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DEMAG-VORSTAND Warten auf Wolfgang

aus DER SPIEGEL 28/1962

Griesgrämig, wie er 40 Jahre lang durch die Büros und Werkshallen des Konzerns gegangen war, verließ dieser Tage Dr.-Ing. Hans Reuter, 67, das Duisburger Hochhaus der Demag AG, die er seit 1940 als Generaldirektor geleitet hatte.

Reuter ging ohne Handschlag an den Portiers vorbei und ließ sich in seinem

schwarzen Cadillac auf seinen Herrensitz, den »Römerhof« in Wittlaer bei Düsseldorf chauffieren. Lediglich in einem knappen Tagesbefehl sprach er den 28 000 Mitarbeitern seinen Dank aus.

Unter Reuter war aus der Maschinenfabrik Demag AG ein weltweiter Konzern geworden, dessen Umsatz im vergangenen Jahr die Milliarden-Mark -Grenze erreichte. Reuters Trust gilt heute als das einzige Unternehmen der Welt, das in eigenen Betrieben komplette Hüttenwerke herstellen kann.

Der Vater, Wolfgang Reuter, hatte 1910 drei Maschinenfabriken in Wetter an der Ruhr, Düsseldorf-Benrath und Duisburg zur Deutschen Maschinenfabrik AG (Demag) zusammengefaßt. Er baute schwere Industrieausrüstungen und- wurde zum Hoflieferanten der deutschen Industrie.

Sohn Hans trat 1922 in das Unternehmen ein. Er avancierte 1934 zum Vorstandsmitglied und war zuerst für die kaufmännischen, dann für die finanziellen Belange der Firma verantwortlich. Als Wolfgang Reuter im Februar 1940 zurücktrat, wurde Sohn Hans sein Nachfolger als Demag-Generaldirektor.

Die Besatzungsmächte warfen ihn nach Kriegsende sowohl aus der Firma wie aus seinem Landhaus. 1946 gestatteten sie ihm, wieder Vorstandsmitglied, aber nicht Generaldirektor zu werden.

Da stellte Reuter den Besatzern eine Falle: Im Zuge der Demokratisierung, so schlug er vor, solle die Demag-Belegschaft gefragt werden, ob sie ihn als Generaldirektor zurückhaben wolle oder nicht. Darauf vertrauend, daß die Arbeiter nicht für einen Kapitalisten vom Schlage Reuters votieren würden, waren die britischen Offiziere einverstanden.

Sie hatten sich getäuscht: 80 Prozent der Demag-Belegschaft stimmten für Reuter, und er wurde wieder Generaldirektor, im geschäftlichen Verkehr der Firma kurz »GD« genannt.

Hartnäckig begegnete Reuter auch den belgischen Militärs, die sich in seinem Römerhof eingenistet hatten. Der Vertriebene lehnte alle Angebote ab, ihn woanders unterzubringen.

Reuter ließ vielmehr unmittelbar gegenüber der Ausfahrt seines Besitzes eine Baracke aufstellen, und zog mit seiner Familie dort ein. Ein Luxusautomobil holte den Barackenbewohner täglich zur Fahrt in die Demag-Verwaltung ab. Im Frühjahr 1953 kapitulierten die Belgier, Reuter bekam den Römerhof zurück.

War unter seinem Vater die Industrialisierung Deutschlands das Hauptgeschäft der Demag gewesen, so wurde es unter Hans Reuter die Industrialisierung der Welt. Reuter selbst reiste die meiste Zeit umher und studierte Großprojekte; seine Experten jagte er von Kontinent zu Kontinent. 1957 erreichten die Reisekosten der Demag den Umsatz einer mittleren Maschinenfabrik, mehr als 20 Millionen Mark.

Zwischen Korea und Südamerika, Narvik und Ägypten baute die Demag Stahlwerke und Maschinenfabriken. Zeitweilig gingen bis zu 75 Prozent des Umsatzes in den Export. Reuter erkannte als einer der ersten, daß es nicht genügt, deutsche Produkte zu verkaufen, sondern es genau so wichtig ist, die zur Bedienung der Anlagen erforderlichen ausländischen Fachkräfte auszubilden. Duisburg wurde deshalb ein Trainingszentrum für Entwicklungsvölker.

Reuters Familienelan besitzt etwa 17 Prozent der 110 Millionen Mark Aktienkapital und ist damit größter Demag -Aktionär. In der Familie gilt es deshalb als fest beschlossen, den Posten des Generaldirektors einem Namensträger zu erhalten. So wurde nicht Reuters Vetter Otto Blank neuer Firmenchef, weil die Bestallung des 44jährigen technischen Direktors der Demag bedeuten würde, daß Reuters Sohn Wolfgang

- 38 Jahre alt und seit Anfang dieses Jahres Finanz-Vorstand der Firma -

auf lange Zeit kaum Chancen haben würde, die Konzernleitung zu übernehmen.

Der Demag-Aufsichtsrat betraute statt dessen den 62jährigen Maschinenbauer Heinrich Müller, der seit 20 Jahren dem Vorstand angehört, mit der Leitung des Konzerns. Müller hat die Rolle des Reichsverwesers übernommen, bis Sohn Wolfgang die Generaldirektoren-Laufbahn seiner Väter fortsetzen kann.

Robert Pferdmenges, 82, gab seinen Aufsichtsrats-Vorsitz der Demag AG nach 38jähriger Tätigkeit im Konzern an den scheidenden Generaldirektor ab und ist im Aufsichtsrat hinfort nur noch Ehrenspielführer. Der neue Aufsichtsratsvorsitzer, Reuter senior, will aus der Ruhe seines Römerhofs den Konzern beaufsichtigen und hat im übrigen nur noch einen privaten Ehrgeiz: Hans Reuter möchte Präsident der deutschen Golfklubs werden.

Demag-Chef Reuter

Ohne Handschlag in Pension

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