Zur Ausgabe
Artikel 31 / 74

ENGLAND / BERLIN-KRISE Warnung aus Cardiff

aus DER SPIEGEL 10/1963

Freudig nahmen die Regierenden am

Rhein nach allem Kummer mit Frankreichs konservativem Ultra Charles de Gaulle Anfang letzter Woche die Gelegenheit wahr, sich endlich wieder einmal über einen ausländischen Sozialisten entrüsten zu können.

»Bestürzung und Befremden« bekundete CDU-Fraktionssprecher Eduard Ackermann, nachdem in Bonn publik geworden war, was der jüngst gekürte neue Führer der britischen Labour -Partei, James Harold Wilson, vor linken Studenten im walisischen Cardiff zum Berlin-Problem verkündet hatte.

»Verhandlungen über Berlin sind dringend nötig«, hatte der Labour-Chef befunden. Und, was in deutschen Ohren durchaus angenehm klang: »Der freie Zugang nach Berlin muß durch mehr als papierene Garantien gesichert werden.«

Um dies zu erreichen, wäre es nach Wilsons Ansicht aber angemessen, wenn der Westen Konzessionen machte. Als mögliche Zugeständnisse nannte der britische Oppositionsführer

- eine De facto-Anerkennung der Sowjetzone und,

- die Anerkennung der Oder-Neiße-Linie und der Grenze mit der Tschechoslowakei.

»Es wäre aufschlußreich«, ließ sich CDU-Ackermann anderntags in Bonn vernehmen, »was die, Sozialdemokraten dazu zu sagen haben.«

Auch die deutschen Sozialdemokraten fanden die Äußerungen des englischen Gesinnungsfreundes betrüblich und beauftragten ihren Wehrexperten Fritz Erler, der am Montag vergangener Woche zu einem langgeplanten Besuch nach London flog, Wilsons Berlin-Vorstellungen zu berichtigen.

Das Ergebnis, das in Bonn Regierung wie Opposition gleichermaßen erregte, wurde in England selber kaum vermerkt: _

Weder die gewissenhafte »Times« noch der »Daily Herald« und nicht einmal der deutschfeindliche »Daily Express« fanden es wert, Wilsons Cardiff -Äußerungen auch nur zu registrieren.

Grund der Zurückhaltung: Der neue Labour-Führer hatte in Cardiff 'einen alten Hut aufgesetzt. Er hielt sich bei seinen Bonn sensationell erscheinenden Erklärungen streng an eine offizielle Parteiresolution, die - mit Billigung des im Januar verstorbenen Parteichefs Gaitskell - bereits im Oktober 1961 auf dem Labour-Parteitag in Blackpool beschlossen worden war. Um die Freiheit Westberlins und den freien Zugang zur Stadt zu sichern, sollten, so hatte die Arbeiterpartei schon damals erklärt, »die Westmächte bereit sein, die gegenwärtigen Ostgrenzen Deutschlands anzuerkennen, ein gewisses Maß von De-facto-Anerkennung des Regimes in Ostdeutschland zu akzeptieren und ein Abkommen über Rüstungsbeschränkung in Mitteleuropa,

einschließlich des Verbots von Atomwaffen, vorzuschlagen«.

In der Berlin-Debatte des britischen Unterhauses im Juli 1962 präzisierte Labours damaliger außenpolitischer Sprecher - Harold Wilson - diese Vorschläge und verknüpfte sie mit der Anregung, die Uno-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) nach Berlin zu verlegen.

Argumentierte Wilson: »Diese Organisation erhält ständig Besuche aus Asien und Afrika - und lange könnten FAO und Mauer in Berlin nicht koexistieren.«

Die Mauer hatte der Labour-Sprecher kurz zuvor als Führer einer Delegation von 45 sozialistischen Unterhausabgeordneten an Ort und Stelle besichtigt.

