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WETTER / HURRIKAN Warnung vor Janet

aus DER SPIEGEL 42/1955

Am Schaltbrett der Hurrikan-Warnzentrale in Miami flammte das rote Warnsignal auf. Vom Kapitän eines griechischen Öltankers war die Meldung eingegangen: »Verdächtiges Tiefdruckgebiet etwa 1600 Kilometer östlich von Kuba.« Die Meteorologen überprüften die Einzelheiten, dann gaben sie Alarm: Hurrikan. Das Signal löste eine Aktion aus, wie sie in den vergangenen sechs Wochen, der Hurrikan-Saison, mehrmals abrollte. Automatisch wurde der Stromkreis eingeschaltet, der alle Wetterstationen an der Atlantikküste von Florida bis zur kanadischen Grenze verbindet. Über Fernschreiber ratterte die Meldung an die einzelnen Stationen, die wiederum Zeitungen, Rundfunk- und Fernsehsender in den Küstengebieten benachrichtigten.

In den großen neuen Radarstationen des Wetterwarndienstes an der Küste starrten die Meteorologen gespannt auf die Radarschirme. Die Antennen der Geräte waren nach Südosten gerichtet - von dort mußte der Hurrikan kommen.

Zur schnelleren Identifizierung bekommen alle tropischen Wirbelstürme Mädchennamen mit Anfangsbuchstaben in der Reihenfolge des Alphabetes. Der östlich von Kuba gesichtete Wirbelsturm war der neunte dieses Jahres. Dem neunten Buchstaben des Alphabetes entsprechend, tauften die Meteorologen ihn auf den Namen »Ione«.

Zwölf Minuten nach dem Eintreffen der ersten Meldung in Miami kletterten auf dem Kindley-Flugfeld (Bermuda) neun Männer einer US-Wetterflugstaffel in eine viermotorige B-29. Der ehemalige Bomber, der nach Kriegsende zum Wetterflugzeug umgebaut worden war, gehörte zu einer Gruppe der »Hurrikan-Jäger«, deren Aufgabe es ist, die gigantischen Wirbelstürme aufzuspüren und auf ihrem Weg zu verfolgen. Die Hurrikan-Jagd, für die Wetterflieger eine Routine-Angelegenheit, ist ein lebensgefährliches Unternehmen.

Nach dreistündigem Flug schwebte die B-29, die »Ione« aufspüren sollte, noch immer unter einem wolkenlosen Himmel dahin. Aber auf dem Radarschirm in der Kanzel der Maschine konnte der Beobachter zum ersten Mal »Iones« Bild erblicken.

Sekunden später jagten die ersten Regenböen über das schiefergraue Wasser. Während die B-29 durch die Peripherie des Wirbelsturms tauchte, morste der Funker unablässig die Beobachtungen der Besatzung nach Miami: Luftdruck, Sicht, Windstärke, Ausmaß des Hurrikans, das Tempo, in dem er wie ein riesiger Kreisel über den Ozean vorwärts rollte, und - die wichtigste Meldung - den Kurs. Wenn die große Kurve, der jeder Hurrikan folgt (siehe Karte), bis über das amerikanische Festland führt, bedeutet das für Millionen Menschen eine Katastrophe.

Wie ein hartnäckiges Insekt bohrte sich die Maschine in den Wirbelsturm hinein. Schwerste Regengüsse klatschten wie Wassermauern auf die Maschine, senkrechte Böen rissen sie nach oben und schmetterten sie mit doppelter Wucht wieder nach unten. Hagel und Eisregen hämmerten gegen den Rumpf der B-29. Der Windmesser versagte, der Flugzeugführer drückte den zerbeulten Aluminiumvogel bis dicht auf das Meer hinunter, so daß der Beobachter aus Farbe und Form der Wellen die Windgeschwindigkeit ablesen konnte.

