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WARTEN AUFS LETZTE GEFECHT

aus DER SPIEGEL 19/1961

11. Fortsetzung

Als Lenin im April 1917 in die Heimat zurückkehrte, bot Rußland den Anblick eines riesigen chaotischen Menschenmeeres. Die Dämme und Deiche des Zarenstaates waren geborsten. Der seit Jahrhunderten gestaute revolutionäre Wille des Volkes ergoß sich in gewaltigen Strömen über das Land.

Die mächtigste dieser Strömungen war die Sehnsucht der Bauern nach Land, nach eigenem Besitz. Ihr vergleichbar war nur noch die Sehnsucht nach Frieden. Beide Strömungen verstärkten einander. Rußlands Bauern, immer noch 80 Prozent des Volkes, wollten den Frieden, weil sie Land wollten.

Daneben gab es andere Strömungen:

- die Sehnsucht nach demokratischer Freiheit und

- die Sehnsucht der von den Russen unterdrückten Völker nach Autonomie.

Lenins Kommunismus hatte mit all diesen mächtigen Strömungen so gut wie nichts gemein. Die Sehnsucht der Bauern nach Besitz zielte auf das genaue Gegenteil des Kommunismus. Der Wunsch der Massen nach Frieden widersprach Lenins prinzipiellen Ansichten. Er haßte den Pazifismus. Dem Verlangen nach demokratischer Selbstregierung brachte Lenin ebensoviel Verachtung entgegen wie dem Wunsch der Finnen, Esten, Letten, Litauer, Polen, Ukrainer und moslemischen Völkerschaften nach staatlicher Eigenständigkeit.

Wie konnte Lenin angesichts dieses Meeres chaotisch durcheinander wirbelnder Strömungen, von denen jede einzelne seinen Absichten zuwiderlief

auch nur den Gedanken fassen, ein kommunistisches Rußland zu schaffen? Aufregender noch und geradezu unglaubhaft: Wie konnte es ihm dann später tatsächlich gelingen, die fast 140 Millionen nach Besitz verlangenden russischen Bauern in eine Revolution zu steuern, auf deren Panier die Aufhebung des Eigentums stand?

Über welche Kräfte verfügte Lenin denn, als er nach Petrograd heimkehrte? Tatsächlich war er kaum viel mehr als der Häuptling einer kleinen sozialistischen Sekte Noch im August schätzte man die Zahl der Parteimitglieder auf höchstens 240 000.

240 000 gegen 170 Millionen!

Und wer waren diese 240 000? Ihre Massen waren Arbeiter, der Rest Intellektuelle. Die meisten waren in Petrograd ansässig.

Petrograd war die Zentrale des zaristischen Verwaltungsapparats gewesen. Aber nach der Zerstörung dieses Apparats war Petrograd nur noch ein winziger, abseits gelegener Ort auf der riesigen Landkarte Rußlands.

Was bedeutete es schon, daß sich in diesem Ort eine Revolution von Intellektuellen abgespielt hatte? Was ging das die Bauern an? Sie machten ihre eigene Revolution - nun, nachdem Petrograd sich mit dem Sturz des Zaren selbst entmachtet hatte.

Im Grunde waren es zwei Revolutionen, die im Jahre 1917 auf russischem Boden stattfanden, zwei Revolutionen, die so gut wie nichts miteinander gemein hatten.

Die eine war die Petrograder Revolution. Bei ihr ging es für die Arbeiter um höhere Löhne, um mehr Brot und den Achtstundentag, für die Intellektuellen aber um die Verwirklichung ideologischer Ziele: um Demokratie, Sozialismus, Pazifismus, Kommunismus.

Die andere Revolution fand auf dem Lande statt. Bei ihr ging es um sehr Handgreifliches: um den Besitz des Bodens, um die Vertreibung der Großgrundbesitzer.

Petrograd war eine Insel auf dem Meer des revolutionären russischen Bauerntums. Aber innerhalb Petrograds waren wiederum die Bolschewiken eine lächerliche Minderheit - und unter den Bolschewiken stand Lenin nahezu völlig allein.

Das war die Ausgangsposition, aus der heraus Lenin innerhalb eines halben Jahres zum neuen Herrscher Rußlands aufstieg. Bis heute ist umstritten, wie Lenin diesen schier unglaublichen Erfolg erzielen konnte.

Die eine Erklärung lautet, Lenin habe die russischen Massen durch ein geradezu monströses Betrugsmanöver getäuscht, so daß sie ihm schließlich verzweifelt und an sich selbst irre geworden die Macht überließen.

Die andere Erklärung besagt: Lenin habe die russischen Massen mit den Mitteln marxistisch-leninistischer Wissenschaft zu einem derartigen Reifegrad proletarischen Bewußtseins emporgehoben, daß es ihm möglich war, die Oktober - Revolution zu machen.

Die zweite Erklärung basiert auf der marxistisch-leninistischen Lehre, wonach das Bewußtsein der Massen (das heißt: ihre Vorstellungen von dem, was wünschenswert ist) eine bestimmte Entwicklung durchmacht. Dieser Prozeß wird nach marxistischer Ansicht durch die Veränderung der ökonomischen Umstände bewirkt. Der Prozeß ist zwar zwangsläufig - »inevitabel«, wie Marx sagte -, aber das Bewußtsein der Massen reagiert auf die Veränderung der ökonomischen Umstände immer nur mit einer gewissen Verzögerung. Es hinkt hinter der objektiven (ökonomischen) Entwicklung her - anders ausgedrückt: Die Massen reagieren auf die Veränderung der ökonomischen Zustände immer erst nach einer Art von Schrecksekunde.