»Man muß die Mauer in ihrem dreidimensionalen Schrecken selbst, sehen,

um zu begreifen, was sie ist«, schilderte er dem? Unterhaus damals seine Eindrücke. »Sie muß so bald wie möglich verschwinden. Wenn der Westen zehn Milliarden Dollar ausgeben und sämtliche Publizisten der westlichen Welt mobilisieren würde, könnte er sich keine so eindrucksvolle Propagandawaffe ausdenken wie die Mauer - und 'die Russen wissen das.«

Berlin-Besucher Wilson beschrieb dem Unterhaus, wie drei Frauen aus Ostberlin seiner Delegation verstohlen über die Mauer zugewinkt hätten. »Die erste Reaktion einiger von uns bestand in dem spontanen Wunsch, mit einem Hundert-Tonnen-Panzer gegen die Mauer zu fahren«, bekannte er freimütig. Und: »Wir konnten die Gefühle der Berliner gut verstehen.«

Soviel Einfühlungsvermögen Wilson in das Schicksal der Berliner damit bekundete, sowenig Verständnis zeigte der stets mit dem antideutschen linken Labour-Flügel sympathisierende Intellektuelle für die Bonner Absichten, dem Berlin-Problem von einer Position der - möglichst atomaren - Stärke aus zu Leibe zu rücken.

Ende Januar - nach dem Tode Gaitskells, aber noch vor der Wahl zum Parteivorsitzenden - zog Wilson daher im Unterhaus gegen jedwede europäische- Atommacht los, weil sie seines Erachtens ungeheure nationalistische Gefahren heraufbeschwören würde.

Eine europäische Nuklearmacht, sorgte sich Wilson, der demnächst Chruschtschow besuchen wird, könnte »die Sowjet-Union vor die provokativste Herausforderung stellen, die sich der Westen in seinem Wahnwitz ausdenken kann: eine Nuklearmacht, an der Deutschland beteiligt, die vielleicht von ihm beherrscht wäre«.

Wilson fühlt sich, wie, er wiederholt äußerte; von der Vorstellung erschreckt, daß eine deutsche Beteiligung an einer kontinentalen Atommacht jede Hoffnung auf eine Verminderung der Ost-Spannungen zunichte machen würde.

Unmißverständlich verkündete er deshalb im Unterhaus: »Ich möchte völlig klarmachen, wo die Labour-Partei steht. Wir wehren uns bedingungslos, heute und immer, gegen jeden Vorschlag, daß Deutschland - ob West- oder Ost deutschland - direkt oder indirekt einen Finger am Nuklear -Abzug hat.«

Noch, im vorigen Monat maß die Bonner Regierung solchen Bekundungen des britischen Oppositionssprechers nur geringe Bedeutung

bei. Daß die pointierten Erklärungen Wilsons plötzlich für die Bundesrepublik an Gewicht gewonnen haben, hat einen doppelten Grund: Wilson ist nicht nur zum Chef der britischen Sozialisten aufgerückt, sondern wird möglicherweise im nächsten Jahr in Downing Street 10, den Amtssitz des britischen

Premiers, einziehen.

Eine in der vergangenen,Woche von der konservativen »Daily Mail« veröffentlichte Meinungsumfrage ergab, daß gegenwärtig 59,3 Prozent der Briten der Überzeugung sind, Labour würde die spätestens im Herbst 1964 fälligen Wahlen gewinnen.

Dann aber könnten die jetzt noch unverbindlichen Ansichten des Oppositionsführers zur offiziellen Politik der Regierung Großbritanniens werden.

Die Unruhe in Bonn angesichts so unerfreulicher Zukunfts - Perspektiven wurde in der letzten Woche durch eine Meldung der amerikanischen Nachrichten-Agentur UPI aus Washington noch verstärkt. »Die Berlin-Vorschläge Wilsons«, so berichtete UPI unter Berufung auf das State, Department, »sind von den amerikanischen Vorstellungen über eine Lösung des Berlin-Problems nicht allzuweit entfernt.«

Neuer Labour-Chef Wilson: Pankow anerkennen

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 74
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.