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Haiti Warten auf Amerika

aus DER SPIEGEL 31/1994

Auf den ersten Blick glich der Leichnam den anderen Toten, die Pater Jean-Yves Urfie regelmäßig in den Slums von Port-au-Prince fotografiert. Der junge Mann war nur mit einer Hose bekleidet, seine Hände hatten die Mörder auf dem Rücken zusammengebunden. Er lag auf dem Bauch, den rechten Arm von Machetenhieben zerfleischt.

Hackmesser sind die bevorzugten Waffen der Attaches, der Schlägertrupps, die sich das haitianische Militärregime hält.

Anhänger des gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide hatten Pater Urfie zu dem Toten am Rand des Flughafens geführt. Sie vertrauen dem französischen Priester: In seinem Kirchenblatt Libete prangert er Woche für Woche die Greuel der Regierung an.

Als der Geistliche den Kopf des Toten zur Seite wendete, erschrak er: Die Killer hatten ihrem Opfer die Gesichtshaut abgezogen, damit niemand es identifizieren konnte.

Pater Urfies Greuelfoto ist für das Ausland bestimmt. Vielleicht, hofft der Priester, wacht die Welt endlich auf und beendet die mörderische Diktatur.

Seit Wochen kreuzen 15 amerikanische Kriegsschiffe vor der Küste der Karibikinsel; 2860 Marines sind zur Intervention bereit. Der Sturz des Regimes lasse sich an »einem Nachmittag« bewerkstelligen, tönen die US-Militärs. Doch Präsident Bill Clinton zaudert: Was soll der Invasion folgen?

Die Amerikaner fürchten, daß sich der Zorn der Haitianer gegen die Besatzer richten könnte, wenn es nicht rasch gelingt, demokratische Institutionen und ein Mindestmaß an staatlicher Ordnung in dem Elendsstaat zu verankern. Vor ihrer Haustür würden die USA womöglich ein ähnliches Fiasko erleben wie im fernen Somalia, wo der aufgebrachte Mob die Leiche eines abgeschossenen US-Hubschrauberpiloten nackt durch die Straßen schleifte.

»Nach dem ersten Schlag der Amerikaner löst sich unsere Armee auf und zieht sich in die Berge zurück«, droht der frühere Außenminister Jean-Robert Simonise. In seiner Villa in den schattigen Hügeln von Petionville, dem Reichenviertel der Hauptstadt, plant er den Guerillakrieg: »Drei Monate nach der Intervention beginnt der Widerstand. Wir wissen, wie wir die Amerikaner vertreiben.«

Clinton suchte bislang vergebens Rückhalt bei den Vereinten Nationen, um nicht allein die Verantwortung übernehmen zu müssen. Haitis rechtmäßiger Präsident Jean-Bertrand Aristide hat bereits verkündet, daß er sich nicht von US-Truppen wiedereinsetzen lassen möchte.

Der schwarze Armenpriester, der 1991 vom Militär vertrieben wurde, traut den Amerikanern nicht: Haitis Geschichte lehrt, daß Washington im Zweifelsfall auf der Seite der herrschenden Mulatten-Bourgeoisie steht. Die CIA versuchte voriges Jahr, den ungeliebten Präsidenten im Washingtoner Exil als »geistig labil« zu verleumden.

Präsident Clinton setzt auf Wirtschaftssanktionen, um die Diktatur zu bezwingen. Doch die Offiziersclique nimmt die Drohgebärden der Weltmacht nicht länger ernst; sie hält Clinton für einen Feigling.

Haitis Oberschicht lebt so üppig wie eh und je. Jüngst ließ sich Diktator Raoul Cedras beim opulenten Mahl samt Familie und Leibwächtern beobachten. Es gab Langusten und französischen Wein.

Benzin für die Luxuswagen der Oberschicht wird aus der benachbarten Dominikanischen Republik eingeschmuggelt. Vergangene Woche gelang es einem Tanker, das Embargo zu durchbrechen und in Port-au-Prince anzulegen.