Diese »Schrecksekunde« der Massen wird überdies noch von den reaktionären Kräften der Gesellschaft künstlich verlängert. Am Beispiel demonstriert: Ein Land, dessen Ökonomie längst aus der Epoche der Feudalwirtschaft in die der Industrialisierung eingetreten ist, wird anfänglich weiter von der Feudalkaste beherrscht. Diese Kaste versucht, obwohl sie objektiv nicht mehr zur Führung berechtigt ist, ihre Herrschaft zu verlängern, indem sie das Volk verdummt, indem sie zu verhindern versucht, daß die Massen zum Bewußtsein der neuen ökonomischen Situation gelangen.

Damit ist aber die historische Aufgabe des kommunistischen revolutionären Führers gestellt. Sie besteht darin, die teils natürliche, teils künstlich erzeugte Phasen-Differenz zwischen der objektiven Entwicklung und der Entwicklung des Massenbewußtseins abzukürzen, die Verdummungsversuche der führenden Gesellschaftsschicht zu entlarven und die Massen möglichst schnell zum Bewußtsein der objektiven ökonomischen Situation und damit zu der in diesem konkreten Augenblick fälligen Revolution - zu führen.

Dabei brauchen die wahren Ziele des kommunistischen Führers keineswegs mit den Parolen übereinzustimmen, die er propagiert. Als marxistisch-leninistischer Wissenschaftler weiß er zwar, daß der gesamte revolutionäre Prozeß der Menschheit schließlich zum Kommunismus führt, weiß aber andererseits auch, daß das Massenbewußtsein dieses Endziel nicht sozusagen in einem einzigen Sprung erreichen kann.

Die Kunst der revolutionären Führung besteht deshalb darin, in jedem konkreten historischen Augenblick solche revolutionären Parolen auszugeben,

die im Trend der jeweiligen objektiven ökonomischen Entwicklung liegen. Da das Bewußtsein der Massen ja ein Reflex der ökonomischen Entwicklung ist, werden dem kommunistischen Führer die Massen dann sozusagen automatisch folgen. Wenn sie ihm nicht folgen, ist das nur ein Beweis dafür, daß er die ökonomische Entwicklung in ihrem Tempo falsch beurteilt, entweder unter- oder überschätzt hat. Dann ist es für ihn an derZeit Selbstkritik zu üben.

Diese Lehre - heute ein Teil des wissenschaftlichen Marxismus-Leninismus - bildete im Frühjahr 1917 das Grundkonzept der Leninschen Revolutionstaktik.

Lenin hatte erkannt, daß vier mächtige revolutionäre Strömungen die Trümmerlandschaft des Zarenreiches beherrschten:

- der Wunsch der Bauern nach Land,

- der Wunsch des ganzen Volkes nach Frieden,

- der Wunsch der nichtrussischen Völkerschaften nach Eigenstaatlichkeit (Autonomie),

- der Wunsch der Russen nach parlamentarischer Demokratie.

Entsprechend seinem Grundkonzept ging Lenin in seiner taktischen Planung darauf aus, sich selbst an die Spitze dieser vier mächtigen Strömungen zu stellen. Zu diesem Zweck verkündete er unmittelbar nach seinem Eintreffen in Petrograd, daß die bolschewikische Partei

- den russischen Bauern das Land der Großgrundbesitzer übereignen wolle,

- einen sofortigen Frieden mit Deutschland anstrebe,

- den Völkerschaften Rußlands das Recht der Autonomie zugestehe und

- freie Wahlen für eine Verfassunggebende Versammlung ("Konstituante") fordere.

Keine dieser vier Parolen war von Lenin wirklich ernst gemeint. Alle vier Parolen waren im Grunde nur Versuche, sich der entsprechenden vier großen Wunsch-Strömungen, von denen das russische Volk damals beherrscht wurde, zu bemächtigen.

Die Schwierigkeit dieser Versuche lag für Lenin darin, daß auf jeden Fall drei dieser revolutionären Strömungen schon immer von den etablierten Parteien dirigiert worden waren. Die Bauern sahen ihre Wünsche durch die große Sozialrevolutionäre Partei vertreten. Der Wunsch fast aller Russen nach parlamentarischer Demokratie wurde vornehmlich durch die Konstitutionellen Demokraten ("Kadetten") repräsentiert, und das Verlangen der nichtrussischen Volkerschaften nach Autonomie hatte in einer ganzen Reihe nationalistischer Parteien seinen Sprecher gefunden.

Für Lenin kam es nun darauf an, diese etablierten Parteien von ihren traditionellen Gefolgschaften zu trennen, sie als lügnerisch zu entlarven und in den Augen der Massen als heuchlerisch darzustellen. Erst wenn ihm das gelang, konnte er hoffen, sich selbst an die Spitze dieser Strömungen zu stellen.

Als hervorragendes Mittel für diesen Zweck stand ihm die Friedenssehnsucht der Russen zur Verfügung. Die Sehnsucht nach Frieden hatte für Lenin zwei unschätzbare Vorzüge - nämlich:

- Als einzige der großen Strömungen war sie führerlos. Die bürgerlichen »Kadetten« waren enragierte Anhänger des Krieges gegen Deutschland. Die Sozialrevolutionäre und Menschewiken waren in ihrer Haltung gegenüber dem Krieg unsicher und in sich gespalten. In der Führung der Friedensbewegung hatte also Lenin keine ernsthafte Konkurrenz zu befürchten, nicht einmal unter den sozialistischen Parteien. Der andere Vorzug war vielleicht noch bedeutender:

- Der Frieden mit Deutschland bildete die Voraussetzung für die Verwirklichung aller anderen Wünsche - des Wunsches nach Demokratie, nach Autonomie, vor allem aber des Wunsches der Bauern nach Land. Solange der Krieg dauerte, war an die Einrichtung einer parlamentarischen Demokratie in Rußland nicht zu denken, noch weniger an die Etablierung neuer Staaten wie Estland oder Litauen, und schon gar nicht an eine Bodenreform.