Die Wellenkämme wirbelten als weißer Schaum durcheinander. »Windgeschwindigkeit 50 Kilometer vom Zentrum 100 bis 120 km/h«, funkte die Maschine nach Miami. Immer tiefer stieß sie in den Hurrikan hinein. Schaum flog in langen dünnen Streifen über das Wasser. »Windgeschwindigkeit 150 km/h«, hörte Miami. Bald lösten sich auch die Schaumstreifen auf und verwandelten sich in eine weißlich-grüne Gischtwolke. Neue Meldung: »175 km/h«. Dann, fast ohne Übergang, hatte die B-29 die schwarze Mauer durchbrochen. Sie befand sich im »Auge des Hurrikans, im Zentrum der ungeheuren Spirale, wo im Umkreis von 30 bis 40 Kilometern beinahe absolute Windstille herrschte.

»Es ist ein wunderbares Erlebnis«, berichtete später Hauptmann Augsburger, der Kommandant der Maschine. »Das Auge eines Hurrikans ist eine einzigartige Erscheinung. Man kann sich das nicht vorstellen, ehe man es nicht selbst gesehen hat. Es ähnelt einem riesigen Schornstein, in den von oben die Sonne scheint. Das Meer ist dort unten so ruhig wie der See im New-Yorker Central-Park. Man könnte in einem Kanu spazieren paddeln.« Die Besatzung eines Hurrikan-Jägers sichtete im »Auge« einmal einen winzigen Fischdampfer, der gemächlich dahinschipperte, während die Besatzung an Deck ein Sonnenbad nahm.

Die B-29 durchflog das »Auge« in wenigen Minuten. Das Idyll war jäh zu Ende, der Rückflug durch Hagelböen und Orkanwinde begann. Sieben Stunden später, vierzehn Stunden nach dem Start, landete die Maschine auf Puerto Rico. Aber schon längst hatte die Befehlszentrale in Miami den Hauptmann Reynaldo Rodriguez mit einer zweiten B-29 gegen »Ione« losgeschickt. Als Rodriguez von seinem Flug zurückkehrte, war Hauptmann Charles Fleischer schon mit seiner Maschine unterwegs. In ununterbrochener Folge flogen die Hurrikan-Jäger »Ione« an, umkreisten sie, maßen sie, begleiteten sie und ließen sie nicht aus den Augen.

In 600 Kilometer breiter Front zog der Hurrikan auf die Küste zu. In immer kürzeren Abständen gingen die Meldungen in Miami ein, in immer schnellerer Folge gaben die Rundfunkstationen die Meldungen durch, die die Bevölkerung über »Ione« informieren sollten. Aus den Katastrophen der letzten Jahrzehnte hatte man gelernt, daß eine rechtzeitige Warnung fast das einzige Mittel ist, das einem gegen die Energien eines Hurrikans bleibt, die etwa der Explosionskraft von 400 Atombomben entsprechen.

»Mörderin 'Ione' heute nacht über Kap Hatteras erwartet«, meldeten Presse und Rundfunk. Überall an der Küste, in Norfolk, Washington, Baltimore, Philadelphia und New York wurde höchste Alarmstufe gegeben. »Angst und Schrecken ergriff die Bewohner der Küstenstaaten«, berichtete der Korrespondent der Deutschen Presse-Agentur nach Deutschland. »Noch waren die Wirbelstürme 'Connie' und 'Diane' nicht vergessen. Was sie hinterließen, war ein Bild grauenvollster Zerstörung. Neben den Toten weggeschwemmte Häuser, aufgerissene Straßen, durch Überschwemmung zerstörte riesige Erntefelder. Tausende von Obdachlosen, Feuer und Krankheit. Noch waren die Blumen auf den Gräbern frisch, als die neue Warnung kam. Tagelang saßen die Menschen angsterfüllt vor den Rundfunkapparaten und verfolgten den Weg 'Iones' ...«

Schulen und Fabriken schlossen, Tausende verließen fluchtartig die am stärksten bedrohten Gebiete. Flugzeuge wurden aus dem Gefahrengebiet herausgeflogen, und Schiffe verließen die Häfen. Während das Rote Kreuz Hilfsstationen errichtete, alarmierte das Amt für Zivilverteidigung Tausende von Freiwilligen. Die Rundfunkstationen gaben Verhaltungsmaßregeln durch.

