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BELGIEN Warm ums Herz

Die Wallonen wollen Amerikas Cruise Missiles gern, die Flamen protestieren dagegen. *
aus DER SPIEGEL 1/1985

Die Resistance haust in einem winzigen Schreinerladen am unteren Ende der Straße nicht weit vom Rathaus entfernt. Benoit Van Den Heeden, 22 Jahre alt und Kriegsdienstverweigerer, zimmert dort Möbel aus Kiefernholz nach skandinavischem Muster, wie sie junge Leute lieben.

Das Geschäft mit der Tischlerei läuft gut. Aber das, worum es Van Den Heeden eigentlich geht, läßt sich nur schwer verkaufen. Der junge Schreiner arbeitet nämlich für die »Kampfbewegung zur Erhaltung von Florennes« - eine Handvoll wallonische Pazifisten, die zum Kampf gegen die Nato-Nachrüstung in Belgien angetreten sind.

In drei Monaten, so sieht es die Planung des atlantischen Bündnisses vor, soll Belgien damit beginnen, seinen Anteil an der 1979 beschlossenen Nachrüstung zu übernehmen: 48 amerikanische Cruise Missiles, die auf dem Fliegerhorst von Florennes 70 Kilometer südlich von Brüssel aufgestellt werden sollen.

Unter den 4100 Einwohnern des Städtchens gibt es nur neun oder zehn, die wirklich gegen die Raketen seien, meint der Chef des Gendarmerie-Postens: »Wir kennen sie alle, sie sind harmlos.« Benoit Van Den Heeden räumt ein, daß er und seine Freunde sich schwertun. »Die Leute wollen nicht auf uns hören, weil die Amerikaner sie mit ihren Dollars korrumpieren.«

Denn seit Jahren leidet Florennes unter der Wirtschaftskrise, die vor allem die alten Industriereviere im südlichen wallonischen Teil Belgiens getroffen hat. In den Kohlezechen und Stahlfabriken im nahen Charleroi haben Tausende ihre Jobs verloren, die Arbeitslosenzahl der Region liegt bei 20 Prozent - auch für belgische Verhältnisse enorm.

Die Geschäfte in Florennes spüren die nachlassende Kaufkraft. Da kommen die Amerikaner als neue Kunden gerade recht. Fast 800 von ihnen leben schon in Florennes, um die Stationierung vorzubereiten. Wenn die Atomwaffen da sind, sollen es 1500 GIs sein. Die Gemeinde will am Ortsrand 650 neue Wohnungen für sie hochziehen.

Die US-Militärs, sagt Bürgermeister Louis Timmermanns, hätten schon 200 Einheimische eingestellt, und sie brauchten später noch mehr: Fahrer, Köche, Übersetzer, Putzfrauen.

Als die ersten Amerikaner ankamen, machten sie gleich ein Informationsbüro auf und verteilten Bewerbungsformulare. »Die Leute standen Schlange, nach zwei Tagen waren 1500 Formulare weg«, erzählt Francis Evrard, Geschäftsführer der Sparkasse, die auf einen flotten Tauschhandel mit Dollars hofft.

Die kleine US-Truppe unter dem Kommando von Colonel Reed wurde für den Einsatz in Belgien eigens psychologisch geschult. Die Soldaten, überwiegend hochqualifizierte Techniker, lernen Französisch in Sonderkursen, spielen Basketball und Tischtennis mit den

Sportvereinen vom Ort, und einer bläst im Musikzug von Florennes die Posaune.

»Ich sehe, daß die sich ordentlich benehmen und Geld ausgeben«, sagt der Bürgermeister. »Was will man mehr?«

Daß die Amerikaner bei den Wallonen so beliebt sind, hat auch historische Gründe. In Florennes hat niemand den 3. September 1944 vergessen, als die US-Truppen die Stadt von den Deutschen befreiten.

Bevor sie abrückte, legte die Wehrmacht noch Brände in der Stadt. Den Flugplatz, auf dem die Marschflugkörper jetzt aufgestellt werden sollen, hatten belgische Zwangsarbeiter 1943 für die deutsche Luftwaffe bauen müssen.

Im Winter 1944/45 stoppten die GIs noch einmal Hitlers Divisionen, als die bei ihrer Ardennen-Offensive erneut in Südbelgien einfielen. Überall zwischen Maas und deutscher Grenze gedachten die wallonischen Dörfer in den vergangenen Wochen ihrer amerikanischen Verteidiger, von denen damals fast 10 000 in Belgien fielen.

Solche Erinnerungen, kombiniert mit der Hoffnung auf ein lokales Wirtschaftswunder, lassen der Friedensbewegung in Florennes keine Chance. Belgiens Pazifisten sind im Norden des Landes zu Hause, in Flandern.