Besonders die letzte Tatsache war von ungemeiner Wichtigkeit. Die Landreform war eine Forderung der Sozialrevolutionäre. Mit ihrer Forderung repräsentierte diese Partei praktisch vier Fünftel des russischen Volkes. Sie war also die weitaus stärkste Partei des Landes und mithin nach demokratischen Spielregeln mit weitem Vorsprung dazu prädestiniert, das revolutionäre Rußland zu führen.

Wie konnte es geschehen, daß diese Partei schließlich doch dem vergleichsweise lächerlich kleinen Haufen der Bolschewiken unterlag? Mit dem genialen Blick des großen Revolutions-Strategen hatte Lenin die Schwäche der Sozialrevolutionäre erkannt: Solange die Sozialrevolutionäre Partei sich nicht entschloß, Frieden mit Deutschland zu schließen, solange konnte sie den immer mächtiger werdenden Wunsch ihrer eigenen riesigen Wählermassen nach Land nicht erfüllen. Solange der Krieg mit ihrer - der stärksten Partei des Landes - Billigung fortdauerte, mußte sie ausgerechnet denjenigen Punkt ihres Programms verleugnen, der als Schlüssel zur russischen Revolution angesehen werden kann.

Gleich einem aus dem Schlaf erwachenden Riesen hatte sich im Jahre 1917 die Menschenmasse der fast 140 Millionen russischen Bauern in Bewegung gesetzt und griff nun nach dem Land, von dessen Besitz der russische Muschik seit Jahrhunderten geträumt hatte. Gemessen an dieser Revolution, wirkte die Petrograder Arbeiter- und Intellektuellen-Revolution wie das Gezänk von Spatzen auf dem Rücken eines Elefanten.

Die Sozialrevolutionäre hatten im Frühjahr 1917 die Zügel der Revolution des »Elefanten« in der Hand. Seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts galten sie als die etablierten Führer der russischen Bauern-Revolution. Sie hätten diesen Aufstand des Muschiks zweifellos zum Siege führen können, wenn sie mit Deutschland Frieden geschlossen und eine geordnete Landreform durchgeführt hätten. Indes, im entscheidenden Augenblick ließen sie die Zügel dieser Revolution fallen - weil sie sich

von dem eben zu ihnen gestoßenen Kerenski zur Fortsetzung des Krieges gegen Deutschland verführen ließen. An ihrer Stelle haschte Lenin nach der Kandare der Bauern-Revolution - um diese Revolution abzuwürgen.

Lenins Strategie, insbesondere gegenüber den Sozialrevolutionären, war von geradezu atemraubender Kühnheit und Gedankenschärfe. Er hatte den schwachen Punkt erkannt, an dem die Sozialrevolutionäre vor der Geschichte und vor ihrem eigenen Programm erbärmlich versagten. Aber es kam für ihn auch darauf an, die Erbärmlichkeit seiner Gegner den Massen deutlich zu machen.

Das war keineswegs leicht. Nach der Februar-Revolution trug die bürgerliche Regierung des Fürsten Lwow jedenfalls formal allein die Verantwortung für den Krieg. Im Petrograder Sowjet, in dem Menschewiken und Sozialrevolutionäre das große Wort führten, konnte man also ohne jede Verantwortung in pathetischen, wenn auch unklaren Formulierungen vom Frieden reden.

Als Lenin nach Petrograd zurückgekehrt war, machte er darum einen meisterhaft berechneten Schachzug, der darauf abzielte, Sozialrevolutionäre und Menschewiken aus dem Versteck ihrer angeblichen Unverantwortlichkeit für den Krieg herauszujagen. Er gab die Parole aus: »Alle Macht den Sowjets!«

Lenins Parole verlangte, Sozialrevolutionäre und Menschewiken sollten anstelle der bürgerlichen Regierung Lwow die Macht übernehmen und dann verantwortlich darüber entscheiden, ob Rußland den Krieg fortsetzen oder eine Landreform durchführen solle. Damit wollte Lenin die Sozialrevolutionäre vor die für die Entwicklung der Revolution entscheidende Frage stellen.

Entschlossen sich dann Sozialrevolutionäre und Menschewiken - wie sie es tatsächlich später taten - für die Fortsetzung des Krieges, dann war er, Lenin, fortan der einzige glaubwürdige Repräsentant des Wunsches nach Frieden, nach Landreform, nach Autonomie und nach Demokratie.

Die Parole »Alle Macht den Sowjets!« bezeichnete mithin den Punkt, von dem aus Lenin die riesige Front seiner Gegner, und zwar nicht nur seiner bürgerlichen, sondern gerade auch seiner sozialistischen Gegner, aufzurollen gedachte. Entschieden sich seine Gegner für den Krieg, dann war alles weitere nur noch ein zwangsläufig abspulender Mechanismus:

- Die mächtige Friedens-Sehnsucht der Russen mußte dann in ihm, Lenin, ihren eigentlichen und einzigen Führer erkennen,

- der Wunsch der Bauern nach Land von ihm Erfüllung erwarten,

- Rußlands Verlangen nach Demokratie ihn als Garanten anerkennen,

- die Autonomie-Bestrebungen der nichtrussischen Völker mußten in ihm ihren Befürworter sehen.

