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RUDOLF AUGSTEIN »Warnschläge, präzise, wirksam und begrenzt«

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Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 52/1987

Ein Gespenst geht um in Mitteleuropa. Frankreich und die Bundesrepublik, sie sollen militärisch enger zusammenrücken, ja, Frankreich soll die Verteidigung der Bundesrepublik und West-Berlins atomar abdecken. »Die BRD kriegt ein atomares Schutzschild aus Frankreich«, kommentiert die »taz« dieses französische Vorhaben.

»Ein atomares Schutzschild« - vielleicht ist das diesmal kein Fehler des »taz«-berühmten »Säzzers«. Denn einen atomaren Schutzschild können uns die Franzosen nun einmal bei allem guten oder allem schlechten Willen nicht bieten. Aber das tun sie neuerdings. Ihr Premierminister Jacques Chirac erklärte in einer Grundsatzrede: _____« Wer kann nun noch daran zweifeln, daß Frankreichs » _____« Einsatz, falls die Bundesrepublik Opfer eines Angriffs » _____« wäre, sofort und vorbehaltlos erfolgen würde? »

Nun, daran kann man nicht nur, daran muß man zweifeln. Wo bleibt die gallische Logik? Frankreichs »Force de frappe« macht nur dann Sinn, wenn sie dazu bestimmt ist, allein französischen Boden zu verteidigen.

Zwar kann es keine Schlacht um Frankreich geben, ohne daß es gleichzeitig oder vorher eine Schlacht um Deutschland gäbe. Aber einen kurzzeitigen Einmarsch in West-Berlin oder einen Krieg auf westdeutschem Boden, der Frankreich nicht erreichte: Den kann es sehr wohl geben.

Die deutsch-französische Zusammenarbeit, die auch uns eine Menge bringt, ist die eine, die unerläßliche Sache. Aber Gott schütze uns vor dem atomaren Schutzschild der Franzosen, besonders vor ihrem »Warnschlag«, der »präzise, wirksam und begrenzt« sein soll.

Wir Westdeutschen und wir West-Berliner wären verrückt, wenn wir der französischen Abschreckung mehr vertrauen würden als der von den USA versprochenen. Und daß ein französischer Abschreckungsschirm den amerikanischen durchlöchern würde, läge in der Natur der Sache. Die USA werden sich das Gesetz des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen. Im Ergebnis wäre das nicht mehr, sondern weniger Sicherheit. Hätte Frankreich den Schlüssel zum atomaren Krieg in der Hand, so wäre die Sowjet-Union - naturgemäß - weniger »abgeschreckt« (wenn es denn eine wirksame Abschreckung überhaupt gibt).

Hier wird ein unkeuscher Handel angebahnt. Die Bundesrepublik soll wirtschaftliche Zugeständnisse machen, und Frankreich bietet uns die scheinbare Sicherheit großer Worte. Denn Wahlkampf ist, Chirac will anstelle Mitterrands Präsident der Republik werden. Als Mitterrand selbst 1981 Präsident werden wollte, war er aus Gründen der inneren Opportunität nicht für, sondern gegen die »Force de frappe«.

Frankreich, das solidarische Mitarbeit in der Nato weiterhin ablehnt, Frankreich, dies in zwei Weltkriegen ausgelaugte Land, soll, so müssen wir Chirac verstehen, sein atomares Schicksal mit dem der Bundesrepublik verschmelzen? Das sind Träume und Schäume. Und wo, bitte schön, sollen diese Feuerwerkskörper disloziert werden? Indirekt ergibt sich das aus ihrer Aufgabe: Der »Warnschlag« soll »soweit wie möglich in der Tiefe der gegnerischen Verbände« erfolgen. Nahe liegt der Gedanke, daß die Raketen auch »soweit wie möglich« in Richtung Osten stationiert werden. Wo wohl? Doch nicht auf dem Gebiet der DDR?

Die Verfassung de Gaulles erlebt hier ihre schwerste Belastungsprobe. Präsident Mitterrand will statt dessen nämlich, so deutet er an, französische Neutronenbomben als »Gefechtsfeldwaffen« in der Bundesrepublik stationieren lassen. Er allein behält sich den Einsatzbefehl vor, das ist seine private Abschreckung.

Wenn es auch wahr sein mag, daß Hitler Frankreich schlimmer verwüstet hat als Bismarck und Wilhelm, so hat doch dies mit Hitler nichts mehr zu tun. Die nächste militärische Katastrophe wird schlimmer sein als die von Hitler ausgelöste. Allgemach können auf deutschem Boden Familien Kaffee kochen, und man ist entgegen innerster Überzeugung, versucht, sich Atomwaffen für die Bundeswehr zu wünschen.

Francois Mitterrand, ein klassischlinker Deutschen-Feind von ehedem, nimmt immer noch die vernünftigere Position ein. Die konventionelle Bewaffnung schrumpft auch in seiner Konzeption. Aber warum?

Deshalb: Mitterrand fürchtet eine stärkere konventionelle Verteidigung, weil sie »Deutschland wieder zu einem sehr mächtigen Partner, ja zu einem unverzichtbaren Partner« machen würde.

Sieh an, sieh an. Mit »Deutschland« meint er wohl die Bundesrepublik. Da können sie in Kathedralen posieren, da können sie Händchen halten, und die Deutschen sind dabei sogar echt ergriffen. Aber ein »unverzichtbarer Partner«, das darf sogar der Teilstaat Bundesrepublik partout nicht werden.

Mitterrand hat das nicht in einer Weinlaune gesagt, sondern vor dem Royal Institute of International Affairs in London. Das ist die Realität de Gaulles. Das Satyrspiel folgt: Der höchste Franzose, der kein Deutsch kann, gipfelt mit dem deutschen Bundeskanzler, der nicht Französisch spricht, und beide beklagen sie die schweren Sprachschwierigkeiten zwischen beiden Ländern.

Fazit: Es ist besser, Verbündete zu haben als keine. Aber dies sind schon sonderbare Verbündete.

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