Dort ist das Militär nie sonderlich populär gewesen. Während die flämischen Bauernsöhne stets das Gros der Rekruten für Belgiens Armee stellten, kamen die Offiziere, die sie befehligten, bis in die 50er Jahre zu zwei Dritteln aus den französischsprachigen Landesteilen.

Wohlweislich hat die Regierung in Brüssel nie im Ernst daran gedacht, die Marschflugkörper auf einen flämischen Stützpunkt zu legen. Die Flamen, denen die französischsprachigen Wallonen gern einen Hang zum Mystizismus nachsagen, sind von den Erfolgen der Friedensbewegung in Holland fasziniert. Keine flämische Partei, noch nicht einmal die stramm rechte Volksunie, mag sich ernsthaft für die Atomwaffen auf belgischem Boden stark machen.

Die Abneigung der Flamen gegen die »Kruisraketten« hat jetzt Ministerpräsident Wilfried Martens und sein Außenminister Leo Tindemans, beide flämische Christdemokraten, in Verlegenheit gebracht. Obwohl Belgiens Regierung bei der Nato im Wort steht, im März 1985 mit der Nachrüstung zu beginnen, verlangt die Christliche Volkspartei (CVP) Aufschub.

Wenn die Regierung im März stationiere, droht der Vorsitzende der CVP-Fraktion im Brüsseler Parlament, Luc Van Den Brande, würden seine Abgeordneten vorzeitige Neuwahlen erzwingen.

Und Partei-Chef Frank Swaelen fordert, erst einmal abzuwarten, welchen Verlauf denn die neuen Gespräche zwischen Sowjets und Amerikanern nähmen, die im Januar in Genf wiederaufgenommen werden.

Die Reden brachten Swaelen eine Einladung zum Frühstück mit US-Botschafter Geoffrey Swaebe ein. Tags darauf durfte er mit Bonns Vertreter Christian Feit speisen. Vergebens appellierten die beiden Diplomaten an die Bündnissolidarität des belgischen Politikers. Wenn Belgien die Stationierung hinauszögere, so fürchten die Regierungen in Bonn und Washington, würden sich die ohnehin zaudernden Niederländer vollends weigern.

Der Grund für den Wankelmut des Christdemokraten ist leicht zu erkennen: Swaelen fürchtet einen Denkzettel bei den Parlamentswahlen im Dezember 1985, wenn die Regierung vorher die Stationierung freigibt. Schon bei der Europa-Wahl im Juni wurden die Christdemokraten, in Flandern traditionell stärkste Partei, erstmals hart von den Sozialisten bedrängt. Die aber haben sich gegen die Aufnahme der Atomraketen festgelegt.

Martens und Tindemans wollen ihre endgültige Entscheidung erst im März treffen, unmittelbar vor dem geplanten Beginn der Nachrüstung. Mitte Januar wollen die beiden belgischen Spitzenpolitiker erst mal zu US-Präsident Ronald Reagan nach Washington reisen und um Verständnis für ihre Not werben. Doch George Shultz hat ihnen bereits den Rückweg abgeschnitten: Ein Moratorium der Belgier, so der US-Außenminister bei der Nato-Tagung in Brüssel im Dezember, werde die Verhandlungsposition der USA in Genf schwächen.

Der Raketen-Streit gibt Flamen und Wallonen wieder mal Gelegenheit, ihrer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen - boshafte Überlegungen über den Volkscharakter der jeweils anderen Sprachgruppe anzustellen.

Die Flamen versichern allen Ernstes, die Wallonen wehrten sich nur deshalb nicht gegen die Raketen, »weil sie von Natur aus träge« seien. Die Wallonen wiederum erklären den Erfolg der flämischen Friedensbewegung mit dem »angeborenen Irrationalismus« der Flamen.

Florennes' Bürgermeister Timmermans findet zudem, daß seine Landsleute aus dem Norden notorische Heuchler seien. Denn während im vergangenen Jahr die Flamen zu Tausenden nach Florennes strömten, um zu demonstrieren und Menschenketten zu bilden, bewerben sich flämische Unternehmer jetzt, wo die Amerikaner da sind, heimlich um Bauaufträge für Bunker und Silos für die Marschflugkörper.

Den US-Offizieren, für die Schmähungen und Demonstrationen in Europa längst vertraute Erfahrungen sind, wurde es richtig warm ums Herz, als sie nach Florennes kamen. So herzlich, versicherte Colonel Reed dem Bürgermeister Timmermans ganz verblüfft, sei er noch nirgendwo empfangen worden.

[Grafiktext]

NIEDERLANDE Antwerpen FLANDERN Brüssel BELGIEN Namur Charleroi WALLONIEN Florennes Hier sollen die 48 Cruise Missiles (Marschflugkörper) stationiert werden LUXEM-BURG FRANKREICH 50 Kilometer

[GrafiktextEnde]

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