Nachkriegsdeutschen war Amerika als Sinnbild von Stärke und Güte erschienen. Die USA wurden, was Günter Graß im nachhinein ein »Blindlings-Verhältnis« nennt, zum Ersatzvaterland einer ganzen Generation. Daß Amerika auch ein Schutzschild wurde, hinter dem die Restauration das geistige Klima in der Bundesrepublik bis heute bestimmt, hat anfangs nur eine Minderheit der Deutschen gestört. So selbstverständlich übernahmen die geschlagenen Kriegsgegner die geistigen und vor allem materiellen Importe der Sieger, so nachahmenswert schien ihnen der amerikanische Traum, daß die traditionellen deutschen Zweifel an der amerikanischen Zuständigkeit für Zivilisation, Kultur und Moral verdrängt wurden.

Solche Zweifel saßen gerade bei den Deutschen besonders tief. Denn lange bevor die Nazis eine politische Massenbewegung wurden, hat es in Deutschland eine anti-westliche Tradition gegeben. Der Widerstand gegen die westliche Form der Modernisierung, das Ideal der vorbürgerlichen »Gemeinschaft« S.26 im Gegensatz zur bürgerlichen »Gesellschaft«, führte zu einer kulturellen Sonderentwicklung. Noch der Soziologe Max Weber sprach von der historischen Mission der deutschen Kultur »zwischen russischer Barbarei und angelsächsischem Materialismus«.

1945 jedoch war es an der Zeit, »neue Hoffnung im Glauben an die lange verhöhnte westliche Humanität« (der Politologe Richard Löwenthal) zu suchen. Marshall-Plan, Care-Pakete und Rosinen-Bomber halfen, die Überlegenheitsgefühle zu verdrängen und die so bereitwillig angebotenen amerikanischen Tugenden zu verinnerlichen.

Dabei lernten die vom Faschismus geistig ausgehungerten Deutschen eine Kulturform kennen, die sie gleichzeitig verachteten und nachahmten. Was an dem großen Abenteuerland Amerika faszinierte, stieß zugleich auch ab: eine Zivilisation, die eine totale Ausdeutung der Welt gleich mitlieferte.

Verbreitet wurde mit Kaugummi, Lucky Strike und Hollywood, mit Coca Cola und Hemingway, mit Micky Mouse, John Wayne und Humphrey Bogart ein Stück amerikanischer Moral: das Recht des Stärkeren und, paradox genug, ein zweites ur-amerikanisches Prinzip, der Anspruch auf Gleichheit und Gerechtigkeit aller.

Wohl gab es auch in den Gründerjahren der Republik Mißtrauen und unterschiedliche Prioritäten zwischen Deutschen und Amerikanern. Schon Konrad Adenauer machte mitten im Kalten Krieg die Sorge zu schaffen, Amerikaner und Sowjets könnten sich auf Kosten der Deutschen zu einem Geschäft zusammenfinden.

Deshalb klagten die Bonner Alliierten energisch ihre »psychologischen Bedürfnisse« ein, erinnert sich Martin Hillenbrand, früherer US-Botschafter in Bonn. Bekenntnisse der Schutzmacht zur Wiedervereinigung und Standardformulierungen zur Sicherheit West-Berlins gehörten zum Ritual der deutsch-amerikanischen Partnerschaft.

Daß die Amerikaner unter John F. Kennedy nur noch begrenzt geneigt waren, bei ihrer Entspannungssuche auf die Bonner Rücksicht zu nehmen, offenbarte 1961 der Bau der Berliner Mauer: Es traf die Bonner wie ein Schock, daß die westliche Großmacht, einem Komplizen gleich, vorab von den Russen in die Baupläne eingeweiht worden war.

Bei solchen Erschütterungen des Vertrauensverhältnisses blieb es nicht. Alljährlich feilschten Amerikaner und Deutsche verbissen um die Stationierungskosten der US-Truppen in der Bundesrepublik.