Allerdings gab es in diesem ganzen Riesenplan Lenins einen höchst unsicheren Faktor - und zwar an entscheidender Stelle. Letztlich basierte dieser Plan auf der Erwartung, daß die großen Wunsch-Strömungen Rußlands durch den Krieg bis zum Siedepunkt einer neuen Revolution getrieben würden. Diese Voraussetzung aber war keineswegs sicher. Es bestand - für Lenin - durchaus die Gefahr, daß Deutschland bereits im Sommer 1917 zusammenbrach oder, wie er später annahm, die kriegführenden Mächte Europas einen Frieden ohne Sieger schließen würden.

Für diesen Fall mußte Lenin befürchten, daß die russischen Massen sich für unabsehbare Zeit von der Idee einer Revolution abwenden würden. Das war eine Perspektive, die Lenin sehr beunruhigte und die ihm den Gedanken nahelegte, die Revolution so bald wie möglich zu erzwingen und sie noch vor Abschluß des Reifeprozesses der trägen Massen in Gestalt eines »Putsches« durchzuführen, also in Form eines militärischen Handstreichs ohne Beteiligung der Massen.

Doch Lenin hatte damals als Parteiführer keineswegs freie Hand, und insbesondere hätte er damals, im Frühsommer 1917, seine Unterführer nicht dazu bringen können, sich an einem Putsch zu beteiligen. Wie allen Marxisten war ihnen der »Putschismus« oder »Blanquismus« (so genannt nach dem französischen Sozialisten Blanqui, der einer der führenden Köpfe der Revolutionen von 1830 und 1848 in Frankreich war) ein Greuel.

Lenin war in einer prekären Lage. Einerseits mußte er damit rechnen, daß die russischen Massen auch bei Kriegsende noch nicht für eine Revolution reif sein würden. Auf der anderen Seite aber weigerte sich seine Partei, einen Putsch durchzuführen.

Lenins Befürchtung, der Krieg könne. infolge einer deutschen Niederlage gegen die Westmächte vielleicht schon im Sommer 1917 enden, war nicht aus der Luft gegriffen. Im April 1917 war Amerika in den Krieg gegen Deutschland eingetreten. Amerikanisches Geld, amerikanische Waffen und amerikanische Soldaten begannen nach Europa zu

strömen. Im alliierten Lager, auch in Petrograd, faßte man neuen Mut und neue Hoffnung. Lenin hatte in der Tat keine Zeit, den langwierigen Prozeß der revolutionären Bewußtseinsbildung abzuwarten. Er mußte handeln, schnell handeln.

Dieser Zwang wäre Lenin beinahe zum Verhängnis geworden. Dreimal unternahm er im Frühjahr und Sommer 1917 putschähnliche Tastversuche mit dem Ziel, zu sondieren, ob die Lage in Petrograd für einen Umsturz reif sei. Zweimal konnte er die Spuren seiner Sondierungen so verwischen, daß man ihn nicht ertappte. Beim dritten Versuch - Mitte Juli - entglitt jedoch die Entwicklung Lenins Führung, und Kerenski entlarvte ihn als den eigentlichen Urheber einer Meuterei unter den Soldaten des Petrograder Militärbezirks. Lenin mußte fliehen, und es sah so aus, als ob seine Revolution damit für immer gescheitert sei.

Überblickt man heute den Plan der revolutionären Strategie, mit dem Lenin am 16. April 1917 auf die russische Bühne trat, so fällt es schwer zu sagen, was man mehr bewundern soll: den Scharfsinn, mit dem Lenin die psychischen und historischen Mechanismen Rußlands analysiert hatte, oder aber den Mut, den er bei der Verwirklichung seines Planes zeigte. Freilich, wie bewundernswert heute auch Lenins Intelligenz, Phantasie und Mut erscheinen mögen, bei seinen Zeitgenossen erregten sie zunächst Abscheu und Furcht.

Trotzki berichtet, daß Lenins Rede im Kschessinskaja-Palast in der Nacht vom 16. auf den 17. April vorwiegend Furcht erregt habe. Sogar Lenins eigene Revolutions-Strategen wurden von unheimlichen Gefühlen überfallen, als ihr Führer seine Pläne vor ihnen entwickelte.

Die Bolschewiken-Führer, die Lenin in Petrograd vorfand, waren nicht gewillt, den Weg des Putsches zu gehen.

Sie hatten Sehnsucht nach dem Stallgeruch der Mehrheit, nach der Wärme sozialistischer Kameradschaft aller Bauern und Arbeiter, nach dem Pathos der revolutionären Spontaneität, nach der Wiedervereinigung mit den Menschewiken, nach der Wiederherstellung der alten, ehrwürdigen Russischen Sozialdemokratischen Partei, die 1898 in Minsk gegründet worden war und zu der sie alle, ob Menschewiken oder Bolschewiken, einmal gehört hatten.

Es sei Wahnsinn, so meinten die Revolutionsgeneräle Lenins, an eine isolierte bolschewistische Revolution auch nur zu denken. Es sei Wahnsinn, auch noch die ideologischen Gesinnungsfreunde, die Menschewiken, vor den Kopf zu stoßen. Man müsse sich, so meinten sie, mit ihnen vereinen und so - wenn überhaupt - zu einer sozialistischen Mehrheit gelangen.

Deshalb hatten Tschcheidse, der Menschewikenführer, sowie Kamenew und Stalin, die Führer der Petrograder Bolschewiken, vor Lenins Ankunft eine Konferenz beider Parteien einberufen, welche die Wiedervereinigung vorbereiten sollte. Die Konferenz hatte schon mehrmals getagt und sollte am Morgen des 17. April erneut zusammentreten.

