Zur Ausgabe
Artikel 64 / 92

BÜCHER Wange hinhalten

Erika Schilling: »Manchmal hasse ich meine Mutter«. Tende Verlag, Münster; 204 Seiten; 19,80 Mark.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Erika Schilling, Jahrgang 1921, ist die Mutter von Alice Schwarzer. Beruf hat sie keinen, sie ist »Tochter und Mutter«, dies hat ihre »Zeit und Kraft gekostet« und ihr dazu verholfen, ebenfalls der Frauenbewegung zu dienen. In Vorlesungen und Gesprächen bewegt S.136 sie andere Frauen dazu, gegen ihre Mutter und die von dieser überlieferte Rolle aufzubegehren. Erika Schillings stereotype Frauen-Frage lautet: »Haßt du manchmal deine Mutter?«

Die Antwort darauf ist durch die Bank bejahend. Drum hat Mutter Schilling sie zum Titel des Buches gemacht, in dem sie die von ihr herausgeforderte und auf Band gezogene dreizehnfache Abrechnung mit Müttern und Übermüttern ausbreitet.

Die unterdrückten Gefühle, zu denen längst selber wieder Mutter oder mütterlich gewordene Töchter sich da bekennen, sind von solch versteckter Bitterkeit, daß die Frage nach einem eventuellen Haß nachgerade verniedlichend wirkt.

Drei kardinale Anklagen werden in Variationen erhoben:

* Die Mütter haben ihren Töchtern zu wenig Zärtlichkeit gespendet.

* Mutters Werk ist es, wenn sich in der Tochter lebenslängliches und Lebensglück verhinderndes Mißfallen am eigenen Körper und der eigenen Geschlechtlichkeit entwickelte, welches die Töchter dann wieder in ihre Töchter pflanzen.

* Die Mütter entlassen die Töchter niemals wirklich aus ihrer Macht und impfen ihnen unweigerlich das Mutterprogramm wieder ein, unter dem sie selber gelitten haben und leiden.

Größter, offenbar kaum erfüllbarer Wunsch mancher Töchter ist es, »einmal mit meiner Mutter offen reden zu können«, so klagt es etwa eine Großbürgerstochter namens Katja, die schmerzlich unter dem Koitus leidet und sich ekelt vor der Vagina. Unauslöschlich prägt Töchter diese Unerreichbarkeit der eigenen Mutter. Sogar am Geburtstag habe sie »nur die Hand gegeben«, erinnert sich die 50jährige lesbische Arbeiterin Josefine.

Um sich selber errichten die Müttergeformten dann unwillkürlich gleichfalls »eine Mauer«. Die 31jährige geschiedene Hausfrau Ulrike etwa tut das. Sie mag sich selber nicht und dressiert ihre zwei kleinen Töchter prompt auf die ihr selbst verhaßte Mutterrolle.

Manchmal rechnen Töchter noch mit Mutters Mutter ab. So wird der Mutter der Großbürgerin Gerda von einer Enkelin bescheinigt, sie habe »viel angerichtet bei ihren Kindern«, habe »nur ihre parfümierte Wange hingehalten«. Doch entwickle sie nun auf einmal den erwachsenen Töchtern und Enkeltöchtern gegenüber »Sehnsüchte«. Da aber könne ihr jetzt »keiner mehr etwas geben«.

Distanz und Härte, so klagt die unter vielerlei psychosomatischen Beschwerden leidende 40jährige Wissenschaftlerin Petra, habe die Mutter ausgestrahlt. Demzufolge könne sie selber nicht weinen, habe »als Kind nicht geweint«. Ihre Mutter habe sie zum erstenmal weinen gesehen, »da war sie sechzig«. S.137

Väter, selbst welche die schlugen, kommen in solchen Berichten in der Regel besser weg. Die Tochter der Arbeiterin Josefine hat nicht vergessen, wie ihr von der Mutter bereits geschiedener Vater einzig wieder ins Haus gerufen wurde, um das Kind zu vertrimmen. Mit seinen Bitten, ihm diesen Auftrag zu ersparen, sei er bei der Mutter aber nicht durchgekommen.

Daß die Mütter ihr insgeheim empfundenes Liebesversagen gegenüber den Kindern kompensierten durch ein geradezu heroisches soziales Engagement, wird von den Töchtern einerseits kritisch erkannt. Andererseits bewundern und verklären sie es.

Wie »eine Heilige« erschien Maria, einer 61jährigen Berliner SPD-Parlamentarierin, die große Bezugsperson, von der sie keine Zuwendung bekam. Dieser frommen Mutter zu Ehren hat sie, die weniger fromme Tochter, ihre Tochter taufen lassen auf den so christlich klingenden Namen Christine.

Zur Übermutter scheint sie selber wieder geworden: In politischen Ämtern verausgabt sie sich freudig, beschäftigt einen Sohn als ihren Assistenten, beherbergt die verheiratete Tochter in ihrem Haus und findet es gut so. Des Kindes Ehemann, ein Offizier, komme ja wirklich nur zum Wochenende.

Im Interesse ihres Selbstwertgefühles, weiß Erika Schilling, müssen die Töchter die Mütter verteidigen, »was unsere Mütter uns auch antun«. Die Mütter sitzen unaustreibbar in den Töchtern drin.

Frau Schilling kann nicht sagen, wie diesem ewigen Umgang abzuhelfen sei. Dem Gedanken, daß auch Söhne, und die sogar noch hoffnungsloser, in der Mutterbindung zappeln, gibt sie nicht Raum. Die Klagemauer dieser Emanzipation ist reserviert für Frauen. Und am Ende der Klagen regt sich immer wieder Mitgefühl: nicht mit dem Muttergeschöpf Mann, sondern mit den Müttern als den Opfern der Männergesellschaft.

Frau Schilling hat ihr Buch für Margarethe, ihre Mama geschrieben, von der sie sich politisch angeregt, körperlich abgelehnt, in »starken Berührungsängsten« isoliert fühlte.

Für »eine böse Frau« habe die gegolten. Dabei sei sie doch »nur unglücklich« gewesen. Die Mutter-Tochter und Tochter-Mutter Erika Schilling weiß, wie derlei sich zwingend fortsetzt, selbst für den Fall, daß eine Tochter um jeden Preis das Gegenteil von Mutter sein und machen wolle.

Mütter und Töchter und die Töchter der Töchter bringt sie, dies erweisend, durch liebevolle, aber einengend stereotype Fragen zum Reden.

Der eigenen Tochter wagt sie keine Fragen zu stellen. Die und ihr Mutterhaß bleiben tabu. Wie gesagt: Alice Schwarzer ist ihr Name.

Peter Brügge

Zur Ausgabe
Artikel 64 / 92
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.