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Warten auf die Wende

aus DER SPIEGEL 39/1995

Wenn graue Wolken über die Siedlung Helbra im Mansfelder Land jagen, der Regen durch die Straßen peitscht, schimmern die Schlackehalden hinter den Gärten noch finsterer als sonst.

Der Regen bringt zwar keinen Dreck mehr von oben, aber selbst darüber können sich die Leute nicht recht freuen. Seit die Kupferhütte dichtgemacht wurde, verschmiert kein »Hüttenschmuddel«, wie die Helbraer den Ruß fast liebevoll nannten, mehr die Fenster.

Wo früher 1800 Menschen Kupfererz aus dem Schiefer herausschmolzen, ragt nur noch ein kalter Schornstein empor. »Hier ist alles tot«, sagt ein alter Bergmann, »hier tut sich auch in 20 Jahren nichts.«

Kaum eine Gegend wurde von der Wende so hart getroffen wie das Mansfelder Land. Die Bergbauregion am Ostrand des Harzes, in der die Menschen seit Jahrhunderten ihr Geld in Bergwerken und Hütten verdienten, ist Brachland geworden. Vor fünf Jahren wurde der letzte Stollen verschlossen, die Rohhütte in Helbra und die Kupfer-Silber-Hütte im benachbarten Hettstedt stillgelegt.

Hier liegt Sachsen-Anhalts armer Hinterhof. Nur wenige Dächer sind neu gedeckt, von vielen Fassaden bröckelt nach wie vor der Putz, die Straßen werden nur zögernd instand gesetzt.

Auch im alten Bergmannsquartier von Helbra, im Volksmund »die Burg« genannt, stehen die Ende des vergangenen Jahrhunderts erbauten Baracken noch unverändert da. Im Winter glitzert Eis auf den Tapeten der Zimmerwände, durch die schiefen Fensterrahmen zieht der Wind, die Dächer sind leck. Die Toiletten sind in baufälligen Schuppen auf der anderen Straßenseite untergebracht.

»Wenn du hier krank wirst, geht es dir richtig schlecht«, sagt Sylvia Füllgraf, 33. Schon seit zwei Jahren ist die Gärtnerin ohne Job, »wie die meisten unter diesen Dächern«. 17,6 Prozent erreicht die Arbeitslosenrate im Mansfelder Land, ein großer Teil der übrigen Leute macht Umschulungen, hat ABM-Stellen oder ist frühpensioniert.

Noch sind in der 5400-Einwohner-Gemeinde Helbra, dem »größten Dorf der DDR«, wie es bis zur Wende hieß, 1300 Menschen damit beschäftigt, die Überreste der Kupferhütte einzuebnen und neue Gewerbeflächen herzurichten. Wenn die Arbeit erledigt ist, droht auch diesen Leuten die Arbeitslosigkeit.

»Wir geben die Hoffnung nicht auf, daß sich hier neue Betriebe ansiedeln«, meint der Beauftragte des Liquidators, Peter Biskaborn, 51. Doch außer einigen Autohäusern, Handels- und Baufirmen haben kaum neue Unternehmen nach Helbra gefunden. Die Menschen fühlen sich im Stich gelassen. Während Hunderte von Millionen nach Bitterfeld oder Merseburg fließen, verkommt das Mansfelder Land zum Armenhaus.

Ganze Ortsteile sind mit Arsen, Blei, Cadmium oder Zink vergiftet, insgesamt rund fünf Millionen Quadratmeter. Bei Hettstedt gibt eine Schlackenhalde radioaktive Strahlung ab. Von dem Gelände einer nahe gelegenen Bleihütte, einer der schlimmsten Giftschleudern der Gegend, weht gefährlicher Staub auf. Stürmt es aus Südwest, der Hauptwindrichtung, treibt der Schwermetallstaub durch Gärten und über die Dächer der benachbarten Wohnhäuser.

Ein weiteres Übel: Seit fast drei Jahren verrotten auf den Bergbahngleisen in Hettstedt und Helbra mehr als 150 Eisenbahnwaggons mit tonnenschweren hochgiftigen Filterrückständen. Mit großspurigen Konzepten hatte sich 1992 die westdeutsche MFD-Recycling GmbH den Entsorgungsauftrag für 2,7 Millionen Mark ergattert.

Ihr Geschäftsführer Heinrich Klefenz organisierte die Eisenbahnwaggons und ließ die Giftstäube, in Plastiksäcke verpackt, darauf laden. Dann kassierte der Mann ab und machte sich aus dem Staub. Seither rotten die Waggons vor sich hin, etliche Säcke sind aufgeplatzt, jeder Regen schwemmt Giftstoffe aus.

Wenn sich die alten Bergmänner auf dem kleinen Platz vor der Sparkasse von Helbra zum Klönschnack versammeln, kreisen die Gespräche um die Wirren der neuen Zeit. »Was hat uns die Wende gebracht?« fragt einer und gibt gleich die Antwort: »Sie hat unsere Betriebe kaputtgemacht, uns die Arbeit genommen, uns in Armut gestürzt.«

Die anderen nicken beifällig. »Nur uns«, sagt einer der Alten trotzig, »kriegt niemand so schnell kaputt.«

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