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FRANKREICH / GROMYKO Warmer Wind

aus DER SPIEGEL 19/1965

Im Uhrensaal des Quai d'Orsay hallten Moskauer Trinkkommandos. Sowjet-Außenminister Andrej Gromyko trank auf de Gaulles Außenminister Couve de Murville und animierte 25 Tischgenossen, »ihr Glas, wenn möglich, auf einen Zug zu leeren«.

24 Stunden später mahnte Frankreichs Staatsgeneral seine Landsleute über Funk und Fernsehen: »So groß das Glas auch sein mag, das man uns von außen reicht, wir ziehen vor, aus dem unseren zu trinken.« Frankreich, so de Gaulle, wolle keine Hegemonie, von wem immer sie ausgeübt werde.

Das negative Echo auf seinen Russen -Flirt in den vergangenen Frühjahrswochen, der selbst die treuesten Anbeter am Rhein erschauern ließ, hat Charles de Gaulle ganz offenbar bewogen, mit der Verlobung noch zu warten.

Schon als der Kreml - Sendbote Gromyko am vorletzten Sonntag um 16 Uhr in Orly aus seiner »Iljuschin 18« -Nummer 75 562 - kletterte, erwarteten ihn außer Couve de Murville nur vier rote Orly-Hostessen, vier rote Fahnen und 14 Polizisten: der kleinste für einen Staatsgast im Ministerrang vorgesehene Bahnhof - allerdings immer noch größer als für den deutschen Außenminister und Generalgegner Gerhard Schröder, der bei seiner Dezember-Visite in Paris mit einem Kleinbus vom Flugzeug abgeholt worden war.

Der Außen-Russe unterbreitete seinem Gesprächspartner Couve die sowjetischen Vorschläge für Deutschland:

- Beiden Teilen Deutschlands soll eine

Beschränkung der Rüstung auferlegt werden.

- Die Vier-Mächte-Verantwortung in der Deutschlandfrage soll nur noch zu Kontrollzwecken, aber nicht mehr für die Wiedervereinigung gelten.

- Mitteleuropa soll eine atomwaffenfreie Zone werden.

Couve de Murville nahm Kenntnis und verwies seinen Gast höflich auf das nachfolgende Tête-à-tête mit dem Präsidenten. Aber auch de Gaulle hörte sich den Sowjetminister nur kommentarlos an, als er ihm am letzten Dienstagnachmittag nur in Gesellschaft des Dolmetschers Constantin Andronikof gegenübersaß und seine Deutschland -Vorstellungen entwickelte.

Als die roten Gäste in das Schlußkommuniqué den Satz aufnehmen wollten, Bonn müsse zunächst Deutschlands heutige Grenzen anerkennen, wehrten sich die Franzosen, obwohl de Gaulle selbst einen solchen Satz schon mehrmals proklamiert hat. Den Vorschlag einer atomwaffenfreien Zone in Mitteleuropa ins Kommuniqué einzubauen, lehnte Couve ebenfalls ab.

»Ein warmer Wind heizt seit einiger Zeit die russisch-französischen Beziehungen an«, hatte Gromyko im Uhrensaal verkündet. Doch der General fand, es sei Zeit für eine kühle Brise. Charles de Gaulle lehnte es ab, mit dem Mann aus Moskau zu dinieren. Während sein Minister für Verwaltungsreform, Louis Joxe, Gromyko Paris zeigte, speiste der General mit dem Fürstenpaar aus Monaco.

Paris-Besucher Gromyko

Wessen Glas leeren?

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