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Briefe

Wankender Mythos
aus DER SPIEGEL 29/1993

Wankender Mythos

(Nr. 27/1993, SPIEGEL-Titel: Der Todesschuß von Bad Kleinen)

Aus der moralischen und geistigen Erneuerung wurde eine neue Reality-Show zum Mitmachen geboren. »Wer war's? Wie geschah's? Was war los?« Der Clou: echte Tote. Das Volk ist aufgerufen mitzuraten. *UNTERSCHRIFT: Bad Karlshafen (Nieders.) CLAUS FISCHER

Sie vergessen ganz, daß es sich bei Grams und Hogefeld um zwei mutmaßliche Top-Terroristen aus der Kommandoebene der RAF handelt. Es handelt sich also keineswegs um ein Versagen der Terrorfahnder, sondern um einen großen Erfolg im Kampf gegen den Terrorismus, an dem die GSG 9 einen großen Anteil hat. *UNTERSCHRIFT: Hamburg DANIEL GROHE

Es ist nicht zu fassen. Wenn in diesem, unserem deutschen Vaterland Ausländer bei lebendigem Leibe verbrannt werden, sieht diese Regierung keine ernsthafte Notwendigkeit, jene Verbrechen vorausahnend zu vereiteln. Wird hingegen ermittelt, daß RAF-Terroristen in einem Dorfbahnhof umherschlendern werden, wird die GSG-9-Elite blitzartig in ihre Hubschrauber befohlen, als hätten jene Staatsfeinde bereits Mecklenburg erobert. Doch damit nicht genug der Verlogenheit. Diese Aktion hat auch noch Hinrichtungscharakter. Selten eine dermaßen niederträchtige Doppelmoral erlebt. *UNTERSCHRIFT: Uhldingen-Mühlhofen (Bad.-Württ.) JÖRG KOTTHAUS

Durch die unrühmlichen Ereignisse von Bad Kleinen gerät der strahlende Mythos der glorreichen GSG-9-Truppe endgültig ins Wanken. *UNTERSCHRIFT: Erlangen MICHAEL MARQUARDT

Der wahre Hergang, und somit die Identifizierung des Täters, wird nie geklärt werden. Zu viele Positionen, Ämter und Einkommen hängen an der Unwahrheit. *UNTERSCHRIFT: Berlin CARSTEN GERLITZ

Die Sondereinsatzkommandos (GSG 9, SEK, MEK) haben als Peer-groups innerhalb der Polizei ein gefährliches, rechtsstaatlich mehr als fragwürdiges Eigenleben entwickelt. Ihr Agieren gehört unter die unmittelbare Kontrolle einer unabhängigen politischen Instanz, die nur dem Parlament gegenüber verantwortlich ist. Bei der Aktion gegen die mutmaßlichen RAF-Terroristen sind alle Eigensicherungsvorschriften für Polizeibeamte aufs sträflichste mißachtet worden. Hätte der junge GSG-9-Beamte bei seinem Einsatz eine (Leicht-)Schutzweste getragen, könnte er mit Sicherheit noch leben. *UNTERSCHRIFT: Castrop-Rauxel JÜRGEN BUGLA Bundesarbeitsgemeinschaft Kritischer Polizistinnen und Polizisten

Allein die Tatsache, daß Grams selbst das Feuer auf die GSG-9-Männer eröffnet hat, entlastet jeden dieser tapferen Männer. Dabei ist völlig belanglos, wie er getötet wurde. *UNTERSCHRIFT: Grömitz HEINZ EHLERT

Allmählich bekomme ich es mit der Angst zu tun - nicht vor der RAF, sondern vor einer Polizei, die mit Rechtsbrüchen beziehungsweise Duldung selbiger massiv rechte Politik betreibt, die technisch hochgerüstet ist wie in keinem totalitären Staat, die offensichtlich vom Staat nicht mehr kontrolliert werden kann. *UNTERSCHRIFT: Bergen (Nieders.) PETRA VOGELSANG

Jedem Straftäter und jedem mutmaßlichen Terroristen steht in unserem Land ein faires Gerichtsverfahren zu; die Todesstrafe ist längst abgeschafft. *UNTERSCHRIFT: Karlsdorf (Bad.-Württ.) SIMONE MESSNER

Ein Bravo unseren pflichterfüllenden, knallharten, polizeilichen Staatsdienern! *UNTERSCHRIFT: Gundelfingen (Bad.-Württ.) HEINRICH HOCHFELD

Die Rambo-Greifereinheit »Helden von Mogadischu« GSG 9 gehört sofort aufgelöst. *UNTERSCHRIFT: Bottrop WERNER VAN BEBBER

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