Lenin verbrachte die Nacht vom 16. zum 17. April in der Wohnung seiner Schwester Anna. Es muß eine unruhige Nacht für ihn gewesen sein; denn es war klar, daß seine revolutionäre Strategie scheitern würde, wenn die Wiedervereinigung von Menschewiken und Bolschewiken beschlossen werden sollte. Welchen Sinn sollte seine Parole »Alle Macht den Sowjets!« haben, wenn die Bolschewiken als Parteigenossen der Menschewiken auf die Politik des Krieges festgenagelt wurden?

Lenin muß sich in jener Nacht klar darüber gewesen sein, daß bei der für den Morgen des 17. anberaumten Konferenz seine ganze Strategie, sein Lebensplan überhaupt, die russische sozialistische Revolution, auf dem Spiele standen.

Es läßt etwas von dem Menschen Lenin ahnen, daß er am Morgen des 17. nicht sofort zur Konferenz fuhr. Er bestellte ein Auto, ließ sich zum Friedhof fahren, ging zum Grab seiner Mutter und verweilte einige Zeit mit entblößtem Haupt.

Die Wiedervereinigungs-Konferenz tagte im Taurischen Palast. Lenin gelang es erst nach einer ungeheuren rednerischen Anstrengung, seine Bolschewiken von der Schwelle der Wiedervereinigung zurückzureißen. Teile seiner Rede gingen in Verzweiflungsrufen und tumultuarischen Ausbrüchen der Empörung unter. Aber schließlich folgten ihm seine Anhänger doch, wenn auch in desperater Stimmung.

Diese Stimmung zeigte sich auf drei kurz hintereinander folgenden bolschewistischen Konferenzen. In der ersten (am 21. April) wurde Lenin von der Opposition mit dreizehn zu zwei Stimmen geschlagen. Auf den beiden anderen Konferenzen erzielte Lenin nur knappe Siege über eine Opposition, zu der die wichtigsten Führer der Partei gehörten: Sinowjew, Kamenew, Stalin, Rykow und Pjatakow.

Sehr bald aber zeichnete sich deutlich eine Entwicklung ab, die zeigte, wie recht Lenin mit seiner Politik der bolschewistischen Isolation hatte.

Am 1. Mai wurde in Petrograd eine Note der Regierung Lwow bekanntgegeben, in der sie den westlichen Alliierten versprach, Rußland werde bis zum Endsieg an ihrer Seite kämpfen.

Die Verlegenheit des Petrograder Sowjet, insbesondere der Sozialrevolutionäre und Menschewiken, gegenüber dieser Erklärung der von ihm ausgehaltenen Regierung war groß. Daß die Regierung Lwow den Krieg ohne viele propagandistische Redensarten, sozusagen stillschweigend fortsetzte, konnte der Sowjet noch gerade akzeptieren. Laute Endsieg-Proklamationen indes glaubten die Sozialisten vor den russischen Massen nicht vertreten zu können.

Zwei Tage nach der unbehaglichen Note brach denn auch der Sturm auf den Straßen von Petrograd los - vermutlich von Lenin angefacht. Jedenfalls hat Trotzki später diesen sogenannten Mai-Aufstand als einen »Versuchsballon« und eine »Sondierung« Lenins bezeichnet, die den Zweck verfolgte, »die Stimmung der Massen und ihr Verhältnis zur Mehrheit des Sowjet« zu prüfen.

Am 3. Mai erschien auf dem Newski-Prospekt das in Petrograd stationierte Finnische Regiment und demonstrierte bewaffnet für den Frieden. Rund 25 000 Menschen schlossen sich an.

Die Regierung mobilisierte daraufhin Gegendemonstrationen. Auch an ihnen beteiligten sich Soldaten der Petrograder Garnison. Es gab Zusammenstöße und Schießereien, aber schließlich schlief der sogenannte Aufstand wieder ein - und zwar vornehmlich deswegen, weil die Masse der Soldaten nicht recht wußte, zu welchem Lager sie halten sollte.

Diese unklare Haltung war das Resultat der total verworrenen Befehlsverhältnisse im Petrograder Militärbezirk. Die Kommandeure der Garnison waren zum großen Teil Reserve-Offiziere, also von Haus aus revolutionär infizierte Rechtsanwälte, Lehrer und andere Akademiker. Viele waren im ersten Rausch der Februar-Revolution von ihren Einheiten anstelle der vorher befehlenden adligen Offiziere zu Kommandeuren gewählt worden.

Neben den Offizieren gab es in jeder Einheit Soldatenräte, die bei allen politisch wichtigen Anlässen mitredeten.

Darüber hinaus schließlich war unklar, welche Amtsstellen überhaupt befugt waren, der Garnison Befehle zu erteilen. Laut Anweisung des Petrograder Sowjet durfte das Militär nur dann der Regierung gehorchen, wenn deren Befehle nicht anderslautenden Befehlen des Sowjet widersprachen.

Unter diesen Umständen konnten tüchtige Agitatoren zuweilen ganze Regimenter in das eine oder andere Lager führen, und insgesamt bot die Garnison das chaotische Bild sowohl militärischer als auch politischer Zerrissenheit und Auflösung.

Wenn der Mai-Aufstand laut Trotzki auch zu der enttäuschenden Schlußfolgerung geführt hatte, daß für eine

Revolution noch »eine lange Vorbereitungszeit nötig« sei, so hatte dieser erste zögernde Putschversuch Lenins doch ein für Lenin sehr positives Ergebnis gezeitigt: Mitte Mai traten der Außenminister Miljukow und der Kriegsminister Gutschkow zurück. Die bürgerlichen Parteien waren von da an nicht mehr bereit, allein die Vers antworturig für die Fortsetzung des Krieges zu fragen. Sie forderten, daß der Sowjet - das hieß vor allem die Menschewiken, und Sozialrevolutionäre - nun auch seinerseits ein Stück der Verantwortung für den Krieg übernähme.