Eine Gallone, knapp vier Liter Benzin, kostet zwar acht Dollar, aber knapp ist der Treibstoff nicht: Eifrige Händler haben in Port-au-Prince auf offener Straße einen riesigen Schwarzmarkt errichtet. Das Geschäft ist lebensgefährlich: Ein Funke genügt, um ganz »Kuweit«, wie der Treibstoffmarkt im Volksmund spöttisch genannt wird, in die Luft zu jagen.

Wie zum Hohn läßt das Militärregime die Hauptstadt herausputzen. Über Nacht werden die Müllberge an den Straßen abgetragen. Bautrupps teeren die Zufahrten zu den Hotels und bessern Schlaglöcher aus: Die Regierung will den Journalisten einen sauberen und funktionierenden Staat vortäuschen.

In den Luxushotels von Petionville trifft sich Haitis Bourgeoisie nachmittags zu Cha-Cha-Cha und Tango. Die Hotelparkplätze sind mit teuren Geländewagen und Mercedes-Limousinen vollgestellt. Hunderte von glücksspielbesessenen Haitianern drängen sich in den plüschigen Kasinos von Petionville.

Nur die Armen leiden unter dem Embargo. In Port-au-Prince sind 40 000 Arbeitsplätze verlorengegangen, weil amerikanische Fabriken schließen mußten. Haitis einst florierende Baseball-Unternehmen haben Tausende von Arbeitern auf die Straße gesetzt. Vor dem Embargo nähten sie Schlagbälle für die USA.

Spekulanten haben die Preise für Reis, Brot und Gemüse in die Höhe getrieben. Seit die Landesgrenze zur Dominikanischen Republik geschlossen wurde, haben auch die Wanderarbeiter, die auf den Plantagen des Nachbarlandes beschäftigt waren, ihre Jobs verloren. Die Märkte in den dominikanischen Grenzstädten, wo die Haitianer ihre Waren feilboten, sind verlassen. Flüchtlinge werden vom dominikanischen Militär aufgegriffen und nach Haiti zurückgeschickt.

In Cite Soleil, einem riesigen Slum am Stadtrand von Port-au-Prince, vegetieren Hunderttausende: Weil die Einwohner zumeist Anhänger von Aristide sind, können sie von den Machthabern keine Hilfe erwarten.

Das Elend treibt die Armen zu Verzweiflungstaten: Auf dem Zentralfriedhof von Port-au-Prince haben Grabräuber Särge aufgebrochen und die Toten herausgezerrt. Sie schmelzen die Sarggriffe ein und verkaufen das Metall; auch mit Kleidung und dem Haar der Toten lassen sich Geschäfte machen.

Not haben die Haitianer immer gelitten. Schlimmer ist der Terror: Fast täglich werfen Todesschwadronen ihre Opfer am Straßenrand ab. Vor allem auf dem Land, wo niemand die Morde registriert, bedrohen die Attaches Bauernorganisationen und Basisgemeinden. Etwa 60 haitianische Priester, allesamt Anhänger der Befreiungstheologie, sind ins Exil geflohen.

»Wer ein T-Shirt mit dem Bild von Aristide trägt, ist ein toter Mann«, sagt Pater Ufie, der 1989 nach Haiti zurückkehrte. Evans Paul, der Bürgermeister von Port-au-Prince, ist seit Monaten untergetaucht: Er führt die Oppositionsgruppe K 16, eine Organisation gemäßigter Aristide-Anhänger.

Überall in der Stadt ist die Furcht zu spüren. Unruhig blicken einige Jugendliche umher, als sie ihre Sympathie für Aristide bekunden. »Jeder kann ein Verräter sein«, zischelt einer. Wer mit Ausländern spricht, lebt gefährlich.

Dabei ist Haitis Militärdiktatur praktisch unsichtbar. Keine Patrouillen, keine Panzerwagen oder Militärposten - nicht einmal Polizisten sind auf den Straßen zu sehen. Nur neben dem Hauptquartier der Streitkräfte parkt ein neuer Panzerspähwagen.

