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UNTERNEHMEN / MEERESFORSCHUNG Warnung vor Bohnen

aus DER SPIEGEL 39/1968

Der leitende Angestellte Dr. Jürgen Dorschel, 33, Projektleiter bei der Dampfkessel-Schmiede Deutsche Babcock & Wilcox AG, ließ sich über die Reling ins Wasser hinab. Am letzten Sonntag verabschiedete sich der Babcock-Techniker von seinen Mitarbeitern und verschwand für einige Tage auf dem Grund der Flensburger Förde.

Als Schlaf- und Arbeitsstätte dient dem Ingenieur ein 20 Tonnen schweres Monstrum, das Dorschel selbst konstruiert hat: die erste Unterwasser-Station der Bundesrepublik. Die transportable Behausung auf dem Meeresgrund soll den Ozeanographen als modernstes Forschungslabor dienen.

Dorschel und zwei Meereswissenschaftler der Biologischen Anstalt Helgoland (BAH) finden in dem Stahl-Ungetüm den bestmöglichen Komfort. Eine Klima-Anlage sorgt für Frischluft und Stubentemperatur. Für die Insassen stehen Betten sowie Telephon, Dusche und WC bereit. Täglich sackt von dem Forschungsschiff »Friedrich Heincke« in der Flensburger Förde eine Versorgungsboje mit warmem Essen und frischer Wäsche vor die Station, die der Oberhausener Babcock-Konzern finanziert und den Helgoländer Meeresbiologen kostenlos überlassen hat.

Schon seit langem ist Babcock-Generaldirektor Hans L. Ewaldsen, 45, auf der Suche nach neuen Produkten, mit denen das 1898 gegründete Dampf kessel-Unternehmen in neue, wenig umkämpfte Märkte vordringen kann. Bereits Im Herbst 1966 beteiligte er sich an der Reaktorbaufirma Interatom in Bensberg (Rheinland), die den Atommeiler für das Forschungsschiff »Otto Hahn« baut.

Vor 18 Monaten beauftragte Ewaldsen ein Team von Technikern und Marktforschern, hach weiteren aussichtsreichen Projekten zu fahnden. Dorschels Studienfreund Gerhard Lauckner, 32, Helgoländer Biologe und Tieftauch-Experte, wies der Babcock die Marktlücke auf dem Meeresgrund.

Zunächst stellte Ewaldsen 100 000 Mark bereit. Babcock-Ingenieure entwarfen das Taucherheim, das sodann in konzerneigenen Kesselschmieden gebaut wurde.

Der Babcock-Chef hält die Meeresforschung für ein rentables Zukunftsgeschäft, das ebensoviel abzuwerfen verspricht wie Kernenergie und Computertechnik. Ewaldsen: »Wenn Im Jahre 2000 wirklich sieben Milliarden Menschen leben, reicht die Erde für ihre Ernährung nicht mehr aus. Die Menschen müssen im Meer nach Nahrungsmitteln suchen.«

Der Ernährung im dritten Jahrtausend ist denn auch das meeresbiologische Untersuchungsprogramm gewidmet, das Professor Otto Kinne, Chef der Biologischen Anstalt Helgoland, für das Taucherteam in der Station entworfen hat.

Biologe Lauckner und seine Kollegen verlassen täglich die Kapsel und fegen mit einem sogenannten Air-Lift, einer Art Staubsauger, die oberste Schicht des Meeresbodens ab, um Muschelfelder freizulegen. Aus der Dichte der Muschelkolonien und ihrer Anordnung erkennen sie jene Meeresplätze, an denen für menschliche Ernährung geeignete Muschelsorten am besten angesiedelt werden können.

Lange Kabelarme, die von der Station zu weit ins Meer vorgeschobenen Meßbojen führen, nehmen physikalische Daten wie Strömungsrichtung, Temperatur und Salzgehalt des Wassers auf. Die Im Kapselinnern von Meßwert-Schreibern aufgezeichneten Wasser-Bedingungen verraten den Forschern, wo Fischströme ziehen und für den Fischfang die besten Voraussetzungen bestehen.

Das Haus Im Meer hält Biologe Lauckner für ein besseres Forschungsinstrument als die herkömmlichen Taucherkugeln, die von Schiffen für Stunden auf den Meeresboden abgesenkt werden. Denn während die Kugeln bei Sturm sofort hochgezogen werden müssen, kann das Haus gefahrlos auf dem Grund bleiben. Lauckner: »Schon in zehn Meter Tiefe sind Stürme mit Windstärke 11 kaum noch zu spüren.«

Bei ihren Vorarbeiten entdeckten die Babcock-Konstrukteure voller Freude, daß ihnen nicht einmal die forschungsmächtigen Amerikaner voraus sind. Babcock-Cheftechniker Dr. Gert-Ulrich Walther: »Wir fanden sogar so viele technische Lösungen, daß wir eine ganze Reihe Patente anmelden konnten.«

Nur ein Problem konnten die Babcock-Futurologen nicht im eigenen Konzern meistern: die Ernährung der Taucher in der Kapsel. Proviant-Experten halfen mit dem Rat: »Nur keine blähenden Hülsenfrüchte, auf keinen Fäll Bohnen.«

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