Und 1964 gerieten die Verbündeten wegen der »Multilateral Force« (MLF) aneinander, einer atomar bewaffneten Überseeflotte, die den Deutschen eine Teilhabe an der Nuklearstreitmacht ermöglicht hätte. Die USA ließen nach heftigem Streit das Projekt fallen, weil sie den späteren Atomwaffensperrvertrag mit den Sowjets nicht gefährden wollten.

Vor allem aber die Bonner Ostpolitik kultivierte im Weißen Haus den Argwohn, die treuen Deutschen könnten abtrünnig werden und in einer Art Rapallo-Mentalität ihren Frieden mit den Kommunisten machen. Es kam, berichtet Kronzeuge Hillenbrand, zu »verstärkter Bitternis« im deutsch-amerikanischen Umgang.

Erst recht war es mit der Harmonie zwischen Bonn und Washington unter Reagan-Vorgänger Jimmy Carter vorbei. Über das deutsch-brasilianische Atomgeschäft, das die Lieferungen von Uran-Anreicherungsanlagen einschloß, kam es 1976 zum handfesten Eklat. Nur wenige Dinge schienen von da an zwischen Deutschen und Amerikanern ganz in Ordnung zu gehen, vieles lief schief.

Was bei Carter nach dem Einmarsch der Sowjets in Afghanistan schon angelegt war, die Europäer zu einer Politik des Boykotts und des Abbruchs wichtiger Verbindungen nach Osten zu zwingen, verstärkte dessen Nachfolger mit seinem schlichten Bild von einer Welt, in der es nur Freunde oder Feinde gibt.

Reagans Aussage, »die Sowjet-Union steckt hinter der Unruhe der Gegenwart«, sollte die europäischen Verbündeten zwingen, sich wie -- zu alten Zeiten des Kalten Krieges -- »den Gesetzen der amerikanisch-sowjetischen Rivalität zu unterwerfen« (Peter Bender).

Wie schon in früheren Jahren machen die Deutschen die Erfahrung, daß die größten Verwerfungen im deutschamerikanischen Verhältnis auf innenpolitische Entwicklungen in den USA zurückgehen. Der Einfluß solcher Veränderungen, wie jetzt die Rückbesinnung Ronald Reagans auf ein »starkes Amerika«, hat noch stets größere Auswirkungen auf die Beziehungen gehabt, als antiamerikanische Stimmungslagen in der Bundesrepublik -- Anti-Amerikanismus wird so zum amerikanischen Erzeugnis.

Schon unter Kennedy, erst recht aber seit Carter und Reagan, ist Amerikas Außenpolitik nicht mehr wie in der Nachkriegsepoche vorrangig auf die Interessen der europäischen Partner abgestimmt. »Europa«, so ein Beamter aus dem State Departement, »spielt im Denken dieser Regierung nur eine untergeordnete Rolle. Unsere Prioritäten liegen woanders.«

Alarmierend für die Europäer muß weniger diese Einsicht als das mögliche Resultat einer schwankenden, auf ideologische Konfrontation gerichteten Politik sein. Das Gefühl, am Gängelband geführt und vielleicht in riskante Abenteuer hineingerissen zu werden, ohne etwas dagegen tun zu können, weckt gerade bei den Deutschen die Angst, fremdbestimmt zu werden.

Als Helmut Schmidt im vergangenen Jahr beiden Supermächten vorhielt, keine »ausreichende Kriegsvermeidungsstrategie« zu haben, gab der Bonner Kanzler damit eine weitverbreitete Stimmung wieder.

Je mehr indessen bei den deutschen Verbündeten die Hoffnung schwindet, den amerikanischen Superpartner mäßigen zu können, desto stärker werden die Widerstände gegen dessen allzu einfaches Weltbild. Die Wiedergeburt der Ressentiments gegen den platten Materialismus und den unverfälschten Glauben in die Machbarkeit der Dinge, droht den Atlantik zwischen Europa und Amerika zu verbreitern.

S.22Vor dem US-Konsulat in Stuttgart.*S.23West-Berliner Jugendliche begrüßen amerikanische »Rosinenbomber"während der Blockade.*S.24In Kassel.*S.25Im Mai in Washington.*

Richard Kiessler
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