Während fieberhaft letzte Vorbereitungen getroffen wurden, ging plötzlich aus dem Zentrum »Iones« die Meldung eines Hurrikan-Jägers ein: »'Ione' ändert Kurs, biegt im rechten Winkel ab, nach Osten, auf den Atlantik hinaus ...«

Die Hurrikan-Flieger verfolgten »Ione« noch, als an der Küste Entwarnung gegeben wurde. Sie begleiteten den Wirbelsturm auf den Atlantik hinaus, und die letzte Meldung klang beinahe verächtlich: »Windgeschwindigkeit unter 120 km/h.« Mit 120 Kilometern je Stunde ist das Unwetter nur noch ein gewöhnlicher Sturm, und mit dem geben sich Hurrikan-Jäger nicht ab.

Während die B-29 Kurs auf den Heimathafen nahm, entlud sich an der Ostküste die aufgespeicherte Hysterie in Leitartikeln und Stellungnahmen gegen die scheinbar voreiligen Warnungen des Wetterdienstes.

Selbst die stets zurückhaltende »New York Times« schrieb: »Die Warnungen haben viel Verärgerung hervorgerufen. Selten hat ein Alarm so viele Menschen soviel unnütze Arbeit gekostet ... Wahrscheinlich sind wir zu früh und zuviel gewarnt worden, eine natürliche Reaktion des Wetterdienstes auf die Entrüstung der Öffentlichkeit über die unzulänglichen Warnungen vor dem Hurrikan 'Carol' im vergangenen Jahr. Aber die Wetterleute hätten noch besser daran getan, ihren Voraussagen nicht so übertrieben selbstsichere Formulierungen zu geben. In Wirklichkeit - und die Wetterleute geben das bereitwillig zu - wissen sie nicht genug über die atmosphärischen Kräfte, die zur Entstehung von Wirbelstürmen führen ...«

Über die Entstehung von Wirbelstürmen gibt es zwei gängige Theorien. Nach der ersten steigen große Warmluftmassen, wie sie sich nur in den Tropen bilden, schnell nach oben, kältere Luftmassen strömen in den freiwerdenden Raum nach. Durch Einwirkung der Erddrehung beginnen die Luftmassen zu rotieren, wobei heftige Winde entstehen. Nach der zweiten Theorie wird die Windbewegung, die zum Hurrikan führt, durch aufeinanderprallende warme und kalte Luftmassen ausgelöst. Mit den ost-westlichen Passatwinden »reisen« die Hurrikane in Richtung Amerika.

Die »New York Times« beschwor nun die Gefahr, daß die von den irreführenden »Ione«-Meldungen enttäuschte Öffentlichkeit das Vertrauen zu den Warnungen des Wetterbüros verlieren könnte. »Die Öffentlichkeit könnte zu der Ansicht kommen«, schrieb das Blatt, »daß der Wetterdienst niemals akkurate Voraussagen machen kann. Doch der Weg eines Hurrikans ist keineswegs so kapriziös, wie es den Anschein hat. Er wird bestimmt durch die Auswirkungen natürlicher und meßbarer, wenn auch außerordentlich schwierig zu ergründender Kräfte ... Wenn diese sensationellste aller falschen Vorhersagen die Notwendigkeit weiterer Hurrikan-Forschungen dramatisch unterstreicht, dann haben die Unbequemlichkeiten, die wir erleiden mußten, doch noch zu einem nützlichen Ende geführt.«

Die Hurrikan-Diskussion bekam eine groteske Note, als die »New York Times« sich gegen die »scheußliche Satire« wandte, die Wirbelstürme mit »wohlklingenden weiblichen Namen« zu taufen. Die Mythologie enthalte viele weibliche Namen, die den Schrecknissen eines Hurrikans angemessen seien, Namen von Ungeheuern, Hexen und Mörderinnen. Die »New York Times« nannte die Graien, häßliche Meeresungeheuer mit den Namen Deino, Enyo und Pephredo, und die Rachegöttinnen Allekto, Megaira und Teisiphone.