Die Attaches treffen sich im Cafe Normandy in der Nähe des Regierungspalastes. Bei Bier und Schnaps ziehen sie grölend über den »Kommunisten Aristide« her. Sie sind zivil gekleidet wie viele Soldaten: Wenn die US-Truppen in Port-au-Prince einmarschieren, können sie mühelos untertauchen.

Die Bevölkerung erduldet den Terror mit passivem Widerstand. Nicht einmal 1000 Menschen erschienen zu einer groß angekündigten Demonstration gegen das Embargo, obwohl die Regierung versprochen hatte, jeden Teilnehmer zu bezahlen. Die meisten sehen in ihrer Verzweiflung nur einen Ausweg: die Flucht übers Meer nach Miami. »Lieber sterbe ich auf See als hier in den Straßen«, sagt ein Jugendlicher in Port-au-Prince.

Am Strand des Städtchens Leogane, 50 Kilometer westlich der Hauptstadt, zimmern Handwerker mit primitiven Werkzeugen an zehn großen Holzbooten. Jedes der etwa acht Meter langen Segelschiffe fasse bis zu 400 Menschen, versichert Bootsbauer Julien Adelin.

Wenn der Wind ungünstig steht, dauert die Überfahrt nach Florida bis zu drei Wochen. Ein Platz auf dem Boot kostet 400 haitianische Dollar, etwa 130 Mark. Für rund 200 Mark können die Flüchtlinge einen Platz auf einem Motorboot ergattern.

Die Flüchtlinge versammeln sich nachts am Strand und stechen noch bei Dunkelheit in See. Wenn sie von der US-Küstenwache aufgegriffen und nach Haiti zurückgebracht werden, sind sie ärmer als zuvor. Doch diese Aussicht schreckt sie nicht: »Wer irgendwie das Geld zusammenbekommt, verläßt das Land«, sagt Julien. »Wir fliehen aus Angst vor dem Terror.«

Voriges Jahr besuchte der schwarze US-Bürgerrechtler Jesse Jackson die Bootsbauer von Leogane; seither werden sie von der Regierung bedroht. Über die amerikanische Außenpolitik sind sie erstaunlich präzise informiert. »Wir sind zwar Analphabeten, aber keine Esel. Von Clinton erwarten wir keine Lösung für Haiti«, sagt Julien.

Würden sie bleiben, wenn Aristide zurückkäme? »O ja. Dann leiden wir zwar weiter Hunger, aber wir haben keine Angst mehr.«

Doch Haitis Bourgeoisie wird sich mit allen Mitteln gegen Aristide wehren. Um die Heimkehr des Priester-Politikers zu verhindern, wäre Cedras sogar zu einem Scheinrücktritt bereit, streuen Vertraute der Armeeführung.

»Wir lassen über vieles mit uns reden«, beteuert Ex-Minister Simonise, »aber nicht über die Rückkehr von Aristide an die Macht. Die Wahl zwischen der Invasion und der Rückkehr Aristides gleicht der Entscheidung über einen schnellen oder einen langsamen Tod.«

Während seiner Amtszeit hatte Aristide kaum verhüllt zur Vergeltung an den Reichen aufgerufen - das wird ihm von der Oberschicht nicht verziehen. »Aristide will eine gerechte Gesellschaft schaffen, indem er die Reichen umbringt«, sagt Simonise.

Zumindest entmachten muß er sie. Zu lange hat die kleine, korrupte Elite das Volk unterdrückt und ausgebeutet. Den Klassenhaß zwischen Arm und Reich hat sie selbst geschürt.

Nur Aristide, der erste frei gewählte Präsident Haitis seit 190 Jahren, könnte Haiti befrieden - wenn er sich mäßigt und seine Anhänger im Zaum hält. Die Armen verehren den Priester-Präsidenten noch immer wie einen Heiligen.

»Wir feiern, wenn die Amerikaner Aristide zurückbringen«, sagt Bootsbauer Julien. »Und wenn sie schnell wieder abziehen.« Y

[Grafiktext]

_125_ Haiti (und Kuba mit US-Marine-Stützpunkt, US-Kriegsschiffe)

[GrafiktextEnde]

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