Menschewiken und Sozialrevolutionäre konnten nicht umhin, dieser Forderung nachzugeben. Kerenski, vorher Justizminister, wurde nun Kriegsminister. Weitere fünf Ministersessel wurden mit Menschewiki, Sozialrevolutionären und parteilosen Sozialisten besetzt. Die bürgerlichen Parteien behielten neun Kabinettssitze, und Fürst Lwow blieb Ministerpräsident.

Damit war genau die Situation eingetreten, die Lenin sich als die optimale seiner Taktik errechnet hatte: Menschewiki und Sozialrevolutionäre mit den verhaßten Kapitalisten und Großgrundbesitzern in einer Regierung und er, Lenin, fortan der einzige glaubwürdige Repräsentant der sozialistischen Revolution.

Auch der angebliche Friedenswille der Menschewiki und Sozialrevolutionäre entpuppte sich in dieser Lage schnell als eine Lüge. Aus Belgien, Frankreich und England reisten sozialistische Gesinnungsfreunde - wie der französische Sozialist und Arbeitsminister Thomas - nach Rußland und ermahnten die Genossen zum Kampf bis »zur endgültigen Niederläge der letzten Vertreter der Autokratie in Europa«, das hieß vor allem: bis zur Niederlage des wilhelminischen Deutschland.

Am 29. Mai eröffnete US-Präsident Wilson den Russen einen 100-Millionen-Dollar-Kredit und versprach noch mehr Geld. Am 13. Juni traf in Petrograd Wilsons Sonderbotschafter Elihu Root ein. Er erklärte die Russen »für ein anständiges, nettes und gutmütiges Volk«, meinte jedoch andererseits, daß sie im Augenblick »etwas durcheinander und verrückt« seien. Für alle Fälle machte er ihnen klar: »No fight, no loans!« - auf deutsch: Keinen Krieg, keine Dollars.

Solchem Zureden widerstanden weder Sozialrevolutionäre noch Menschewiki wie Lenin vorausgesehen hatte. Am 31. Mai ließ die deutsche Reichsregierung den sozialistischen Parteien Rußlands durch Vermittlung der schweizerischen Bundesregierung ein Friedensangebot übermitteln. Es blieb ohne Antwort.

Am 16. Juni trat in Petrograd der erste Allrussische Sowjet-Kongreß zusammen. Von 1088 Sitzen nahmen die Bolschewiki 105. die Menschewiki 248 und die Sozialrevolutioniäre 285 ein. Die restlichen 450 Delegierten waren vorwiegend Bauern und neigten zu den Sozialrevolutionären.

Wichtigstes Thema des Kongresses war die für Juli geplante russische Großoffensive, später Kerenski- oder (nach dem russischen Oberbefehlshaber) auch Brussilow-Offensive genannt. Der Kongreß gab mit großer Mehrheit seine Genehmigung zu diesem Unternehmen. Sozialrevolutionäre und ein großer Teil der Menschewiki hatten sich damit, allen Russen sichtbar, auf den Krieg festgelegt.

Den Kern der Opposition bildeten die Bolschewiki. Das war für Lenin ein bedeutender Erfolg: Zum ersten Male konnte er sich vor dem gesamten russischen Volk als der einzige bedeutende Anwalt des Wunsches nach Frieden zeigen.

Lenin verkündete auf dem Kongreß, daß seine Partei bereit sei, die Regierung in Rußland allein zu übernehmen. In das donnernde Gelächter hinein brüllte er: »Lacht, soviel ihr wollt!« Dann entwickelte er sein Programm Er verlangte, »daß alle jene unglaublichen Kriegsprofite von 500 bis 800 Prozent, die von den Kapitalisten an den Kriegslieferungen verdient worden sind, veröffentlicht werden«. Ein halbes oder ganzes Hundert der Kapitalisten müßten sofort verhaftet werden.

Als Lenin an diese Stelle seiner Rede gekommen sei, berichtete ein Augenzeuge später, »lief er wie ein Tiger hinter Gittern auf und ab; er verdrehte die Augen bei der wonnigen Vorstellung, daß fünfzig Kapitalisten in Käfigen durch die Straßen geschleppt würden. Er sprudelte seine Worte wie ein Besessener hervor«.

Während der Kongreß noch tagte, glaubte Lenin, der Zeitpunkt für einen zweiten putschähnlichen Tastversuch sei nun gekommen. Er sollte am 23. Juni stattfinden. Indes, dieser Versuch wurde von Lenins Gegnern frühzeitig entdeckt. Lenin ließ ihn in allerletzter Minute abblasen.

Selbstverständlich leugnet die bolschewistische Geschichtsschreibung, daß Lenin am 3. Mai und am 23. Juni einen Putsch versucht oder geplant habe. Sie leugnet auch den dritten Putschversuch, der am Nachmittag des 16. Juli begann und nach dreitägigen Straßenkämpfen in Petrograd zu einer Niederlage der Bolschewiken führte. Richtig ist, daß der dritte Putsch nicht nach Lenins Plan verlief. Er brach zu früh los.

Am 1.Juli eröffnete der Oberbefehlshaber der russischen Armee, General Brussilow, in Galizien, wo sich Russen und Österreicher gegenüberlagen, seine seit langem geplante Großoffensive

Anfangs kamen Brussilows Divisionen gut voran. Für Lenin müssen diese ersten Tage der Brussilow-Offensive eine harte Nervenprobe gewesen sein. Sollten die Mittelmächte doch früher als erwartet zusammenbrechen? Sollte es dazu kommen, daß der Scharlatan Kerenski, vom Siegeslorbeer umkränzt, an der Spitze einer siegreichen russischen Armee in Petrograd einziehen würde? Zeigte die Kriegsmüdigkeit der russischen Massen nicht schon Zeichen des Umschlagens in Siegeszuversicht, nationalen Stolz und kriegerische Begeisterung?