Das Lamento über die Unzulänglichkeit des Wetterwarndienstes und die Unangemessenheit der Hurrikan-Namen hörte abrupt auf, als die Warnzentrale in Miami erneut Alarm gab. Der neue Wirbelsturm - der Wetterdienst nannte ihn »Janet« - raste wie eine Furie über die Küste von Mexiko. Die kleine Hafenstadt Nautla sandte eine lakonische letzte Meldung: »Der Hurrikan kommt direkt auf uns zu ...« Dann schwieg die Station.

Der Pilot eines amerikanischen Flugzeuges, das über die von »Janet« verwüsteten Gebiete flog, konnte viele kleine Dörfer nicht wiederfinden. Sie waren vom Hurrikan auseinandergefetzt und von den ins Land gedrückten Wassermassen überspült worden. Die Verlustbilanz, die in der vergangenen Woche bekannt wurde, übertraf alle Befürchtungen: 473 Tote, Tausende von Verletzten und Vermißten und Sachschäden in Höhe von vielen Millionen Dollar. Es war eine grausige Rehabilitierung des übervorsichtigen US-Wetterdienstes, der nun eifrig daran arbeitet, seine Beobachtungsmethoden zu verbessern.

Zwei neue Verfahren sind vorgeschlagen worden. Nach dem einen lassen die Hurrikan-Jäger im »Auge« des Wirbelsturms Wetterballons aufsteigen. Die Ballons bleiben längere Zeit im »Auge« des Hurrikans und nehmen dessen Reisegeschwindigkeit an. Da sie Radarstrahlen reflektieren, können sie von außerhalb geortet werden; der Wechsel ihres Standorts läßt auf die Geschwindigkeit des Hurrikans schließen. Außerdem enthalten einige Ballons Sendeanlagen, die automatisch Informationen über Luftdruck, Luftfeuchtigkeit und Lufttemperatur funken.

Das zweite System, von dem man sich besonders viel verspricht, hat mit der Entstehung des Hurrikans selbst zu tun. Da um das Hurrikan-Zentrum herum auf weiten Gebieten stärkste Aufwinde herrschen, wird das Meer gewissermaßen in die Höhe getrieben, die Wasseroberfläche gehoben. Der höchste bisher beobachtet Niveau-Unterschied beträgt vier Meter. Vier Meter zusätzliche Wasserhöhe je Quadratmeter Meeresoberfläche erhöht den Druck auf den Meeresboden um viele Tonnen je Quadratmeter. Das Druckzentrum wandert im gleichen Tempo wie der Hurrikan; dabei verursacht es Erschütterungen des Meeresgrundes, die von empfindlichen Seismographen wahrgenommen und gemessen werden können. In der Erdbebenwarte an Land zeichnet sich eine Kurve ab, die den Weg des Hurrikan-Zentrums auf hoher See von Minute zu Minute erkennen läßt.

An mehreren Küstenstationen sind die Mikroseismographen schon probeweise installiert worden. Im Laufe der Zeit sollen sie die Aufgabe der Wetterflieger übernehmen. Aber bis sich das neue Verfahren bewährt hat, sind die Hurrikan-Jäger unentbehrlich. »Wir werden den Hurrikanen noch eine Weile ins Auge schauen«, sagte Wetterflieger Hauptmann Augsburger.

[Grafiktext]

HURRIKANE
ÜBER
AMERIKA

CONNIE
Anf. August

DIANE
Mitte August

HILDA
Mitte Sept.

IONE
Mitte Sept.

JANET
Ende Sept.

[GrafiktextEnde]

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