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Briefe

Warten auf Wind
aus DER SPIEGEL 42/1972

Warten auf Wind

(Nr. 3811972, Kernkraftwerke)

Es ist Ihnen sehr zu danken, daß Sie diese Dinge publik machen. Was die Behörden da an »Sicherheitsmaßnahmen« vorbereitet haben, könnte man besser übertiteln: Wie sich der kleine Moritz einen Atomunfall vorstellt! Bei einem größeren Atomunglück an einem Kernkraftwerk wären wohl alle Bewohner im Umkreis von zehn Kilometern und in Windrichtung bis zu 150 Kilometern verloren, wenn sie nicht rechtzeitig vorbereitete Schutzräume aufsuchen können. Es kommt vor allem auf den Schutz gegen die Einatmung von radioaktivem Feinstaub an, gegen den ähnliche Schutzmaßnahmen zu treffen sind, wie aus früheren Zeiten gegen Giftgas bekannt. Der Schutzraum kann dann wohl erst wieder verlassen werden, wenn ein ausgiebiger Regen oder starker Wind etc. den radioaktiven Feinstaub aus der Atemluft beseitigt haben. In der Schweiz wird eine solche Vorsorge gegen eine Atomkatastrophe getroffen.

Wien (Österreich) K. NOWAK

Schon die Anfänge der Atomenergietechnik beruhen auf dem Umstand, daß nach dem Zweiten Weltkrieg Wissenschaftler und Ingenieure aus der Atombombenproduktion mit ihren Spezialkenntnissen brotlos geworden wären, wenn man nicht ein Nebenprodukt der Atomspaltung, die Wärme, durch intensive Propaganda zum Hauptprodukt gemacht hätte. Heute wären bei einem Abbruch der aberwitzigen Entwicklung selbstverständlich noch mehr Arbeitsplätze gefährdet.

Siebenmorgen (Nrdrh-Westf.) EKHARD PLATE

Ihr Bericht zeigt beispielhaft die Problematik des Umweltschutzes: immer wieder suggeriert man uns von seiten der Wirtschaft oder der von ihr bezahlten Wissenschaft, es bestehe ein Zielkonflikt Umweltschutz -- Wirtschaftswachstum. In Wahrheit handelt es sich immer um einen Konflikt zwischen rein wirtschaftlichen Profitinteressen und den Interessen der Allgemeinheit; zu deutsch: zwischen wirtschaftlichen und demokratischen Zielsetzungen. Wenn wirtschaftliche Unternehmungen sogar die Erfüllung der Grundbedürfnisse und -rechte auf Reinheit von Luft, Wasser und Nahrung gefährden (oder vermarkten!), entfernen wir uns immer weiter von der Forderung OB Vogels, die Wirtschaft »aus der herrschenden in die dienende Rolle« zu verweisen.

Westerland/Sylt GERD P. wERNER Stellvertr. Vorsitzender des Bundesverbandes Bürgerinitiativen Umweltschutz e.v.

Als der Deutsche Bundestag das Atomgesetz verabschiedete, waren weder sämtliche Fakten möglicher oder effektiver Risiken bekannt, noch hatte die Mehrheit der zustimmenden Abgeordneten in Bonn auch nur eine blasse Ahnung, welcher Selbstgefährdung sie da eigentlich ihr »placet« gab! Kein anderer Industriezweig würde vom Staat die Genehmigung erhalten, solch ungeheuerliche Bedrohung in Form von hochradioaktiver Abfallsubstanz zu erzeugen, zu transportieren und im Harz unter der Erde zu verstecken, wie es die letztlich von der Bundesregierung mitbetriebene Atomindustrie tut. Die Atomkraftwerke in der Bundesrepublik sind de facto ein Verstoß gegen die Verfassung gemäß Artikel 20, denn diejenigen, welche diese Kernspaltungsanlagen betreiben, sind zugleich ihre Genehmiger.

Bremen H. LIEBTRAU Arbeitskreis gegen radinaktive Verseuchung e.V.

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