Indes, es kam anders. Nach den Anfangserfolgen blieben Brussilows Divisionen liegen. Mitte Juli trafen auf dem galizischen Kriegsschauplatz deutsche Truppen ein. Am 19. traten sie bei Tarnopol zum Gegenangriff an. Die Russen ergaben sich kompanieweise und wurden Ende Juli auf ihre Ausgangspositionen zurückgeworfen.

Wie hatte nun Lenins Plan für den Fall des Zusammenbruchs der Brussilow-Offensive ausgesehen? Stalin hat diesen Plan später ausgeplaudert. Auf dem Sechsten Parteitag der Bolschewiki Anfang August 1917 sagte er: »Wir hatten beschlossen, die Offensive abzuwarten und ihr Zeit zu lassen.« Weiter wurde beschlossen, »auf keinen Fall auf eine Provokation einzugehen, solange die Offensive dauerte, ... und der Provisorischen Regierung Zeit zu lassen, bis ans Ende ihres Lateins zu kommen«.

Mit anderen Worten: Lenin beabsichtigte, die Begeisterung über die Anfangserfolge Brussilows vorüberrauschen zu lassen, und er beabsichtigte, die Depression nach dem militärischen Zusammenbruch auszunutzen.

Dieser Plan enthielt ein kritisches Moment: Während man auf das Scheitern Brussilows wartete, mußte die rebellische Stimmung unter den Soldaten der Petrograder Garnison wachgehalten, aber auch gebremst werden. Das war äußerst wichtig, denn wenn die Bereitschaft zur Meuterei allzusehr ansteigen würde, war damit zu rechnen, daß die Provisorische Regierung die aufsässigsten Regimenter an die Front schicken würde. Dadurch wären den Bolschewiki die Stoßtruppen ihres Putsch-Planes aus der Hand geraten. Ebenso durfte die Stimmung der Soldaten nicht zum Antrieb für selbständiges Handeln werden.

Eben das aber trat am Nachmittag des 16. Juli ein - und zwar bei einem Regiment, das von den Bolschewiki als eine Art Leibwache des Kschessinskaja-Palais gehätschelt wurde: beim Ersten russischen Maschinengewehr-Regiment.

Unter den Soldaten waren Gerüchte aufgetaucht, wonach die Regierung den Abtransport an die Front befohlen habe. Möglicherweise waren diese Gerüchte von den Bolschewiki ausgestreut worden, um die Meuterstimmung hochzuhalten (Lenin später: »Wir haben damals ziemlich viel Fehler gemacht"), möglicherweise aber waren sie auch von ängstlichen Gemütern aufgebracht worden.

Wie dem auch sei, die von den Bolschewiki sorgfältig für das Datum ihres Putsches aufgestaute Stimmung begann sich nun selbständig zu machen. Die MG-Soldaten schickten Botschaften an die Arbeiter des Wyborger Bezirks und an die Kronstädter Matrosen, sie sollten sich an der geplanten Demonstration beteiligen.

Lenin befand sich auf Urlaub in Finnland, ein Zeichen dafür, daß er zu diesem Zeitpunkt keine Aktionspläne hatte. Trotzki, der sechs Wochen vorher aus New York nach Rußland heimgekehrt war, versuchte inzwischen die Soldaten zu bremsen. Vergebens.

Die Soldaten und die Arbeiter versammelten sich vor dem Kschessinskaja-Palais. Von dort marschierten sie zum Taurischen Palast, unter Lenins Parolen »Nieder mit der Provisorischen Regierung!«, »Alle Macht den Sowjets«.

Der erste Tag verlief noch glimpflich. Der Abend brach herein, ehe die Demonstration ihren Höhepunkt erreicht hatte, und die Teilnehmer verliefen sich.

In der Nacht tagte das ZK der Bolschewiki. Es stand vor einer schweren Frage. Verweigerte die Partei der wilden Demonstration ihre Unterstützung, so entstand ein Riß zwischen ihr und den Massen - eine Möglichkeit, die sehr bedenklich stimmen mußte, weil die Partei diese Massen später bei dem geplanten Putschversuch brauchen würde. Wenn die Partei bei dem ohne ihren Befehl losgebrochenen Aufstand nicht mitmachte, dadurch möglicherweise einen Erfolg verhinderte, konnte sie dann wirklich erwarten, daß sie wenige Tage später nun ihrerseits zu einem Aufstand aufrufen könnte? Würde dann nicht das Pulver der Erregung verschossen sein?

Am Morgen des 17. Juli erschien die »Prawda« mit einem weißen Fleck auf der Frontseite. Aber das ZK hatte beschlossen, sich nunmehr in den revolutionären Prozeß einzuschalten. In der offiziellen Stalinschen Geschichtsschreibung liest sich das heute so: »Die bolschewistische Partei war gegen eine bewaffnete Aktion in diesem Augenblick. Als aber klar wurde, daß es unmöglich war, die Massen von der Demonstration abzuhalten, beschloß die Partei, an der Demonstration teilzunehmen, um ihr einen friedlichen und organisierten Charakter zu geben.«

Einen »friedlichen Charakter« zu geben? Am Abend des 16. hatten die Kronstädter Matrosen im Kschessinskaja-Palast angerufen. Ihr Sprecher sagte, sie wollten am 17. nach Petrograd kommen, um an der geplanten Demonstration teilzunehmen. Der Sprecher wollte wissen, ob sie dabei ihre Waffen mitnehmen sollten.

Am Telephon des Kschessinskaja-Palais war Stalin. Er antwortete: Wenn wir Journalisten irgendwo hingehen, dann nehmen wir immer unsere Waffen mit - unsere Bleistifte.«

Als die Matrosen am Morgen des 17. mit zwei Zerstörern nach Petrograd in See gingen, hatten sie ihre »Bleistifte« dabei: Gewehre und Maschinengewehre. Es dauerte jedoch bis fünf Uhr nachmittags, ehe sie vor den Taurischen Palast gelangten.

Erfolg oder Nicht-Erfolg eines Handstreichs in einer turbulenten Situation hängen von vielen unterschiedlichen Faktoren ab: von der Tüchtigkeit der revolutionären Organisation, von der Entschlossenheit der Führer, von der Disziplin der Kader und - von Zufällen. Die Geschichte des 17. Juli ist ein Lehrbeispiel hierfür:

- Am Morgen des 17. erreichte Lenin, aus Finnland kommend, den Schauplatz der Ereignisse. Angesichts der undurchsichtigen Lage manövrierte er vorsichtig. In einer Rede an die Massen vor dem Kschessihskaja-Palais bestätigte er die wichtigste Parole der Demonstranten ("Alle Macht den Sowjets"), sagte aber nichts, was als Aufforderung zur bewaffneten Aktion hätte ausgelegt werden können.

- Als die Matrosen vor dem Taurischen Palast anlangten, nahmen sie den sozialrevolutionären Minister Tschernow fest. Es sah so aus, als ob sie ihn lynchen wollten. Trotzki kam dem Bedrohten zu Hilfe und rettete ihn. Aber die Rede, die Trotzki zu diesem Zweck halten mußte, kühlte den Furor der Matrosen ab.

- Trotzki hatte das - revolutionär gestimmte - 176. Reserve-Regiment aus Zarskoje Selo zum Taurischen Palast gerufen, um »die Revolution zu retten«. Als das Regiment dort eintraf, gab es keinen Bolschewiken, der es einweisen konnte. Ein beherzter Menschewik namens Fjodor Dan nahm die Chance wahr und setzte das Regiment zum Schutze des Taurischen Palastes ein. Das Regiment war damit auf menschewikischer Seite engagiert.

- Als am Abend eine neue Demonstrantenwelle gegen den Taurischen Palast anbrandete, ging ein Platzregen nieder. Die Wut der Menge verzischte. Die Massen eilten, unter Dach zu kommen.

Der 17. war ein Mißerfolg gewesen. Der Sowjet faßte Mut, als er bemerkte, daß,er den ersten bolschewikischen Angriff überstanden hatte. Auch die Massen begannen zum Sowjet überzulaufen - nicht zuletzt deswegen, weil sie unverhofft der Zweideutigkeit der Leninschen Parole »Alle Macht den Sowjets« konfrontiert wurden. Am Abend waren die Führer einer Demonstration in eine Sitzung des Sowjet eingedrungen und hatten ihn aufgefordert, die Macht zu übernehmen. Tschcheidse überreichte der Deputation daraufhin eine Resolution eben dieses Sowjet, in der sie aufgefordert wurde, ihre Demonstration abzublasen. Die Führer der Demonstranten starrten hilflos auf das Papier, ohne sich einen Vers darauf machen zu können.

Am Morgen des 18. traten Sowjet, Regierung und die hinter ihnen stehenden Elemente zum Gegenangriff an: Die Druckerei der »Prawda« wurde gestürmt, die Maschinen wurden zertrümmert. Am Abend des 18. Juli sah das bolschewikische ZK ein, daß es sich nunmehr deutlich von dem gescheiterten Unternehmen distanzieren müsse.

Aber nun war es zu spät. Am 19. erließ der von der Front zurückgekehrte Kerenski Haftbefehle gegen Lenin und Sinowjew, und es war niemand da, der beide zu schützen gewillt war. Lenin und Sinowjew mußten sich verstecken und flohen nach Finnland. Trotzki stellte sich später der Verhaftung. (Nur Stalin blieb in Freiheit.) Lenins Sache schien verloren.

Eine mit größtem Scharfsinn vorgenommene Analyse der psychischen und historischen Mechanismen Rußlands hatte sich als nutzlos erwiesen. Ein glänzend kalkulierter Plan war gescheitert. Und woran? An einem Platzregen, an der Sentimentalität eines Unterführers, an einem albernen Mißverständnis.

Hatte Lenin überhaupt noch eine Chance?

Nächste Woche:

Die russische Revolution zwischen Lenins Flucht und Lenins Rückkehr; der Putsch-Versuch des Kosaken-Generals Kornilow gegen Kerenski.

Revolutionsführer Kerenski

Hoffnung auf Lorbeer

Revolutionäre Soldaten-Versammlung an der Front (1917): Sehnsucht nach dem Bett

Lenin-Opponent Rykow

Auf dem Rücken des Elefanten ...

Lenin-Opponent Pjatakow

... ein Gezänk von Spatzen

Sowjet-Präsident Tschcheidse

Mit Stalin kontra Lenin

Offensiv-General Brussilow

Siegreich in Galizien ...

... bis die Deutschen kamen: Russische Kriegsgefangene (1917)

Ankunft der Kronstädter Matrosen in Petrograd am 17. Juli 1917: Bringt die Bleistifte mit!

US-Sonderbotschafter Root

Kein Krieg, keine Dollars

Franzose Thomas*, Russen: Kein Sieg, kein Friede

Molotow, Lenin, Stalin (1917 in der »Prawda«-Redaktion): Flucht, als der Regen kam

* Der französische Sozialist und Arbeitsminister Albert Thomas bei einer Durchhalte-Rede an der russischen Front.

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